Hintergrund - Die geplante Reform des Urheberrechts alarmiert vor allem Kreative aus dem Musikbereich – durchaus berechtigt In 15 Sekunden passiert so viel

Von 
Georg Spindler
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„Yeah, Yeah, Yeah“? Laut Bundesregierung sollen künftig 15 Sekunden Musik, auch von den Beatles (hier 1966 in München), kostenlos verwendet werden dürfen. © dpa

Die Kultur hat es schwer in diesen Zeiten. Der Lockdown ist schon schlimm genug. Nun sorgen die Pläne der Bundesregierung zur geplanten Novellierung des Urheberrechtsgesetzes für Ärger. Vor allem die Obergrenze von 15 Sekunden, die aus einem Musikstück – bei nur minimaler Vergütung – in sozialen Netzwerken verwendet werden sollen, ruft zahlreiche Kreative auf den Plan.

  • Die Bundesregierung stellt den 2019 mühsam erarbeiteten Kompromiss der EU-Richtlinie an einem entscheidenden Punkt auf den Kopf: Eigentlich sollen Plattformen wie YouTube ihr Bestmögliches unternehmendie bis Sommer in nationales Recht umgesetzt werden soll. (Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Musikindustrie, Berlin/Heidelberg).
  • Und bei einem Zahnarzt krieg ich dann auch zehn bis zwölf Sekunden gratis die Zähne angeschaut?“ (Nicole Johänntgen, Ex-Mannheimer Saxofonistin, Zürich).
  • Die Urhebergesetz-Novelle stellt eine weitere entlarvende Respektlosigkeit gegenüber der Musik beziehungsweise Kultur dar und passt gut zu den Erfahrungen, die man in Corona-Zeiten als Musiker/Künstler mit der Politik, auch den ,Kultur- Experten’, macht.“ (Claus Boesser-Ferrari, Gitarrist. Laudenbach).
  • Mich persönlich würde es nicht sonderlich schmerzen wenn jemand 15 Sekunden ein Stück von mir anhört, da sich der Inhalt einer Komposition nach so kurzer Zeit nicht erschließt.“ (Christian Eckart, Gitarrist, Weinheim).
  • Die 15 Sekundengrenze ist lächerlich. Um mal einen Vergleich zum Alltag zu ziehen: Ich kann ja auch nicht in den Supermarkt gehen und bekomme 100 Gramm Salat geschenkt, weil es nur zum ,Anteasen’ ist? Ausgerechnet das sogenannte ,Land der Dichter und Denker’ möchte sich vom EU-Gesetz dadurch abheben, dass es den Interessen der großen Internet-Konzerne mehr Gehör schenkt als den Urhebern.“ (Alexandra Lehmler, Saxofonistin, Mannheim). gespi
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Während bei Texten das Limit von 160 Zeichen nur die Wiedergabe von vier, fünf Gedichtzeilen erlaubt, ist die Lage im Kunstbereich ganz anders. Dort sollen Fotos bis 125 Kilobyte genutzt werden können. Damit könnten auf Handys, den maßgeblichen Verbreitungsmedien, nicht nur Teile, sondern komplette Kunstwerke genutzt werden, kritisiert Urban Pappi, geschäftsführender Vorstand der Verwertungsgesellschaft VG Bild-Kunst, auf Anfrage.

„Wir erachten das als Diskriminierung des Bildbereichs“, so Pappi. Er fordert daher, statt Kilobyte müsste Pixel als Maßeinheit gelten. Kritisch beurteilt er auch, dass bei Nutzugsverstößen die Künstler aktiv werden und Internetplattformen anzeigen müssten – „warum nicht die Nutzer?“, fragt er. Für erstrebenswert hält er Lizenztarife, die sich nach der Intensität der Nutzung richten. Gespräche darüber zwischen der VG Bild-Kunst und Bildagenturen seien bereits im Gange.

Kreativer Kern einer Komposition

Hitzig diskutiert wird die 15-Sekunden-Regelung im Musikbereich. Das mag sich nicht nach viel anhören. Wer aber einmal den Test macht, dürfte überrascht sein, was da alles hineinpasst. Bei „She Loves You“ von den Beatles etwa sind das nicht nur zehn Takte Musik, sondern auch das, was den Song so bezwingend macht – der Refrain und das „Yeah, Yeah, Yeah“. Das war seinerzeit nicht nur für DDR-Staatschef Walter Ulbricht das Angriffssignal des dekadenten Westens, der den Untergang des östlichen Paradieses für alle Werktätigen im Sinn hatte. In Frankreich wurde in den 1960ern sogar ein ganzes Popgenre nach dem jugendlichen Schlachtruf benannt.

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Bei anderen Lennon/McCartney-Stücken wie „Can’t Buy Me Love“, das gleich mit dem Refrain beginnt, steckt in 15 Sekunden das drin, was man heute neudeutsch als „Hookline“ bezeichnet. Darunter versteht man jene Songelemente, die bei einem Stück erst dafür sorgen, dass es sich sozusagen wie mit Haken („Hook“) im Kopf des Zuhörers festkrallt. Letztlich das, was den kreativen Kern einer Popsong-Komposition ausmacht.

Hit-Refrains komplett ungeschützt

Das gilt übrigens auch für die Rolling Stones, etwa bei „Start Me Up“ oder „Jumpin’ Jack Flash“. Eingedenk dessen, kann man nun munter durch die Popgeschichte surfen und wird feststellen, dass in der fraglichen Zeitspanne bei vielen Pop-Hits eben dies der Fall ist. Sie beinhalten oftmals die charakteristischen, meist für die Hit-Qualitäten essenziellen Passagen eines Liedes.

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Einige Beispiele von Musik aus der Region: Bei „Schatten an der Wand“, dem Hit der Jule Neigel Band, passen in 15 Sekunden wahlweise die „Hook“, also der Refrain, oder acht Takte der Strophe. Das reicht, um das Wesen des Songs auszumachen. Bei Xavier Naidoos „Dieser Weg“ passt der Ohrwurmteil des Refrains in die Zeitspanne. Ebenso verhält es sich mit Stücken von Rapper Apache 207 wie „Fame“: Der komplette Refrain („Scheiße, Mann, jetzt sind wir also fame. Ey yo, was geht? Ey yo, was geht?“) spielt sich gleichfalls in 15 Sekunden ab.

Kulturferne Entscheider

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Auf dem vermeintlich weitaus komplexeren Gebiet des Jazz ist Überraschendes festzustellen: Da gibt es Stücke, die komplett in die Zeiteinheit passen. Wer’s nicht glaubt, möge sich schnelle Bluesnummern von Charlie Parker wie „Au Privave“ anhören: Der Saxofonist preschte mit einem derartigen Tempo durch die zwölf Takte, dass das gesamte Thema in 14 Sekunden durch war.

Noch schneller war John Coltrane. In einer ganzen Reihe von Stücken benötigte er gerade mal ein gutes Dutzend Sekunden für die Melodie: bei Bluesnummern etwa wie „Cousin Mary“ oder „Mr. P.C. Blues“. Vor allem aber braucht das Thema seines bahnbrechenden „Giant Steps“ nur 13 Sekunden, derart forsch jagt er durch die hochkomplexen Harmonien seiner Komposition, die zu einem Standard avancierte.

Die Protagonistinnen und Protagonisten der geplanten Urheberrechtsreform haben also offensichtliche keine Vorstellung davon, was einen Popsong ausmacht. Von der Rasanz eines Jazzvirtuosen haben sie erst recht keine Ahnung. All das ist leider nur ein weiteres Symptom für die Kulturferne vieler Mandatsträger und -trägerinnen.

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