Das Interview - Heinz Rudolf Kunze über das Dasein als Deutschrock-Ikone in der Corona-Krise Heinz Rudolf Kunze: „Es herrscht ein aufgeheiztes mittelalterliches Klima“

Von 
Jörg-Peter Klotz
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Heinz Rudolf Kunze hadert mit politischen Fehlentwicklungen, aber auch damit, dass sein hoch gelobtes aktuelles Album „Der Wahrheit die Ehre“ zu Zeiten geschlossener Läden erschien. © Martin Huch

Heinz Rudolf Kunze spricht im Telefon-Interview mit dieser Redaktion über das Dasein als Deutschrock-Ikone in der Corona-Krise, Hoffnungsschimmer, Klartext gegen wachsenden Rechtsextremismus und das Ende der musikalischen Kompromisse.

Germanist und Philosoph

  • Heinz Rudolf Erich Arthur Kunze wird am 30. November 1956 im ostwestfälischen Flüchtlingslager Espelkamp-Mittwald geboren. Seine Familie stammt aus der heute polnischen Niederlausitz und Berlin. Er studiert Germanistik und Philosophie in Münster.
  • 1980 startet Kunze seine Laufbahn, das Debüt „Reine Nervensache“ (1981) ist eher ein Liedermacher- als ein Deutschrock-Album. Der Stil ändert sich Mitte der 1980er, nachdem der Sänger mit „Dein ist mein ganzes Herz“ seinen größten Erfolg landen konnte.
  • Sein 28. Studioalbum „Der Wahrheit die Ehre“ erschien beim Leipziger Label Meadow Lake und erreichte Platz drei der Charts.
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Herr Kunze, „Die Zeit ist reif für ein riesiges Erwachen und und ein Silberstreif soll den Menschen Hoffnung machen“ ist ein Refrain auf ihrem aktuellen Album „Der Wahrheit die Ehre“. Das hört sich in Zeiten der andauernden Corona-Krise besonders gut an. Das Lied war ja vermutlich ganz anders gemeint - ein Beispiel dafür, wie eine neue Situation Kunst völlig umdeuten kann?

Heinz Rudolf Kunze: Naja, wenn man so lange Musik macht wie ich, rechnet man immer mit irgendwelchen Krisen, die man nicht voraussehen konnte. Deswegen hält man sich in Texten … immer ein bisschen offen.

Wobei Sie auf dem aktuellen Album so unmissverständlich wie nie Stellung beziehen. Das ist ja teilweise fast Kommentarstil.

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Kunze: Ja. Es macht mir schon alles sehr große Sorge. Das begann bereits, bevor wir jetzt alle quasi in Quarantäne geschickt worden sind. Was in diesem Land politisch los ist, und was um uns herum in Europa und in der Welt passiert: von dem Wahnsinnigen im Weißen Haus über den Irren in Ankara bis zum Dauerbekloppten in Nordkorea und dem Neuirren in London, dem aufkommenden Nationalismen nicht nur bei uns, sondern um uns herum. Es gibt viel Grund sich Sorgen zu machen, Wahrheit und Vernunft als bedroht zu empfinden. Jetzt könnten Sie sagen, so ein Album hätte man auch schon früher machen können.

Stimmt. Also: Warum erst jetzt?

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Kunze: Dazu braucht es mitunter auch so jemanden wie meinen neuen Manager Matthias Winkler, der mal auf den Tisch gehauen und gesagt hat: Jetzt ist Schluss mit aller Anbiederei, jetzt machen wir mal, was wir wollen.“

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Aber heutzutage sind altgediente Musiker wie Sie doch meist unabhängig, etwa von Plattenfirmen.

Kunze: Wir haben auf den letzten fünf, sechs Alben ab und zu schon mal einen kleinen Kompromiss gemacht - mit einem Lied oder sogar mal zwei Liedern. Bei denen wir versucht haben, musikalisch darauf zu schielen, in der entsetzlichen deutschen Soße, die im Radio läuft, noch eine Chance zu haben, mitzulaufen. In der Hoffnung, bei zwölf bis vierzehn Liedern fällt das nicht so auf. Wenn man ein Lebensalter erreicht hat wie ich, findet man auf den so genannten Jungen Wellen ja nicht mehr statt. Und wird sofort verwiesen auf die älteren Schienen. Da findet man sich dann zwischen Howard Carpendale und Vanessa Mai wieder und muss sehen, wie man da überlebt.

Das ist ja ein recht tristes Bild, das Sie da zeichnen. Trotzdem singen Sie ja vom Silberstreif und von der Hoffnung.

Kunze: Ja, aber das ist doch meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, auch wenn ich das als Sänger nicht unbedingt so empfinde (lacht).

Und jetzt kommt auch noch die Corona-Krise dazu. Gibt es da irgendwas, das Ihnen Hoffnung macht?

Kunze: Man muss das immer wieder im Kleinen aufsuchen, im Moment. Natürlich diese Gesten von Beifallsbekundungen der Italiener von ihren Balkonen herunter. Das ist schon eine rührende Sache. Das deutet darauf hin, es gibt auch unter den erschwertesten Bedingungen immer noch Menschlichkeit, Empathie und Solidarität. Mal sehen, was uns hier noch alles abverlangt wird.

BB Promotion, der größte Veranstalter unserer Region, sagte dieser Redaktion zu Beginn der Kontaktsperre Mitte März, man stelle sich darauf ein, bis Herbst irgendwie überleben zu müssen - ohne Großveranstaltungen. Der Festivalsommer bis 31. August fällt inzwischen offiziell aus. Was heißt das alles für einen Deutschrock-Altmeister wie Sie?

Kunze: Naja, offiziell ist meine Tournee noch nicht abgesagt von meinem Manager, weil er hofft und kämpft und sich bemüht, alle Optionen offen zu halten. Unsere Tour ist erst einmal auf September verschoben. Eigentlich sollte es Ende April losgehen. Natürlich werden wir alles in unseren Kräften stehende tun, die Termine zu realisieren. Aber man kann den Leuten nicht ersparen, sich täglich zu informieren, ob irgendwas stattfindet. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, das die Sache bis Ende August überwunden ist.

Viele freischaffende Musiker erleben momentan pure Existenznot, weil alle Auftritte weggebrochen sind. Das betrifft Sie nicht, oder?

Kunze: Das wird jetzt nicht meine Existenz kosten, wenn die Tournee nicht stattfindet. Es wird eine beträchtliche finanzielle Einbuße, so wie sie momentan vielen Menschen entsteht. Da bin ich nichts Besonderes, es geht vielen Leuten so. Die Frage ist halt, wie lange sich das hinzieht. Ich denke, wenn ich ein Jahr lang nichts machen darf auf den Bühnen, dann kriege auch ich Schwierigkeiten. Aber das ist alles Spekulation. Ich merke jetzt auch, wie die Verschwörungstheorien aus dem Boden schießen und die aufgeregten Hysteriker wieder aus allen Ecken aus ihren Rattenlöchern kommen, die erstmal den Verlautbarungen der Politik nicht glauben. Es herrscht schon wieder ein sehr aufgeheiztes mittelalterliches Klima.

Da könnte eine anerkannte Intelligenzija mit überzeugenden Argumenten und Werten dagegenhalten. Auf die Frage, wieso hierzulande die großen Intellektuellen und Meinungsführer so rar geworden sind, haben Sie mir im Interview einmal halb scherzhaft geantwortet: „Ich stehe bereit.“ In diesen Tagen scheint mir das Schweigen aus den Elfenbeintürmen besonders auffällig. Können Sie als langjähriger Vorzeigedenker des deutschen Rock mit etwas Orientierung dienen?

Kunze: Ich hab das Gefühl, dass die deutschen Fernseh-Talkshows mit mir gerade aus diesem Grund nichts anfangen können und wollen. Denn ich kriege ja kaum jemals eine Einladung in eine Talkshow. Ich weiß eigentlich auch gar nicht, warum. Wo ich doch relativ viel zu erzählen und relativ viel beizutragen habe. Das empfinde ich fast schon als Boykott. Aber dann denke ich mir, ich lebe halt nicht mit einem lesbischen Pinguin zusammen und da ist mein Leben halt nicht interessant. Aber über sinnvolle Dinge zu reden, das wäre mit mir schon möglich. Aber das scheint die zu langweilen. Welche Möglichkeiten hat man denn da noch bei all den Dingen, bei denen einem die Haare zu Berge stehen? Was kann man dem die Vernunft entgegenstellen?

Nur zu…

Kunze: Also zu dieser Krise habe ich jetzt noch nicht so viel beizutragen wie zum Beispiel zum Thema Rechtsextremismus, was Sie auf der Platte hören können. Ich meine: Der Frühling ist da, die Vögel singen. Man sieht das Virus ja nicht. Das ist wie ein unsichtbarer Kometeneinschlag. Man kriegt ja keinen Corona-Ballen auf der Straße zu sehen. Es ist einfach alles nur ein bisschen ruhgier, in den Supermärkten sind manche Regale leer. Aber ansonsten sieht man nichts. Das macht es natürlich noch schwerer eine Einstellung dazu zu finden. Ich bin jetzt bei den üblichen Sätzen, die man jetzt auch im Feuilleton sieht. Vielleicht hilft es ja, dass die Welt ein wenig zusammenrückt und die Menschen erkennen, wie sinnlos heutzutage Grenzen sind. Dabei ist diese Pandemie auch eine Schattenseite der Globalisierung. Umso deutlicher zeigt sich, dass eine Krankheit, die jetzt alle Kontinente erreicht hat, eine neue Qualität und Notwendigkeit des Zusammenrückens aller Nationen mit sich bringt. Es wäre jedenfalls schön, wenn ein solcher Lerneffekt möglich wäre. Solange es allerdings noch Völker gibt, die Bestien oder Verrückte wie Trump ins Amt hieven, habe ich da meine Zweifel.

Was halten Sie von einigen Überreaktionen, wie dem Kampf um Toilettenpapier. Einige reagieren toll, mit Hilfsbereitschaft und Empathie, andere sind bereit, alle Freiheiten zu opfern.

Kunze: Da möchte ich Adorno zitieren: „Alles, was der Mensch sich ausdenken kann, wird auch passieren.“

Immerhin wird die Stunde der Exekutive von der Politik mit kaum noch erwarteter Tatkraft genutzt, auch wenn zwangsläufig Fehler passieren. Vor allem Kulturschaffende müssen sich fragen, wie das ganze avisierte Geld rechtzeitig an die vielen Betroffenen kommen soll.

Kunze: Ja, aber im besten Fall - wenn alles glimpflich abgeht - könnte das zu einem Wiedererstarken der politischen Mitte führen und einem Zurückdrängen der Ränder. Ein guter Effekt.

Zur Musik: Diese aktuelle Platte ist das Beste, was ich seit Jahrzehnten von Ihnen gehört habe. Hadern Sie damit, dass ein so gutes Album ab März mit geschlossenen Plattenabteilungen, stotternden Presswerken und ohne anschließende Tournee zu kämpfen hatte? Ihre Musik ist ja nicht primär ein Online-Thema.

Kunze: Ja, natürlich. Der Gedanke wird dann doch mal durchgespielt, ob es einen bösartigen Gott gibt, der meinen Erfolg einfach nicht will. Als Gedankenspiel zumindest reizvoll… (lacht)

Machen Sie denn irgendetwas Alternatives online.

Kunze: Wir haben mittlerweile zwei Wohnzimmerkonzerte gespielt, ich lese den Kleinen meine Kindergeschichten „Quentin Qualle“ vor, wir veröffentlichen viele Texte und Videos online. Vor allem auf Facebook ... Wir versuchen das Beste aus der Situation zu machen und die Menschen weiter zu unterhalten. Wenn auch erst einmal nicht live sondern nur virtuell.Es ist außerdem ein sehr hoffnungsvoller Song erschienen, den ich über Ostern gemeinsam mit Dieter Falk geschrieben habe. Auf „Zusammen“begleitet mich ein riesiger virtueller Chor. Das klingt fast schon monumental.

Sind Sie ein Typ, der die Straße, das Live-Publikum braucht und ohne Applaus leidet wie ein Hund?

Kunze: Durch die Solokonzerte, die ich seit 2015 mache, habe ich ja auch einen viel engeren Draht Kontakt zum Publikum gespannt und in den letzten fümf Jahren viel mehr live gespielt als in den 35 Jahren davor. Das fehlt mir auch, klar. Das sind nicht nur die Einnahmen, es ist auch dieser Kontakt zum Publikum, an den man sich sehr schnell positiv gewöhnen kann. Und wenn man dann lange keinen mehr hat, dann fehlt was.

Auffällig ist auf der neuen Platte auch der viel rauere, etwas ungeschliffene Sound, nachdem ich viele Ihrer Platten immer etwas zu glatt gefunden haben - gemessen an Ihren Idolen von Chuck Berry bis The Who. Haben Sie im Studio etwas anders gemacht?

Kunze: Ja, natürlich. Ich habe den Produzenten Udo Rinklin kennengelernt. Er ist für mich eine Offenbarung als Produktionspartner. Udo es geschafft hat, dass meine Band ganz anders klingt als früher. Wir haben noch nie so geklungen. So grob, so grobkörnig und so kantig und knackig. Das ist alles Udos Werk, das habe ich ihm zu verdanken.

Woran liegt das?

Kunze: Udo Rinklin ist ja mindestens zehn Jahre jünger als ich und bringt da eben auch Einflüsse mit rein, die zehn Jahre jünger sind als meine Prägung. Man ist ja in jungen Jahren am meisten prägbar. Das hat uns enorm gutgetan. Ich habe zunächst große Angst gehabt. Aber mein Manager wollte das unbedingt, dass ich mal jemanden von außen ran lasse. Ich dachte, der knebelt mich und will mich noch mehr auf Stromlinie trimmen, als wir es schon selbst in vorauseilendem Gehorsam tun. Und das Gegenteil war der Fall. Er hat jede Idee, die ich gehabt habe, sofort aufgegriffen und dann mit seinen Klangvorstellungen kongenial bedient.

Warum haben Sie das eigentlich nicht schon früher gemacht? Das Grobkörnige kam ja immer wieder zurück in die Rockmusik - und durchaus in Mode. Etwa mit Selig in den 1990ern, später den White Stripes und sogar der Comeback-Platte von Udo Lindenberg, der ab 2007 wieder sein Ding machte. Haben Sie sich da selbst im Weg gestanden?

Kunze: Ich wollte Produktionen immer mit Leuten aus meiner Band machen und hatte ein großes Misstrauen gegenüber auswärtigen Produzenten. Das habe ich jetzt endlich überwunden.

Aber auf der Bühne haben Sie sich ja immer ganz anders angehört als auf Platte. Warum, frage ich mich als Kunze-Hörer seit 37 Jahren schon recht lange.

Kunze: Das kann ich Ihnen nicht genau beantworten. Wahrscheinlich, weil ich zu wenig von Technik verstehe. Aber das Gleiche geht mir ja so, wenn ich Sting-Platten höre. Die finde ich auch immer sehr viel langweiliger als auf der Bühne. Vielleicht haben wir auch zu viel auf das Radio geschielt, was mir nur noch geblieben ist. Nämlich, das mit den Schlagerheinis gemeinsame Radio. Das läuft dann unter „Deutsch National“. Da hatten wir in den letzten zehn Jahren durchaus die eine oder andere Nummer eins oder Nummer 2. Mit „Hallo Himmel“, „Das Paradies ist hier“ oder „Ich sag’s dir gerne tausendmal“. Da sind wir immer oben mitgefahren. Aber nur in den Radio-Charts.

Merken Sie, dass Ihre Streaming-Zahlen zulegen - jetzt, wo fast alle zu Hause sitzen.

Kunze: Ich weiß nicht, woran ich das merken sollte. Mein Management wird mir das irgendwann sagen, ob ja oder nein.

Dass Ihre aktuelle Platte fast schon journalistisch Stellung gegen Rechts, Nationalismus und volksverdummenden Populismus bezieht, hatten wir kurz angesprochen. Haben Sie sich mit dieser Absicht ans Texteschreiben gesetzt - ist das ein Konzeptalbum?

Kunze: Ich hab keine Absichten beim Schreiben. Die einzige Form, die ich habe, ist die Auswahl der Texte. Das ist die einzige Möglichkeit, eine Richtung reinzubekommen bei mir. Es gibt aber nach wie vor das Gegenteil auf dem Album. Das kommt jetzt bei unserem Gespräch hier etwas zu kurz. Diese skurrilen Texte, wie „Völlig verzweifelt vor Glück“ oder die völlig archaisch-metaphorischen Stücke wie „Nackter Fischer“. Es ist ja alles noch da. Es gibt nur eine gewisse Gruppierung von Liedern dieses Mal, die klar und deutlich sind. Wie die Faust aufs Auge. Die sind mir halt eingefallen und die haben mich musikalisch angesprungen. Die habe ich nicht überblättert beim Durchsehen. Und ich finde es auch nicht schlimm, wenn die jetzt die Hauptlinie bilden.

Apropos: „Der Nackte Fischer“. Das ist so poetisch, dass die unbeliebte Frage erlaubt sein darf, was uns der Dichter damit sagen will.

Kunze: „Der nackte Fischer“ ist der Naturmensch. Der archaische Mensch im Spannungsfeld zwischen Naturgewalten und Riten. Der Mittler zwischen dem Dorf und dem Meer. Hier ist er auch Quell der Nahrung: Ohne ihn kann kein Hochzeitsfest stattfinden, weil die Brautleute dann nichts zu essen haben. Und er muss sich mit ihnen einigen, muss beschwichtigen. Wie … Strauß in vier Minuten. Da habe ich übrigens alle Gitarren und den Bass gespielt. Das durfte ich früher nicht. Da hat mein Gitarrist immer gesagt „Das spiele ich, ich kann das besser.“ Das klingt jetzt einfach nach mir, zum Teil auch unbeholfen oder ungeschlacht. Dass das authentisch und vor allem gut klingt, hat Udo Rinklin einfach erkannt. Seine Vorgänger aus meiner eigenen Band haben es nicht so gesehen. Da habe ich gedacht: „Hey, das ist der richtige Mann.“ Das war eine herrliche Arbeit mit ihm. Ein Hin und Her von Ideen. Ich würde gern mit ihm als Produzent auf unabsehbare Zeit weitermachen, da kommt noch viel dabei raus.

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