„Gespräche sind meine Rettung“

Von 
Jagoda Marinic
Lesedauer: 
Jagoda Marinic. © imago stock&people

Liebes Corona-Tagebuch,

AdUnit urban-intext1

AUDIO: Corona-Tagebuch: Gespräche sind meine Rettung

liebe Leserinnen und Leser,

seit Wochen der erste Tag ohne Sonnenlicht morgens. Ich weiß, für den Boden und die Wälder war dieser April viel zu trocken. Für mich war das Licht jedoch eine Rettung. Ja, was rettet uns eigentlich durch diese Zeit?

> Antworten - Ihre Meinung: E-Mail an Jagoda Marinic
AdUnit urban-intext2

Von den meisten Menschen höre ich, wie viel sie telefonieren. Der Redebedarf hat sich erhöht, viele fragen nach, wie man zurechtkommt zurzeit. Dank des verstärkten Arbeitens im Home Office fragt man auch im Team anders nach. Gespräche als Teil unseres Ich. Ich war schon in der Schule sehr beeindruckt, als meine Deutschlehrerin mit Kleists „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ ins Klassenzimmer kam.

Wie sie diesen Satz im Mund liegen hatte! Sie schmeckte ihn gewissermaßen nach beim Aussprechen, als seien schön gesprochene Sätze etwas, nach dem man sich die Lippen lecken muss. Wie nach Eis. Da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass leises Denken eins ist, aber das sich formierende laute Denken, weil man sich jemandem erklärt, etwas ganz Anderes.

AdUnit urban-intext3

Zur Zeit schätze ich das besonders: Menschen, die zuhören können. Die nicht warten, bis man fertig ist, um dann ihren Redeblock zu setzen, der etwas ganz anderes meint, sondern Menschen, die ins eigene Denken mit hineindenken, es verstärken und plastischer machen. Existenzieller. Und man sich dann dem Denken des Anderen zuwendet. Diese Art des Redens beschreibt Martin Buber in seiner Schrift „Ich und Du“ am tiefsten.

AdUnit urban-intext4

Heute Morgen sah ich als erstes Bilder aus Moria, wie man den Menschen dort Frühstück gab: Eingeschweißte Brötchen wurden in die Menge geworfen. Ich brauche Gespräche über solche Bilder. Die Schriftstellerin Silvia Bovenschen sagte einmal: „Aber, merkwürdig, jetzt, da ich das Haus nicht mehr verlasse, wirkt das äußere Geschehen fast stärker auf mich ein.“ So geht es mir auch. Deshalb beginne ich jetzt online „Lockdown Conversations.“ Eine Stunde Gespräch im Live-Stream. Mein erster Gast ist EU-Parlamentarier Erik Marquardt. Ich werde mit ihm über solche Bilder wie in Moria sprechen und das Denken darüber vertiefen. Das Handeln und Nicht-Handeln hinterfragen. Am Mittwochabend auf dem Twitterkanal des Interkulturellen Zentrums. Reden Sie mit. Und bleiben Sie gesund.

Jagoda Marinic ist Schriftstellerin und Publizistin, lebt in Heidelberg und schreibt das Corona-Tagebuch bis auf weiteres täglich ehrenamtlich. Als Podcast zu hören ist es auch auf der Website dieser Redaktion.

Mehr zum Thema

Gastbeitrag (mit Audio) Kultur muss gelebt werden

Veröffentlicht
Von
Jagoda Marinic
Mehr erfahren

Gastbeitrag (mit Audio) Corona-Tagebuch Neu denken braucht Zeit

Veröffentlicht
Von
Jagoda Marinic
Mehr erfahren

Gastbeitrag (mit Audio) Was macht der Lockdown mit der Erinnerung und Sehnsucht?

Veröffentlicht
Von
Jagoda Marinic
Mehr erfahren

Freie Autorenschaft Jagoda Marinic ist Schriftstellerin und Publizistin, lebt in Heidelberg und schreibt an dieser Stelle täglich außer samstags dieses Corona-Tagebuch bis auf weiteres. Sie schreibt die Corona-Kolumne ehrenamtlich, weil sie in der Krise einen Beitrag leisten will.

Thema : Coronavirus

  • Pandemie Gärtnereien, Gartenmärkte und Blumenläden dürfen ab 1. März öffnen

    Baden-Württemberg will ab nächsten Monat einige Geschäfte wieder öffnen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann kann sich auch vorstellen, dass sich wieder zwei Haushalte privat treffen dürfen.

    Mehr erfahren
  • Baden-Württemberg Erzieher und Lehrerinnen können sich ab sofort impfen lassen

    Es sollte für Kita-Beschäftigte und Lehrer eine frohe Botschaft sein: Baden-Württemberg macht für sie eine Impfung gegen das Coronavirus ab sofort möglich - früher als gedacht. Doch dann ruckelt es am Anfang - mal wieder.

    Mehr erfahren
  • Corona-Maßnahmen im Überblick Die neuen Bund-Länder-Beschlüsse vom 10. Februar

    Bund und Länder sehen in deutlich gesunkenen Ansteckungsraten viel erreicht im Kampf gegen Corona - aber noch keinen Anlass für Entwarnung. Denn neue Mutanten breiten sich aus. Die neuen Beschlüsse im Detail.

    Mehr erfahren