Geburtstag - Ilse Hannibal, jahrzehntelang legendäre Erste Vorsitzende des Richard-Wagner-Verbands Mannheim-Kurpfalz, wird an diesem Samstag 95 Jahre alt Grüne Tinte und rotglühende Drähte

Von 
Ralf-Carl Langhals
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Am Samstag, man kann sich sicher sein, wird sie es tun. Ilse Hannibal, jahrzehntelang ein Musterbeispiel an Selbstdisziplin und Strenge gegen sich selbst, wird naschen. Ein Stückchen Kuchen oder vielleicht den geliebten Schoko-Pudding mit ihren Kindern Gunter und Uta, die sie in diesen merkwürdigen Ausnahmezeiten als einzige Gäste in ihrer Seniorenresidenz empfangen darf. An Blumen, Gratulationen, Reden und Aufwartungen würde am Samstag sonst nicht gespart werden, wird sie, die Wagner-Geschäfte mit Begeisterung an straffen Zügeln führte, doch stolze 95 Jahre alt.

Eine Jubilarin mit großen Verdiensten: Ilse Hannibal. © Thomas Troester
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Für Ilse Hannibal, ein unvergleichliches Original der lokalen und nationalen Kulturszene, war der Vorsitz eines der größten Wagner-Verbände weltweit Beruf und Berufung. Werk und Gedächtnis des Komponisten Richard Wagner zu pflegen, war für die Thüringer Pfarrerstochter, die in Kassel aufwuchs, 45 Jahre lang eine ernste Angelegenheit. Von den Bayreuther Festspielen, zu denen in ihrer Ära aus Mannheim mehr als 200 junge Künstlerinnen und Künstler als Stipendiaten entsandt wurden, war Ilse Hannibal nicht wegzudenken.

„Wie geht’s der Chefin?“

Auch wenn sie aus gesundheitlichen Gründen seit einigen Jahren nicht mehr auf den Grünen Hügel kann – die „Mannheimer Präsidentin“ ist auf dem Grünen Hügel eine Marke: „Was macht Ihre Chefin?“, fragen Wagner-Freunde in Festspielgesprächen immer noch, auch wenn sie das Amt 2014 in die Hände von Monika Kulczinski gab. Ob Konzert, Kongress oder Kulturreise – Organisationstalent Hannibal machte es möglich. Die Arbeit, die sie 1968 von der Industriellenwitwe Helene Röchling übernahm, wurde der ausgebildeten Sängerin und Arztgattin schnell zum Hauptberuf. Trotz Praxisorganisation, reger Oratorientätigkeit und aktivem Engagement im Ältestenkreis der Christuskirche führte Ilse Hannibal den Wagner-Verband in eine andere Zeit.

45 Jahre im Kulturbetrieb

Die Umwandlung in einen eingetragenen Verein, die Zusammenführung zum Ortsverband Mannheim-Kurpfalz, die Organisation einer Bundestagung (1975) – all das sind Großtaten der energiegeladenen Dame, die man heute wohl „Powerfrau“ nennen muss. Ihr preußisch-protestantischer Arbeitsgestus zeigt sich etwa an Mahlzeiten: stets kleine Portionen, ausschließlich mit Mineralwasser – und zu Zeiten, wie sie in den Proben-, Gremien-, und Kulturbetrieb passten. Lange war die Unermüdliche daher auch im Bundesverband tätig, wurde dafür von Stadt, Land und Bund mit Ehrungen gewürdigt. Ihr Verband hält sie generell und besonders zum Geburtstag in hohen Ehren – aus gutem Grund. Ihre Mitgliederbetreuung war eine organisatorische wie kommunikative Meister(singer)leistung, durch die grüne Tinte in Strömen floss und „Fernsprecher“-Drähte und Wählscheiben glühten.

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Der bewundernswerten Energie ist nun altersgemäß die Zeit des Ausruhens gefolgt. Doch noch immer informiert sie sich über das Verbandsgeschehen, erinnert sich an Mitglieder und Anekdoten aus einer langen Vereinstätigkeit. Bei so viel süßer Erinnerung darf dann auch mal genascht werden.

Redaktion Ralf-Carl Langhals studierte Jura, Germanistik, Romanistik, Theater- und Musikwissenschaft in Mannheim, Berlin und Nizza. Er arbeitete als Regieassistent und Dramaturg an verschiedenen deutschen Theater und schrieb danach als freier Theaterkritiker für SWR, Die Welt, Frankfurter Rundschau, Theater der Zeit u.a. Seit 2006 ist er Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen, zuständig für die Bereiche Schauspiel, Tanz und Performance.