„Ich bin 1939 in Mannheim, Deutschland, geboren“

Von 
Patrick Heidmann
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Seit Herbst 1950 erschienen die Comics um Charlie Brown, Snoopy und Co. täglich in amerikanischen Zeitungen – bis zu Schulz’ Tod 2000. Dass ein Anderer sein Werk fortsetzt, wollte er nicht. Doch in anderen Medien leben seine Geschöpfe weiter. So wie nun in der neuen Zeichentrickserie „The Snoopy Show“, die seit 5. Februar bei AppleTV+ zu sehen ist. Wir führten ein Videotelefonat mit der 81-jährigen Jean Schulz, die sich um den Nachlass ihres Mannes kümmert. Der einzige Satz, den sie auf Deutsch sagen kann? „Ich bin 1939 in Mannheim, Deutschland, geboren.“

Snoopy

  • Geboren wurde Jean Schulz 1939 in Mannheim, als Tochter US-amerikanischer Eltern, die dort eine Berlitz Sprachenschule leiteten.
  • Schon ein halbes Jahr nach ihrer Geburt allerdings zog die Familie mit Kriegsbeginn zurück in die USA.
  • Dort heiratete sie – in zweiter Ehe für beide – viele Jahre später, im September 1973, den Zeichner Charles M. Schulz.
  • Die Peanuts, seine bekanntesten Schöpfungen, waren damals bereits 23 Jahre alt.
  • Schulz starb am 12. Februar 2000 in Kalifornien.
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Frau Schulz, Sie und Ihre Stief-kinder verwalten bis heute das Vermächtnis Ihres Mannes und haben Mitspracherecht, wenn ein neues Projekt wie nun „The Snoopy Show“ umgesetzt werden soll. Worauf legen Sie dabei besonderes Augenmerk?

Jean Schulz: Mir ist wichtig, dass am Geist der Comicstrips nicht gerüttelt wird. Alles, was die Arbeit meines Mannes ausmachte, findet sich nun auch in der neuen Serie wieder: nicht nur der Stil der Zeichnungen, sondern auch die Themen. Auch an Figuren rund um Snoopy und Charlie Brown wurde nicht gerüttelt. Und die Geschichten stammen allesamt aus den mehr als 17 000 Comics. Allerdings ist all das keine Selbstverständlichkeit. Apple war die erste in einer langen Reihe von an den Peanuts interessierten Firmen, die wirklich bereit war, eng mit uns als Familie und den Creative Associates der Peanuts Studios zusammenzuarbeiten.

Wie kommt’s eigentlich, dass die neue Serie nun nicht nach den Peanuts allgemein benannt ist, sondern nach Snoopy?

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Schulz: Das ist tatsächlich eine Entscheidung, in die ich nicht eingebunden war. Müssten Sie also die Produzenten fragen. Vielleicht gingen sie davon aus, dass der Begriff Peanuts nicht mehr jedem ein Begriff ist? Gerade auch außerhalb der USA? Bei Snoopy dagegen kann man sich sicher sein, dass den wirklich jeder kennt.

War für Ihren Mann, der all diese Figuren ja geschaffen hat, eigentlich stets der optimistische, aber eben doch auch ernste oder gar melancholische Charlie Brown sein Alter Ego?

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Schulz: Sparky, wie er genannt wurde, hat immer gesagt, dass in allen Figuren etwas von ihm selbst steckt. Selbst in Lucys Kratzbürstigkeit. Aber ich denke schon, dass man sagen kann, dass Charlie Brown ihm am nächsten war. Man kann nicht eine Figur 50 Jahre lang zeichnen und texten, zu der man nicht auch eine echte Nähe spürt.

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Und Sie selbst, haben Sie eine Lieblingsfigur?

Schulz: Ich kann mich unmöglich zwischen den Peanuts entscheiden. Vielleicht erkenne ich mich am ehesten in Sally wieder. Einfach weil sie Linus immer ihren „Sweet Baboo“ nennt, was der gar nicht ausstehen kann. Ich habe Sparky mal „Sweet Baboo“ genannt – und prompt tauchte das in den Comics auf. Also habe ich wieder damit aufgehört.

Sie hatten also durchaus Einfluss auf seine Arbeit?

Schulz: Den größten Einfluss hatte ich sicherlich in dem Sinne, dass er mir ständig seine Ideen erzählt und mich um Rat gefragt hat. Ansonsten fanden höchstens mal Kleinigkeiten, die ich beobachtete oder erzählte, Einzug in die Comics. Als ich darüber sprach, wie ich einige Jahre vorher meine Tochter immer im Kindersitz hinten auf dem Fahrrad hatte, inspirierte ihn das zum Beispiel zu Rerun, dem kleinen Bruder von Linus und Lucy, der immer hinten bei seiner Mutter auf dem Fahrrad sitzt.

Die Zeichnungen der Peanuts- Comics sehen immer täuschend schlicht aus. Dabei steckte oft viel Arbeit und auch Recherche darin, nicht wahr?

Schulz: Oh ja, denn Sparky ging es immer um Authentizität, ganz gleich ob mit Blick auf die Sorgen seiner kindlichen Protagonisten oder im Bezug auf technische Details. Für die Comics, in denen Snoopy auf dem Eis als Schlittschuhläufer für die Olympischen Winterspiele in Grenoble trainiert, hat Sparky sich bei einem Eislauf-Trainer hier vor Ort genau angesehen, aus welchen Bewegungsabläufen ein Doppelaxel besteht. Dass Snoopy seine Füße genau so aufs Eis setzt und sich durch die Luft dreht wie echte Eiskunstläufer, war ihm enorm wichtig. Und wenn Sally für ein paar Wochen eine Augenklappe tragen musste, dann war das nicht nur ein lustiger Gag, der sie wie ein Pirat aussehen ließ, sondern Sparky hatte eigens seinen Augenarzt befragt und wusste, wie man Amblyopie behandelt. Ich glaube, dass die Gründlichkeit und Genauigkeit ihren Teil dazu beigetragen haben, dass Sparkys Comics die Zeiten überdauert haben und auch heute noch so erfolgreich sind.

Apropos erfolgreich: Wo sind Snoopy und Co. eigentlich jenseits der USA am beliebtesten?

Schulz: Wahrscheinlich in Japan. Von nirgends kommen mehr Anfragen für Produkte und Lizenzen als von dort. Außerdem wurde vor ein paar Jahren in Tokio das Snoopy Museum eröffnet – und das ist täglich ausgebucht. Unser Charles M. Schulz Museum hier in Santa Rosa ist auch beliebt, aber in der Regel kann man – wenn wir nicht wegen Corona geschlossen sind – einfach so vorbeikommen. Das wäre in Japan ohne Reservierung undenkbar! Aber unser zweitgrößter außeramerikanischer Markt ist übrigens Deutschland.

Segnen Sie eigentlich jedes einzelne Produkt ab, auf dem die Peanuts abgebildet sind?

Schulz: Letztlich ja. Zum Glück ist das heutzutage einfacher als früher. In den Siebzigern wurde Sparky immer noch alles auf Durchschlagpapier vorgelegt. Heute geht das natürlich alles digital. Bei manchen Produkten bekommen wir kurz vor der Produktion auch das eigentliche Objekt geschickt, um letzte Korrekturen durchgeben zu können. Aber das meiste geschieht am Bildschirm.

Gibt es Dinge, zu denen Sie aus Prinzip nein sagen? Oder kann Snoopy theoretisch auf allem auftauchen?

Schulz: Solange es zum Geist der Peanuts passt, ist eigentlich alles denkbar. Nur bei Vitaminen, Nahrungsergänzungprodukten und solchen Dingen sind wir vorsichtig. Sparky war es schon zu Lebzeiten wichtig, dass Eltern in der Drogerie nicht dazu gedrängt werden, sich für das Falsche zu entscheiden, nur weil die Kindern quengeln und nur die Packung haben wollen, auf der Snoopy zu sehen ist.

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