Das Interview - Nationaltheater-Mezzosopranistin Shahar Lavi über die Motivation in Zeiten von Corona und instabile Zustände in Israel „Ich bin froh, in dieser schwierigen Zeit hier zu sein“

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Wer sich die „Coloratura Challenges“ von Shahar Lavi auf der Webseite des Nationaltheater Mannheim ansieht, erlebt eine Mezzosopranistin voller Energie, Wissen, Lust und Freude am Erklären. Und mit Humor. Fast 20 Minuten lang redet, singt und übt die Israelin darin über YouTube. Zeit für ein Gespräch – über Gesang, Corona, Israel, Politik und überhaupt alles.

Temperamentvoll, beherzt, witzig: Mezzosopranistin Shahar Lavi erteilt derzeit auf der Nationaltheater-Mannheim-Webseite „Coloratura Challenges“. © Annemone Taake
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Frau Lavi, Ihr Tutorial ist eines der Langen auf der Website des NTM. Das macht Ihnen Spaß, oder?

Shahar Lavi – Mezzosopranistin aus Israel

  • Ausbildung: Shahar Lavi, geboren 1988 in Tel Aviv, schloss ihr Studium ebenda an der Buchman-Mehta Musikakademie der Universität mit Auszeichnung ab und war von 2014 bis 2016 Mitglied des Opernstudios „Meitar“ der Israeli Opera.
  • Preise: Sie ist Preisträgerin des Flaviano-Labò-Wettbewerbs, Stipendiatin der American Israel Cultural Foundation sowie des IVAI Opera Workshop – Fay Harbour.
  • Repertoire: Ihr Opern- und Konzertrepertoire umfasst zahlreiche Partien des Mezzosopran- und Koloraturfaches. In der Spielzeit 2017/18 war sie Ensemblemitglied des Theaters und Orchesters Heidelberg. Mit der aktuellen Spielzeit 2019/20 wurde sie festes Mitglied des Solistenensembles am Nationaltheater Mannheim.

Shahar Lavi: Ja, das macht mir auf jeden Fall Spaß. Obwohl ich Koloraturen natürlich am Liebsten auf der Bühne singen würde, motivieren mich diese Videos gerade sehr zum Üben.

Ich finde, das ist ganz schön pädagogisch, was Sie machen. Unterrichten Sie auch?

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Lavi: Nicht regelmäßig. Ich habe es einige Male probiert, aber mir fehlt dafür die Geduld (lacht). Nach dem Posten der Videos fragten mich einige Freunde nach Hilfe bei Koloraturen. Das habe ich natürlich gerne gemacht. Singen beinhaltet die verschiedensten Techniken. Ich versuche in den Videos, jedem Sänger, Instrumentalisten oder Musikliebhaber möglichst einfach zu vermitteln, was wir – meistens physisch – tun müssen, um diese Klänge hervorzubringen. Singen ist sehr harte Arbeit und man muss immer daran feilen. Ich liebe es, vor allem jetzt in Corona-Zeiten, Bücher zu lesen, die sich mit der Geschichte des Gesangs beschäftigen, mit den Genres und Stilen. Es fühlt sich gut an, einiges davon in diesen Videos mit anderen Menschen zu teilen.

Sie sind es ja gewohnt, für die Menschen zu singen. Wie ist es, so in die Kamera zu wirken - und keine Resonanz zu bekommen?

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Lavi: Um ehrlich zu sein: Es fühlt sich wirklich seltsam und unnatürlich an. Ich fand das Sprechen und Singen in eine Kamera schon immer sehr unbehaglich und auch ein wenig gruselig. Es fehlt einerseits die Anspannung und Aufregung einer Live-Aufführung, gleichzeitig entblößt man sich auf eine viel explizitere Weise. Auf einmal erhält jede kleine stimmliche Schwäche zusätzliches Gewicht – eine Sache, die auf der Bühne eines großen Saals weniger auffällt. Diese Kunst wurde für Aufführungen auf der Bühne mit Publikum geschaffen. Es fühlt sich einfach merkwürdig an, sie alleine in einem Raum ohne andere Menschen auszuüben. Das hat man auch bei der Online-Gala der Metropolitan Opera gemerkt, finde ich. Seinen Proberaum zu öffnen, ist aber noch einmal eine ganz andere Sache, weil das normalerweise ein sicherer Raum für Musiker ist, um zu üben und neue Dinge auszuprobieren. Ihn für die Augen anderer zu öffnen, hat auch viel mit der Öffnung der eigenen Privatsphäre zu tun.

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Insgesamt aber macht das, vor allem auch als Zuhörer und Zuschauer, nur mehr Lust auf das echte Live-Erlebnis. Glauben Sie, es wird nach Corona eine Art Boom geben für Live-Oper und -Konzert?

Lavi: Wenn Sie mein hoffnungsvolles Ich fragen, glaube ich, dass die Leute sich sehr danach sehnen, wieder gute klassische Livemusik in großen Sälen zu hören, weil das Erlebnis am Bildschirm nie zu 100 Prozent das gleiche sein kann. Aber wenn Sie mein realistisches Ich fragen, dann denke ich, die Leute sind gerade sehr mit anderen Problemen, die diese Pandemie mit sich bringt, beschäftigt und dass sie vielleicht erst einmal gar nicht so zugänglich für Kunst sind wie vorher. Ich hoffe, dass die Menschen die Wichtigkeit von Kunst und Musik erkennen, dass sie zurückkommen und das Theater genauso intensiv erleben wie vor der Krise. Ich weiß, dass alle Theater, Konzerthäuser und Kulturbetriebe hart daran arbeiten zurückzukommen, wenn die Zeit gekommen ist. Ich weiß auch, dass das Nationaltheater viel unternimmt, damit wir bald wieder gestalten und performen können – und das schätze ich sehr.

Sie stammen aus Israel. Wie gehen die Leute dort mit Corona um? Was ist mit Ihrer Familie? Haben Sie Fälle? Gibt es andere Probleme?

Lavi: Meiner Familie geht es Gott sei Dank gut. Meine Mutter arbeitet im größten Krankenhaus Israels und hilft, die Corona-Situation vor Ort zu kontrollieren. Aber Israel hat noch ganz andere Probleme. Die politische Situation ist sehr kompliziert. Es gibt keine stabile Regierung, die mit der aktuellen Lage angemessen umgehen könnte. Obwohl Israel eines der ersten Länder war, das auf die Pandemie reagiert hat und obwohl die Zahl der Infizierten und Todesfälle vergleichsweise gering ist, hat das Virus die israelische Finanzwelt und Gesellschaft sehr stark getroffen. Insbesondere die Kunst, für die es, anders als in Deutschland, von der Regierung keine Hilfe gibt – nicht für festangestellte Künstler und schon gar nicht für Freischaffende. Ich habe viele Freunde dort, die sehr unter der Situation leiden.

Okay, dann finden Sie es also gut, wie in Deutschland Bund und Länder mit der Kultur umgehen in diesen schrecklichen Zeiten?

Lavi: Basierend auf dem, was ich über die Medien, meine Freunde rund um die Welt und durch meine persönliche Erfahrung weiß, unterstützt die deutsche Regierung Kunst und Kultur im Vergleich zu anderen Ländern enorm. Und ich bin sehr dankbar, dass ich in dieser schwierigen Zeit hier bin, als Teil einer Community und Gesellschaft, die sich der Kunst und Kultur widmet und ihr Bestes gibt, sie am Leben zu erhalten.

Das stimmt, wenn man sieht, wie andere Länder kämpfen, ist man froh, hier zu sein. Sind Sie ein ängstlicher Mensch? Haben Sie Angst vor dem Virus, wenn Sie zu Einkaufen gehen?

Lavi: Ich bin keine ängstliche Person. Ich bin schließlich in Israel aufgewachsen, war dort bei der Armee, habe viel erlebt bisher. Ich bin eine gesunde und starke Person und fürchte die Pandemie nicht – auch weil ich alles dafür tue, um mich und meine Umgebung zu schützen. Ich trage Handschuhe und Maske, wann immer ich das Haus verlasse, und halte mich sehr streng an Hygieneregeln. Ich bin also ganz entspannt, wenn ich einkaufen gehe (lacht).

Worauf bereiten Sie sich gerade vor? Und wie schwer ist diese Arbeit, wenn man noch gar nicht weiß, wann diese Arbeit dann endlich auf der Bühne geprobt und aufgeführt werden kann?

Lavi: Zurzeit arbeite ich an neuem Repertoire und neuen Partien für die kommende Saison. Obwohl noch nicht klar ist, was aufgeführt und was verschoben wird, ist es mir wichtig, mich mit der Musik vertraut zu machen und vorbereitet zu sein. Das Theater hält uns immer auf dem Laufenden und die Leitung tut ihr Bestes, damit wir eine künstlerisch hochwertige und ansprechende Spielzeit auf die Beine stellen können. Aber es ist definitiv härter, motiviert zu bleiben, wenn es keine Aufführungen gibt, auf die man sich vorbereiten kann. Das Wichtigste für mich ist, stimmlich in Form zu bleiben und meine Motivation hochzuhalten, solange das Theater noch geschlossen ist. Außerdem arbeite ich an Teil drei meiner „Koloraturen-Challenge“, in der es um Belcanto gehen wird – mein Lieblingsthema.

Haben Sie eigentlich jemals schlechte Erfahrungen gemacht in Deutschland, die Sie vermuten lassen, dass es an Ihrer Herkunft liegt?

Lavi: Wenn Sie in Israel bei einem Kundenservice anrufen, können Sie sich auf Hebräisch, Englisch, Russisch oder Arabisch beraten lassen. In Deutschland kann es im Alltag ziemlich schwer werden, wenn man kein Deutsch spricht. Obwohl ich mein Bestes gebe, mich auf Deutsch zu verständigen, ist es gerade in solchen Situationen, wie am Telefon beim Kundenservice, nicht immer leicht. Tatsächlich kam es schon ein- oder zweimal vor, dass eine deutsche Mitarbeiterin am anderen Ende der Leitung einfach aufgelegt hat, weil ich nicht Deutsch gesprochen habe. Meine Branche ist sehr international. Da ist es ganz normal, dass kaum Deutsch gesprochen wird. In den drei Jahren, seit ich hier bin, habe ich mich von meinen Kollegen und Freunden nie diskriminiert gefühlt. Alle Mitarbeiter und die Verantwortlichen am Theater sind extrem freundlich und hilfsbereit. Ich habe auf meiner Reise viele gute Freunde gewonnen, die mich alle so akzeptieren, wie ich bin. Ich weiß, dass nicht jeder mit meiner temperamentvollen und beherzten Art klarkommt, aber das ist okay. Ich gebe mein Bestes, flexibel zu sein, mich auf andere einzulassen und trotzdem meinen eigenen bunten Weg zu gehen, der mich zu der macht, die ich bin.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „MM“ seit 2006.