Literatur - Ulrich Tukur will vom „Ursprung der Welt“ erzählen, fächert aber eher ein Panoptikum des Bösen samt Nationalsozialismus auf Hundertjährige Zeitreise zu einem Todesarzt

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Es ist, wann immer ein Star ein Buch schreibt, Aufmerksamkeit da. Sofort. Auch bei Ulrich Tukur ist das so. Der in Weinheim geborene Ausnahmeschauspieler, leidenschaftliche Musiker und „Tatort“-Kommissar legt seinen ersten Roman vor – und landet immerhin auf Feuilleton-Seiten und Top-150er-Listen. Groß klingend ist der Name des Buchs, doch der Titel „Der Ursprung der Welt“ führt in die Irre. Er wurde zwar von einem Gemälde des französischen Realisten Gustave Courbet übernommen, das Tukurs Protagonist Paul Goullet im südfranzösischen Roussillon auf einer Postkarte folgendermaßen entdeckt: „Das Bild darauf sprang ihm ins Gesicht wie ein todbringendes Insekt. Er starrte auf die buschige Vagina zwischen den weißen, gespreizten Schenkeln des Frauentorsos von Courbet.“ Doch davor und danach spielt genau dieses obszön nackte Bild im Grunde keine Rolle.

„Tatort“-Star und auch Schriftsteller: Ulrich Tukur beim Dreh. © dpa

In Parallelwelten lebend

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Was das über das Buch aussagt? Nur, dass vieles beliebig ist, auch der Titel. Dabei ist Tukurs Buch nicht schlecht. Ein bisschen verhebt sich der frankophile Autor am eigenen Anspruch, Parallelwelten aufzuzeigen: die Dystopie eines diktatorisch nationalistischen Frankreichs des Jahres 2033 und – im Zeitsprung nach vorn – den Beginn des Nationalsozialismus in Deutschland 1933. Paul Goullet ist der Zeitreisende, der sich mitunter wie im logiklosen Nouveau Roman zwischen den Sphären bewegt. Anfangs stößt er bei einem Bouquinisten an der Seine auf ein Fotoalbum, in dem er eine Schwarzweißfotografie entdeckt mit einem Mann, der ihm aufs Haar gleicht. Unter dem Bild steht: „P.G“ – seine Initialen.

Goullet begibt sich daraufhin auf eine Odyssee durchs Land und durch die Zeit. Politisches trifft auf Historisches, Verliebtheiten zu einer aufständischen Hélène auf eine furchtbare Entdeckung: „Ich heiße Goullet, aber mein Name ist auch Genoux. Ich bin ein Arzt, der Leben vernichtet …“ Genoux, so entdeckt Goullet, der irgendwie auch Genoux ist, war im Dritten Reich einer, der Frauen misshandelte und ihnen Köpfe abschnitt.

Das alles ist gut geschrieben und mitunter auch spannend erzählt. Kafka, der Surrealismus oder magische Realismus wie auch die handlungszerbröselnden Techniken des Nouveau Roman blitzen in der Erzählkonstruktion auf – das übersteigt immer wieder das Rationale. „Träume und reale Eindrücke sind eng miteinander verbunden“, schreibt Tukur in einer Art Präambel. Man muss sich darauf einlassen können. Ein bisschen verhebt sich Tukur, dennoch legt er ein lesenswertes Buch vor.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken.