Geschichte: Jetzt auf Deutsch erschienen - das "Pariser Tagebuch" der 1945 im KZ Bergen-Belsen verstorbenen Hélène Berr Im Geist von Anne Frank

Lesedauer: 

Wolf Scheller

AdUnit urban-intext1

Sie ist gerade mal zwanzig, ein junges französisches Mädchen, geht durch Paris. Es ist ein warmer herrlicher Frühlingstag, dieser 7. April 1942. Hélène Berr ist auf dem Weg zu Paul Valéry, den sie um eine Widmung gebeten hat. Der berühmte Dichter hat tatsächlich bei der Concièrge sein Buch "Tel quel" hinterlegt und auf das Titelblatt geschrieben: "Beim Erwachen, so milde das Licht, und so schön dies lebendige Blau." Die Worte kommen der Stimmung der jungen Frau entgegen, die an der Sorbonne eine Diplomarbeit über den englischen Dichter Keats vorbereitet.

Als Jüdin war ihr nach dem Literaturstudium mit Magisterabschluss die Lehramtsprüfung verwehrt worden. Paris unter der Okkupation. Hélène Berr, die aus einem bürgerlich wohlsituierten jüdischen Elternhaus stammt, beginnt ihr Tagebuch mit dem Eintrag über den Besuch bei Valéry. Wenn man ihrer Stimme lauscht, erkennt man ihre leise Art, ihre Sensibilität, aber auch ihre Empörungsfähigkeit. Am Montag, den 8. Juni 1942, muss sie zum ersten Mal den gelben Stern tragen. Sie trägt ihn mit Trotz, "immer sehr elegant und sehr würdevoll".

Juden, wie Vieh verschleppt

Über zwei Jahre führt Hélène Berr ihr Tagebuch, unterbrochen durch neun Monate, von denen sich kein Eintrag findet. Immer wieder kontrastiert ihr Verständnis für die Schönheit klassischer Musik mit ihrem klaren Blick für die Ungeheuerlichkeiten der die Juden bedrängenden Verfolgung im besetzten Paris. Sie spielt Geige, hört mit ihren Freunden Beethoven, Schubert, Schumann und Brahms, engagiert sich heimlich für die Betreuung jüdischer Kinder - und sieht dabei in merkwürdig klarer Unbeirrtheit dem immer näher kommenden Unheil des eigenen Schicksals entgegen. Sie weiß, was ihresgleichen droht. Sie beobachtet, wie die Pariser Juden wie Vieh verschleppt werden, hört von den schrecklichen Zuständen im Lager Drancy.

AdUnit urban-intext2

Zuerst wird ihr Vater verhaftet, weil er seinen Stern nicht fest auf das Jackett genäht, sondern nur mit Häkchen befestigt hat, um ihn leichter auf Anzüge und Mäntel umstecken zu können. Das Chemieunternehmen, in dem er arbeitet, kauft ihn nach drei Monaten aus dem Lager frei. Seine Tochter beschreibt, wie die Juden von Paris in diesem Räderwerk langsam aber sicher in den Abgrund getrieben werden. Tod durch Gas. Sie will Zeugnis ablegen, sie bricht in Tränen der Wut aus angesichts der Schikanen. Sie ist empört, empfindet aber keinen Hass auf die Deutschen.

Sie versucht zu begreifen: "Das ist die Grundlage des Bösen; und die Macht, auf die sich das Regime stützt. Das eigene Denken, die Reaktion des individuellen Gewissens zerstören, das ist der erste Schritt des Nazismus." Alles lehnt sich in ihr dagegen auf, dass die Besatzer so schlecht zur "zerbrechlichen Schönheit von Paris" passen, ihrem Paris, in dem ihre Familie seit zweihundert Jahren ansässig ist. Und da sieht und hört sie die Deutschen in ihren Knobelbechern auf dem Champ de Mars exerzieren: "Ihre Befehle klangen wie Tiergebrüll." Hélène Berr wird von Todesahnungen heimgesucht. Die Leute sagen ihr manchmal, wie schön sie aussieht. Fotos zeigen ihr hübsches, vor Lebenslust strahlendes Gesicht. Sie ist verliebt in den "Jungen mit den grauen Augen" - Jean Morawiecki, der für sie aussieht wie "ein slawischer Prinz". Ihm soll die Köchin ihr Tagebuch geben, wenn ihr etwas zustößt.

AdUnit urban-intext3

Normalerweise versteckt sie sich mit ihren Eltern über Nacht bei Freunden und Bekannten. An einem Märzabend 1944 bleiben sie zu Hause, zu müde, um erneut ein Versteck aufzusuchen. In den frühen Morgenstunden werden sie verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Die Mutter stirbt im folgenden Monat in der Gaskammer, der Vater ein paar Monate später. Hélène wird nach Bergen-Belsen verlegt, erkrankt an Typhus und kommt fünf Tage vor der Befreiung des Lagers ums Leben, gerade mal 23 Jahre alt.

AdUnit urban-intext4

Ihr Tagebuch, das ihre Nichte Mariette Job Anfang der neunziger Jahre bei Hélènes ehemaligem Verlobten findet, ist ein anrührendes, erschütterndes Dokument. Mariette Job brauchte gut 16 Jahre, bis in der Familie alle mit der Veröffentlichung einverstanden waren. Patrick Modiano, der dem Tagebuch ein einfühlsames Vorwort vorangestellt hat, betont die tragische Ambivalenz im Leben dieser jungen französischen Jüdin, die den Alltag im besetzten Paris wie einen Alptraum beschreibt. Ihr Schicksal erinnert ihn an einen Vers von Rimbaud: "Aus Feingefühl habe ich mein Leben verloren."