Henriette Confurius in Netflix-Serie "Tribes of Europa" zu sehen

Von 
André Wesche
Lesedauer: 
Europa im Jahre 2074: Keine Grenzen, Stämme kämpfen ums Überleben – auch Liv (Henriette Confurius, v.l.), Kiano (Emilio Sakraya) und Elja (David Ali Rashed). © Netflix

Die Serie „Tribes of Europa“ (Netflix-Start am 19. Februar) entführt den Zuschauer in das Europa des Jahres 2074. Nach einem Blackout haben sich Länderstrukturen aufgelöst. Stämme kämpfen um Vorherrschaft und eigenes Überleben. Im Mittelpunkt steht Liv, eine junge Frau, die für ihre Ideale kämpft. Verkörpert wird sie von Henriette Confurius.

AdUnit urban-intext1

Frau Confurius, die Figur der Liv ist eher untypisch für Ihr Rollenbild. Kämpft da die Freude auf die neue Herausforderung mit der bangen Frage, ob man der Aufgabe auch gewachsen ist?



  • Henriette Confurius wurde 1991 in Berlin als Tochter des Schriftstellers Gerrit Confurius und einer niederländischen Schauspielerin geboren.
  • Bereits mit zehn Jahren stand sie vor der Kamera, 2002 gab sie in „Mein erstes Wunder“ ihr Debüt als Hauptdarstellerin.
  • Es folgten Rollen in zahlreichen weiteren Produktionen. 2004 und 2009 erhielt sie den Deutschen Fernsehpreis in der Sparte „Förderpreis“, 2015 folgte der Bambi „Schauspielerin, national“ für ihr Spiel in „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“. seko

Henriette Confurius: Als ich das Drehbuch gelesen habe, wusste ich, dass Liv total gut zu mir passt. Eine Rolle wie diese wollte ich schon lange spielen. Ich war ein bisschen in diesen historischen Figuren festgefahren, die ich natürlich auch sehr gern mag. Aber ich habe schon so viele davon gespielt. Liv war sicherlich eine Herausforderung, weil es etwas ganz anderes war. Aber ich wusste, dass ich das gut kann.

Wie war es, mitten in der Arbeit an der Serie durch Corona mit der Tatsache konfrontiert zu werden, dass unser vermeintlich sicherer Alltag auch in der Realität viel zerbrechlicher ist als angenommen?

AdUnit urban-intext2

Confurius: Tatsächlich wurde Corona erst nach unserem Dreh zum Thema und hat meine eigene Arbeit nicht beeinflusst. Was das Virus und die vermeintliche Sicherheit angeht, in der man sich wähnt, ist es natürlich total spannend. 2020 ist ja unheimlich viel passiert. Ich selbst bin an einem Punkt angekommen - und ich weiß nicht genau, ob ich das mit meinem Alter in Verbindung bringen kann - an dem ich Vieles hinterfragt habe. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem kein Krieg ist, in dem man zur Schule gehen und sich auch über die Grenzen des eigenen Landes hinaus frei bewegen kann und jederzeit für Wasser und Essen gesorgt ist. Für mich war das immer ganz selbstverständlich, ich hatte nie ein anderes Gefühl. Das hat sich jetzt geändert, ohne dass ich große Angst davor habe, nicht mehr in Sicherheit zu sein oder auf meinen bisherigen Lebensstil verzichten zu müssen. Ich traue der Menschheit plötzlich viel mehr zu, sowohl im Guten wie auch im Schlechten.

Der Stamm der Origines, dem Liv angehört, lehnt jede Form von Technik ab, weil sie die Menschheit ins Verderben gestürzt hat. Betrachten Sie auch manchmal mit Sorge, wie absolut abhängig wir uns von der Technik machen?

AdUnit urban-intext3

Confurius: Die Generationen von heute wachsen mit einem Telefon in der Hand auf und sie haben von klein auf Zugriff auf alle Informationen. Davon machen sie sich abhängig. Tatsächlich wurde mir drei Tage vor unserem Gespräch mein Telefon geklaut. Das war so eine interessante Erfahrung! Man hat eine starke emotionale Bindung zu diesem Gerät, weil es einfach alles ist: Wegweiser und Kontakt zur Außenwelt. Es ist meine Uhr und mein Terminkalender, außerdem sind alle meine Fotos da drauf. So viele persönliche Dinge, auf die ich plötzlich nicht mehr zugreifen konnte. Der Verlust hat mich jetzt nicht völlig aus der Bahn geworfen. Aber ich habe gemerkt, dass man sich plötzlich ganz anders durch die Welt bewegt. Ich bin eine Straße entlanggegangen, die ich jeden Tag langgehe und ganz klischeehaft habe ich nun Gebäude gesehen, die mir vorher nie aufgefallen sind. Einfach, weil ich sonst auf die Musik vom Handy konzentriert war oder aufs Display geschaut habe. Ich muss gar nicht auf den Weg achten, weil das Handy ihn vorgibt. Diese Abhängigkeit kann man durchaus in Frage stellen. Man sagt gern, dass früher alles anders war und die Jugend von heute total verdorben ist. Aber vielleicht ist es einfach die Generation, die mit dem Telefon als Wegweiser aufwächst. Gefährlich wird es dann, wenn man sich absolut abhängig davon macht.

AdUnit urban-intext4

Ein militärischer Führer der Crimson sagt zu Liv: „Die europäische Idee wird niemals sterben!“. Würden Sie das unterschreiben?

Confurius: Ja. Ich bin keine Deutsche. Ich bin Holländerin und lebe in Deutschland. Ich bin hier geboren, aber meine Eltern sind beide Holländer. Es ist für mich völlig selbstverständlich, dass ich in diesem Land leben kann, ohne den deutschen Pass zu haben. Ich habe mein Abitur in Irland gemacht und ich habe eine Zeit lang in Spanien gelebt. Ich kenne Europa als einen Kontinent, auf dem man sich frei bewegen kann. Alle Länder können trotzdem ihre eigene Sprache, ihre eigene Kultur und ihr eigenes Essen bewahren, das finde ich sehr schön. Das Bedürfnis mancher nach Eigenständigkeit und Abgrenzung ist für mich nicht nachvollziehbar. Es macht keinen Sinn.

Sie stehen von Kindesbeinen an vor der Kamera. Gibt es einen Film, der für Sie den Übergang vom spielenden Kind zur echten Schauspielerin markiert?

Confurius: Nee, ich glaube nicht. Wenn ich so zurückschaue, dann wusste ich von Anfang an, dass ich da etwas mache, was nicht kindliches Spielen ist. Es war Arbeit, die mir auch Spaß gemacht hat. Aber es war eine ganz andere Verantwortung. Ich fand es immer sehr schwierig, Dreh und Schule zusammenzubringen. In der Schule wurde ich immer wieder auf so eine kindliche Rolle zurückgeworfen und es gab Ärger, wenn ich meine Hausaufgaben nicht gemacht habe. Ich weiß nicht, woher das kam, aber beim Film wusste ich von Anfang an, dass ich erwachsen sein muss.

Echte Komödien sucht man in Ihrer Filmografie vergeblich. Kann Henriette Confurius Komödie?

Confurius: Ich glaube tatsächlich, dass ich das nicht kann! Ich würde es aber sehr gern mal machen. Ich kann mich an ein Casting für eine Komödie erinnern. Ich habe meinen Part vorgespielt. Und danach herrschte Stille. Dann sagte der Regisseur: „Das war schön. Das war wirklich richtig schön. Aber es war überhaupt nicht lustig!“. Ich habe das tatsächlich noch nicht gemacht und diese eine Casting-Erfahrung hat mich daran zweifeln lassen, ob mir Komödie wirklich liegt. Aber ich bin mir sicher, dass auch das etwas ist, was man lernen kann.