Gottes Rufnummer

Von
Stefan M. Dettlinger
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Liebe Göttin, lieber Gott, liebes gottendes Wesen, liebe Kirche, es gibt eine frohe Botschaft: Die Menschen draußen in der Welt interessieren sich für euch. Also weniger für die Kirchen. Mehr für Gott. Auf die #mahlzeit „Bei Gott in der Warteschleife“ kamen nämlich sehr viele Mails von Göttinnensuchern und Gottessucherinnen. Fast habe ich mich gefühlt wie Michael Jackson zu seinen besten Zeiten. Ich. Habe. Fanpost. Erhalten. Mehr als bei anderen Themen, als bei Gender, Frauenfeindlichkeit, Migration, Rassismus, Corona oder so irrelevanten Dingen wie Kunst und Kultur. Ja, sogar mehr als bei meinen ganz persönlichen Kumpels: dem deutschen Gartenzwerg und Igor Levit!

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Das ist gut. In einer der Mails hat mir jemand die Rufnummer Gottes verraten: 5015. Ohne weiterzulesen, habe ich die Nummer sofort in mein Phone getippt. Eine Vorwahl hat Gott natürlich nicht. Fünf. Null. Eins. Fünf. Die Antwort kam prompt: „Die gewünschte Nummer ist zur Zeit nicht vergeben“, meinte eine eher durch XX-Chromosomen geprägte Stimme, die eindeutig nicht von Gott kam. Dann habe ich es gesehen: Es ging der Leserin um den Psalm 50, 15: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.“ Angeblich kursiert die 5015 unter dem Decknamen HNH (Himmlische Notfall-Hotline) beim MI 6, falls mal wieder ein Irrer einen der James Bonds dort auseinandersägen will.

Ich habe der Leserin versprochen, mich mit diesem 50. Psalm zu beschäftigen. Ich bin ein Fan. Ich liebe Psalmen. Als Chorsänger kenne ich einige ganz gut. Aber ich habe gelernt, Zitate nicht aus dem Zusammenhang zu reißen. Der Satz „Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen“, den Bundeskanzlerin Angela Merkel mal auf einem Parteitag losließ, steht ohne die Worte davor in falschem Licht: „Auch mir hat eine Satiresendung schon einmal richtig aus der Seele gesprochen, als es dort hieß: Gott hat die FDP vielleicht nur erschaffen, um uns zu prüfen.“ Merkel hat den Satz nur zitiert.

Na ja, jedenfalls habe ich den 50. Psalm zu Ende gelesen. Ich war betroffen und muss an alle Hilfesuchenden appellieren: Wählt nicht die Telefonnummern 5021 und 5022. Dort heißt es: „21 Bis jetzt habe ich zu deinem Treiben geschwiegen, darum dachtest du, ich sei wie du. Aber nun weise ich dich zurecht und halte dir deine Untreue vor Augen. 22 Ihr habt mich vergessen, euren Gott. Hört doch auf das, was ich sage; sonst werde ich euch vernichten. Dann kommt jede Rettung zu spät!“

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Puh, da kam plötzlich wieder der grimmige Gottestyp aus der dunklen Ecke meiner Kindheitspfarrer (diesmal ohne -innen) hervor. Aber die Psalmen, sagte ich mir da, sind ja reines Menschenwerk, die haben mit Gott und seiner Güte ja null zu tun. Interessiert das noch jemanden?

Mit der gemeinsamen Mahlzeit von Alya, Bela, Caro und Detti (das bin ich) wird es jedenfalls immer zäher. Wir haben es satt, uns auf Mattscheiben beim kauenden Sattmachen zuzusehen. Die drei mögen mich gerade sowieso nicht so. Vielleicht liegt es an der Fanpost. Ich vermute, da ist Neid im Spiel. Mein Gott!

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Schreiben Sie mir: mahlzeit@mamo.de

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.