Gedenktag - Operettenkönig Franz Lehár ist nach und neben Beethoven der Komponisten-Jubilar des Jahres / 150. Geburtstag am 30. April Gold und Silber liebte er

Von 
Hans-Günter Fischer
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Dem Operettenhelden: Franz Lehár-Denkmal in Bad Ischl. © imago/imagebroker/schauhuber

Ganz genau ist nicht mehr zu ermitteln, was im Führerbunker aus den alten Grammophonen schallte. Anfang 1945, als das Ende unaufhaltsam näherkam. Aber die „Götterdämmerung“ war es wohl nicht. Die „Lustige Witwe“ schon eher - Hitler liebte Richard Wagner, aber Franz Lehár liebte er fast noch mehr. Zumal sich dieser mit den Machthabern im „Dritten Reich“ zu arrangieren wusste und bisweilen auch für öffentliche Auftritte bereitstand.

Empfehlungen

  • Die Lustige Witwe: Sänger/Musiker: Marlis Petersen, Iurii Samoilov u.a.; Frankfurter Opern- und Museumsorchester, Joana Mallwitz (erschienen bei Oehms).
  • Das Land des Lächelns: Elisabeth Schwarzkopf, Nicolai Gedda, Erich Kunz u.a.; Philharmonia Orchestra, Otto Ackermann (Documents).
  • Immer nur lächeln – Operettenquerschnitte: Erika Köth, Anneliese Rothenberger, Rudolf Schock, Fritz Wunderlich u.a. (Warner, Box mit 5 CDs).
  • Richard Tauber singt Lehár: Tonaufnahmen aus den späten 1920er- und frühen 1930er Jahren; klangtechnisch sehr historisch, aber musikalisch unverzichtbar. (Warner)
  • Gold und Silber (+ Musik des „Walzer-Unternehmens“ Johann Strauß & Söhne): Wiener Philharmoniker, Rudolf Kempe (Warner).
  • Buch: „Dein ist mein ganzes Herz“. Ein Lehár-Lesebuch (mit neuen Essays über Werk und Leben): Böhlau Verlag, 230 Seiten, 23 Euro.
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Lehárs Operetten blieben auf den Spielplänen, und seine Ehefrau (die Jüdin war) wurde zur „Ehrenarierin“ ernannt. Auch wenn sie in der schmucken Komponisten-Villa in Bad Ischl vorsichtshalber in das Rückgebäude zog, um notfalls ein Versteck zu haben. Während in den Räumen weiter vorn Lehár gelegentlich mit jungen Damen Umgang pflegte. „Bruder Leichtsinn, so werd’ ich genannt“, heißt es schon 1930 in dem Bühnen-Hit „Schön ist die Welt“.

Riesiger Erfolg 1905

Lehár und sein Verhältnis zu den Nazis: Das wird stets ein heikles Thema bleiben, auch im Jubiläumsjahr - der Operettenkönig kam vor 150 Jahren auf die Welt.

Es trübt zudem den Blick auf eine Kunstgattung, die nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) unter dem Verdacht stand, eine nicht bloß musikalisch heile Welt zu malen und mit den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts nichts am Hut haben zu wollen. Aber da müssen wir denn doch noch etwas genauer hinschauen und -hören.

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Franz Lehár, geboren am 30. April 1870 in Komorn (das damals ungarisch gewesen ist und heute zu der Slowakei gehört), begann als Wunderknabe und war später jüngster Militärkapellmeister der k. und k.-Armee. Er ist ein Kind der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, eines Vielvölkerstaats von damals unerhörtem kulturellem Reichtum, den er für sein Werk zu nutzen wusste. Mit der „Lustigen Witwe“ hatte er schon 1905 einen solch riesigen Erfolg, dass er sich in den Ruhestand hätte begeben können. Und die Melodien dieser Operette blieben auch viele Jahrzehnte später ungebrochen populär (das „Vilja-Lied“ etwa hat selbst der Modern-Jazz-Gigant und Saxofonist John Coltrane nicht verschmäht).

Doch nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) schien die Gattung Operette nicht mehr auf dem aktuellen Stand der Ton- und Bühnenkunst zu sein. Musikrevuen wurden ihr zur harten Konkurrenz. Lehár blieb trotzdem im Geschäft, auch weil sein Zugriff opernhafter wurde und er mit den Librettisten seiner Stücke jetzt oft dazu überging, das Happy End zu streichen. Dramaturgisch machte er die Operette also durchaus zeitgemäßer und auch realistischer.

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Das brachte ihm erneut einen Triumph: „Das Land des Lächelns“ (1929). Zum Erfolg trug bei, dass die Tenor-Ikone Richard Tauber aus dem Schwur „Dein ist mein ganzes Herz“ im Handumdrehen einen Evergreen zu machen wusste.

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Tauber war als Mozart-Sänger groß geworden, seinen Einsatz für die sogenannte Leichte Muse warf man ihm durchaus ein bisschen vor. Aber der Starsänger entgegnete: „Ich singe ja nicht einfach Operette, sondern Franz Lehár!“ Das stimmt.

Leidenschaftliche Ohrwürmer

Auch wird zu Recht darauf verwiesen, dass Lehár mit Giacomo Puccini eng befreundet war, wobei die Wertschätzung der beiden Komponisten füreinander völlig gleichberechtigt ausfiel. In gewisser Weise kann „Das Land des Lächelns“ fast als Lehárs „Turandot“ gedeutet werden, und in vielen Operetten schwingt sich der Orchestersatz ins Üppige, Monumentale auf. Da ist Puccini drin. Aber auch Richard Strauss. Unendlich lange Aufschwungsphasen zeichnen Lehárs Arienmelodien aus, es sind vibrierende und leidenschaftlich sich emporwindende Ohrwürmer. Man wird sie niemals wieder los. Daneben schrieb der Komponist auch viele Märsche und nicht weniger als 65 Walzer, einige davon in Johann Strauß’schem Großformat, wie „Gold und Silber“ (1902).

Wie steht es aber um die Texte? „Hör’ ich Cymbalklänge, wird’s ums Herz mir enge“ aus „Zigeunerliebe“ könnte schon ein bisschen abschrecken. Doch die charmante Idiotie diverser Verse sollte nicht den Blick darauf verstellen, dass Lehár auch an die meisten seiner Librettisten hohe Qualitätsansprüche stellte. Für „Das Land des Lächelns“ engagierte er Fritz Löhner-Beda - der als Jude gut zehn Jahre später im KZ-System der Nazis umkam, aber vorher dichtete: „O träume dich durch diese großen Zeiten, bis sie wieder klein und glücklich sind.“ Erlebt hat er es nicht. Und Franz Lehár konnte ihm auch nicht beistehen.