Geschichte und Geschlechter - Kunsthalle Mannheim gibt digitale Einblicke in Anselm-Kiefer-Schau

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Thomas Groß
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Die Mannheimer Kunsthalle widmet Anselm Kiefer eine große Schau, in die ab diesem Montag wenigstens online ein erster Blick zu werfen ist – offizielle Eröffnung wohl frühestens in drei Wochen

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Im Obergeschoss ist dem wichtigen Gegenwartskünstler längst ein eigener Raum reserviert. Und im Atrium des Neubaus der Kunsthalle begrüßt Besucher seit der Eröffnung Anselm Kiefers monumentales, schrundiges Relief „Sephiroth“ – eine zerklüftete Landschaft, mehr als neun Meter hoch und fast drei Tonnen schwer. Für eine systematische Durchleuchtung von Kiefers Werk und Einordnung der schon bekannten Arbeiten ins Œuvre sorgt die Corona-bedingt noch immer nicht eröffnete Sonderschau des Museums. In sie sind jetzt wenigstens online und digital erste Einblicke möglich, am Beispiel von vier besonderen Arbeiten aus verschiedenen Werkphasen.
Anselm Kiefer: Die Sammlung Grothe in der Kunsthalle Mannheim - Unsere Beilage als Blätterkatalog


Kunst Kunsthalle gibt digitale Einblicke in die Anselm-Kiefer-Schau

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Die ganze Schau bestätigt mit insgesamt 18 Werken aus der dem Museum als Dauerleihgabe überlassenen Sammlung Hans Grothe erst recht, was schon zuvor hier Gezeigtes zu erkennen gab: Ohne Überwältigung ist dieser Künstler nicht zu haben. Ohne große Geste, großes Format gibt es ihn nicht. So ist Kiefer, so will er wirken – um dann den Blick auf einzelne Teile und viele Details zu lenken. Hier nimmt sich einer das große Ganze vor. Das ist eine Qualität, aber auch ein Grund, weswegen der nach Frankreich übergesiedelte Star der internationalen Kunstszene hierzulande immer wieder auch Ablehnung erfahren hat.

Ein anderer Grund ist seine oft ironische, aber als solche missverstandene Anspielung auf und Beschäftigung mit der deutschen (Unheils-)Geschichte, sein Ausgreifen in diejenige der Welt, ins Mythische auch, dem notwendig ein Zug ins Ungefähre eignet. Und dazu passt, dass Kiefer den Sinn seiner Arbeit und was sie vermitteln will als Weg zu Wahrheit und Weisheit, gleichsam als mystisches Tun begreift. Was es damit näher auf sich hat, macht die von Sebastian Baden kuratierte Schau chronologisch und thematisch geordnet erfahrbar.

Materialien gleichen sich

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Aus- und Überblicke bietet sie buchstäblich, dank entfernter Trennwände zwischen den drei Ausstellungsräumen im Parterre, zu denen sich der für Kiefer reservierte Raum im zweiten Obergeschoss gesellt. Weitläufigkeit ist hier auch kuratorisches Programm. Das Inhaltliche geben die auf je einen Raum bezogenen Begriffspaare „Gott und Staat“, „Mann und Frau“, „Tod und Stille“ sowie „Himmel und Erde“ vor. Maßgebliche Werke aus dem ersten und vierten Raum lassen die Bandbreite Kiefers erahnen, vom konkreten, kritischen Impuls, für den ein Werk wie „Volkszählung“ aus dem Jahr 1987 steht, bis zur alle Kultur und Sprache umfassenden Installation „Der verlorene Buchstabe“ (2017) und dem Bildwerk „Jaipur“ (2005). Letzteres nimmt auf eine der ersten neuzeitlichen Sternwarten Bezug und breitet darüber eine Weltraumkarte der Nasa aus.

Doch ob auf Großes oder Kleineres bezogen, die Materialien gleichen sich: Kiefer arbeitet außer mit Farbe gern mit Erde, Steinen, Gips, Blei, Draht; verarbeitet werden auch Pflanzen, Sonnenblumen oder Farne, mit Harz überzogen oder Gips bestäubt. Und dann kommen die Elemente erneut ins Spiel, werden die Arbeiten doch oft Wind, Wasser und Feuer ausgesetzt, was den markanten typischen Eindruck von Zerstörung erzeugt.

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„Volkszählung“ besteht aus einem großen Container, darin Blechbahnen, in die zahllose Erbsen eingelassen sind. Auf einen auch totalitären Staat ist angespielt; der Container erinnert zudem an die Bahnwaggons, mit denen jüdische Bürger ins KZ transportiert wurden. Die Erbsen stehen für Menschen. Aktueller Anlass war für Kiefer die hoch ideologisch geführte Diskussion um die Volkszählung der 1980er Jahre.

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Das Geschlechterverhältnis nehmen Werke im zweiten Raum ins Visier. Die „Frauen der Antike“ sind kopflose Statuen, auf denen etwa Bleibücher lasten – falls die Skulptur, nach einer anderen Lesart, diese nicht leichthin trägt. So oder so eine Anspielung darauf, dass damalige Frauen meist nur in Erzählungen von Männern gegenwärtig sind – und überhaupt eine Huldigung ihrer Kreativität, ihres fraglosen Einflusses. Die mächtige Installation „Palmsonntag“ mit der gefällten Palme im Zentrum steht für Kiefers Prägung durch christliche wie jüdische Kultur und Mystik; auf Jesu Einzug in Jerusalem ist angespielt, die liegende Palme mahnt aber auch an sein Ende und die Kreuzigung.

Was haben wir gemacht?

Gedichten Paul Celans und Ingeborg Bachmanns erweist Kiefer Reverenz oder rückt weitere biblische Stoffe sowie jüdische Schöpfungsmythen ins Zentrum. So erhält der Turmbau zu Babel im Bildrelief „Der fruchtbare Halbmond“ (2010, im Bild) einen dunstig-verschleierten Ausdruck. Hier zeigt sich erneut eine auffällige Besonderheit: Vor Kiefers Arbeiten ist es oft so, als blicke man von weit oben, von weit entfernt oder auch aus der Zukunft auf eine Szenerie, die Spuren der Zerstörung aufweist. Was haben wir aus dem gemacht, was uns anvertraut war? So scheint es hier zu fragen.

Wir konstatieren, nicht das Richtige oder doch viel zu wenig getan zu haben. Da trifft es sich gut, dass Anselm Kiefer auch ein Werden im Vergehen vorscheinen lässt. Das zeigt diese gelungene Museumsschau nämlich auch – dass Kiefers Kunst so trostreich wie trostlos ist. Und das bestätigen auch schon die vier jetzt wenigstens digital zugänglich gemachten Werke.

Große Schau über wichtigen Künstler – aber zunächst nur im Auszug und im Netz

Anselm Kiefer, geboren 1945 in Donaueschingen, zählt zu den wichtigsten Künstlern der Gegenwart. Seit Anfang der 1990er Jahre lebt er in Frankreich, zuvor unterhielt er längere Zeit Ateliers im Odenwald.

Die Schau „Anselm Kiefer“ soll nach einer offiziellen Eröffnung bis 22. August zu sehen sein, täglich außer Montag 10-18 Uhr, erster Mittwoch im Monat 10-22 Uhr.

Zur Ausstellung will das Museum ein umfangreiches Begleitprogramm bieten. Zunächst ist von all dem nur online ein Eindruck zu gewinnen: Die „Digitale Kunsthalle“ von ZDFkultur nimmt Kiefer ab Montag, 15. Februar, 10 Uhr, in einer Kooperation mit dem Museum unter die Lupe, und zwar unter der Web-Adresse digitalekunsthalle.zdf.de.

Bemerkenswert ist dabei besonders die hohe Bildauflösung, die die komplexen Strukturen und Oberflächen der Werke realitätsgetreu erleben lässt. Präsentiert sind vier Werke: eine Skulptur der Reihe „Frauen der Antike“, außerdem „Jaipur“, „Der verlorene Buchstabe“ sowie „Der fruchtbare Halbmond“.

Den Audioguide zur Ausstellung und weiteres Material stellt die Kunsthalle ab 15. Februar in ihrer App zur Verfügung (Informationen unter kuma.art)

Eine Beilage zur Schau stellen wir unter morgenweb.de/kultur zum Download bereit; zu lesen ist sie auch in der E-Paper-Ausgabe. Ab 20. Februar ist Kunsthallen-Direktor Johan Holten Gast im Podcast „Mensch Mannheim“ von „MM“-Chefredakteur Karsten Kammholz.

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Redaktion Kulturredakteur, zuständig für Literatur, Kunst und Film.

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