Journal - Der Mensch ist, was er ist, weil er sich anpasst – gerade in Krisenzeiten sollten wir uns daran erinnern Ich improvisiere, also bin ich

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Leben heißt Überleben und Improvisieren: Ein Forscherteam und Astronauten suchen in „Interstellar“ nach bewohnbaren Planeten. © Picture Alliance/dpa/Melinda Sue Gordon

Es ist ein freier Fall durch Raum und Zeit, ein brutales buntes Krachen und Zerbersten von Material und Materie. Der fallende Mensch darin heißt Cooper. Er durchstößt auf spektakuläre Weise den Ereignishorizont und dringt in ungeahnte Sphären vor: in einen sogenannten Tesserakt, einen vierdimensionalen Hyperwürfel, in dem man in der Zeit nach hinten zu Gewesenem und nach vorn zu Werdendem blättern kann. Cooper, der es als Astronaut gewohnt ist, Hebel und Schalter zu bedienen und damit punktgenau Maschinen zu steuern, tut in diesem Moment das einzig Richtige: Er improvisiert – und überlebt.

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Es ist eine der eindrücklichsten Szenen der jüngeren Filmgeschichte, die Regisseur Christopher Nolan uns gegen Ende seines „Interstellar“ zeigt. Nicht alles daran ist logisch oder einfach. Zeit und Raum sind komplexe Begriffe. Doch der Mensch darin schreitet in die Zukunft, weil er keine Angst vor dem Scheitern, vor einer Blamage hat.

Verstaubter Lebensbürokrat

Anders: Der Mensch ist, was er ist, weil er improvisieren kann. Anthropologisch gesehen ohnehin. Wer sich nicht an Neues anpassen kann, an Lebensumstände, Schicksalsschläge, Technologien, Gedanken, wird nicht überleben können, er wird zugrunde gehen an den Verhältnissen, wie es so schön heißt. Der spontane Lebenskünstler schafft sich seinen bunten und vitalen Lebensraum, der starrsinnige Lebensbürokrat aber verstaubt im Fortschreiten der Zeit.

Achtung im moralischen Zwiespalt

Für Krisen wie Kriege oder Pandemien stimmt das in jedem Fall genauso wie für den Alltag, durch den man freilich auch als Gewohnheitstier unaufgeregt, unbeschadet und glanzlos schreiten kann. Die Sache kann aber auch komplizierter werden. Vorsichtiger müssen wir das Credo der Improvisation bei moralischem Zwiespalt behandeln. Nicht an alles dürfen wir uns anpassen. Mitläufertum in autokratischen, menschenunwürdigen und diktatorischen Systemen sollte uns eine Warnung sein. Hier liegt die Improvisation vielleicht besser in der Bekämpfungsmethode derselben, wie sie etwa der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny uns aktuell vorlebt. Unerschütterlich.

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Insgesamt aber ist das Leben ein langer, unruhiger Fluss steten Improvisierens. Ausgangspunkt dafür: ein gesundes Selbstbewusstsein. Da man aber in fast allen Dingen des Lebens immer auch Selbstzweifel hat und nie weiß, wie gut das Improvisieren am Ende sein wird, braucht es die Akzeptanz des Scheiterns, das, einmal geschehen, auch keinem Prozess des Culture Cancels unterworfen werden kann. Mit anderen Worten: Ein misslungener Auftritt auf der Tanzfläche zu einem ungeprobten Rhythmus und Schritt bleibt in Erinnerung, doch die Wahrscheinlichkeit der Blamage wächst mit der Angst vor ihr.

Ob der Satz des Pianisten und Improvisationsgenies Keith Jarrett auf unser „durchschnittliches“ Leben übertragbar ist, darf – natürlich – zumindest bezweifelt werden: „Ich habe keinerlei Idee, was ich spielen werde – nie vor einem Konzert. Wenn ich eine musikalische Idee habe, sage ich Nein zu ihr“, sagte er einmal der „New York Times“. Dann spielte Jarrett traumhafte Stunden ohne Netz und doppelten Boden.

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Jeder kann improvisieren, wenn er muss. Wir merken es oft ja gar nicht, dass wir es tun. Beim Spazieren gehen, wenn wir anderen ausweichen, beim Ball, der uns vor die Füße rollt und den wir seinem Besitzer zurückkicken, beim Ändern des Tagesablaufs, wenn ein Kind plötzlich überraschend krank wird und zum Arzt gebracht werden muss, oder beim spontanen Sprechen mit oder vor anderen Menschen. Wir können immer und jederzeit aus unseren geordneten Bahnen ausbrechen, wir müssen es sogar.

Sein ist kein fester Raum

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Die Kunst ist, es zu tun, wenn wir es nicht müssen. Die Situation mit der Pandemie und ihren Folgen wird uns freilich wieder zwingen, Altes hinter uns zu lassen und uns spontan in Neues zu stürzen. Vielleicht ist es das vielbeschworene Aus-der-Krise-Lernen, das wir in diesen Momenten genießen und so verinnerlichen sollten, dass wir für die Zukunft daraus lernen. Das Sein dürfen wir nicht als festen Raum, als dreidimensionalen Kubus verstehen, in dem wir uns nett einrichten. Es ist, wie bei Christopher Nolans „Interstellar“, ein Hyperwürfel, ein vierdimensionales Objekt, durch den unser Leben wie durch ein buntes Kaleidoskop fliegt. Ein schillernder Tesserakt voller Abenteuer.

Lernen – ohne Ende

Leicht gesagt. Auch der Nietzsche-Satz, nach dem Leben überhaupt heißt, in Gefahr zu sein, mag gut klingen und das Wesen des Improvisierens fassen. Hilfreich ist er nicht. Oder doch? Denn denken wir an die Gefahren, die uns beim Improvisieren in unserem durchschnittlich doch recht linierten Leben begegnen, so müssen wir doch oft feststellen: Sie sind viel kleiner, als wir vor der Erprobung gedacht haben – gerade wenn es etwa darum geht, neue Aufgaben zu übernehmen, neue Techniken anzuwenden, neue Wege zu gehen, neue Medien zu nutzen, in neuen Kanälen zu denken.

Der Mensch ist, was er ist, weil er improvisieren kann. Im realen Leben hat er normalerweise die Abenteuer eines Cooper nicht zu befürchten: einen freien Fall durch Raum und Zeit. Bleiben wir jung. Improvisieren und lernen wir. Lebenslänglich.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken.