Kultur im Wohnzimmer - Mit „Mayans M.C.“ will Kurt Sutter auf Sky an den Erfolg der Vorgänger-Serie „Sons of Anarchy“ anknüpfen Geboren, um wild zu sein

Von 
Gebhard Hölzl
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Vor allem die Frisuren haben sich seit „Easy Rider“ geändert (v.l.): JD Pardo als EZ Reyes und Clayton Cardenas as Angel Reyes. © Fox

Die Motoren der chromglänzenden, barockverzierten Zweiräder röhren. Auf ihnen sitzen muskelbepackte, finster dreinblickende Herren, ihre Mähne flattert – gerne unter deutschem Stahlhelm – im Wind, die mit Stahlnieten verzierten Jacken, im einschlägigen Jargon „Kutten“ genannt, ziert der Name ihres Verbands: „Mad Dogs from Hell“, „Devil Riders“ oder „Hell’s Angels“. Wenn sie im Pulk über staubige Kleinstadthauptstraßen donnern, steht die Missachtung sozialer Gepflogenheiten auf dem Programm. 1953 erstmals im Lichtspielhaus. „Der Wilde“ hieß der böse Bube, gespielt von Marlon Brando.

Gebt Gummi, Jungs (und Mädels)! – die besten Biker-Movies

  • „The Wild One“ („Der Wilde“, 1953) von Laszlo Benedek mit Marlon Brando, Lee Marvin, Mary Murphy
  • „The Wild Angels“ („Die wilden Engel“, 1966) von Roger Corman mit Peter Fonda, Nancy Sinatra, Bruce Dern
  • „The Born Losers“ („Engel der Hölle“, 1967) von Tom Laughlin (als T.C. Frank) mit Tom Laughlin, Elizabeth James, Jeremy Slate
  • „She Devils on Wheels“ (1968) von Hershell Gordon Lewis mit Betty Connell, Nancy Lee Noble, Christie Wagner
  • „Easy Rider“ („Easy Rider“, 1969) von Dennis Hopper mit Peter Fonda, Dennis Hopper, Kack Nicholson
  • „Satan’s Sadists“ („Die Sadisten des Satans“, 1969) von Al Adamson mit Russ Tamblyn, Scott Brady, John „Bud“ Cardos
  • "Hard Ride“ („Hard Rider“, 1971) von Burt Topper mit Robert Fuller, Sherry Bain, Tony Russel
  • „The Jesus Trip“ (1971) von Russ Mayberry mit Tippy Walker, Robert Porter, Billy Green Bush. 
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Der Auftakt zu einem neuen Genre: dem Biker-Movie. Autokinoware zunächst, 1965 kräftig befeuert durch einen Artikel in „The Nation“. Ein Erlebnisbericht des legendären Gonzo-Journalisten Hunter S. Thompson. Überschrieben: „The Motorcycle Gangs: Losers and Outsiders“. Ziemlich sicher gelesen hat den Produzent und Regisseur Roger Corman. Bereits ein Jahr später brachte er „Die wilden Engel“ heraus – bis heute ein Highlight der Gattung, dem zig ähnliche Werke mit Titeln wie „Die Rocker von der Boston Street“ oder „Chrom und heißes Leder“ folgten.

Nicht zu vergessen der cineastische Adelsschlag: „Easy Rider“. Dennis Hopper wurde 1969 in Cannes als Erstlingsregisseur ausgezeichnet, Oscar-Nominierungen gab’s fürs Originaldrehbuch und Nebendarsteller Jack Nicholson als Kiffer-Anwalt. Hinzu kam der weltweite Umsatz von über 600 Millionen Dollar (bei 360 000 Dollar Produktionskosten). Columbia Pictures entging dank dieses Hits der Insolvenz.

Die Filme waren symptomatisch für die Stimmung in den USA. Die Jugend protestierte gegen den Vietnamkrieg, Rassismus und Mittelklassewerte, lebte in ihrer eigenen Welt: Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll. Als die Wogen sich glätteten, die Hippies und Aussteiger in die Jahre und zu Geld kamen, war’s mit den gesellschaftlichen Verwerfungen weitgehend vorbei.

Den Vietcong demoralisieren

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Die Revoluzzer mutierten zum Establishment. Die Harley wurde geparkt, im Cabrio Platz genommen. Was sich auf der Leinwand niederschlug. Dann kam Ronald Reagans „Star Wars“-Programm, später George W. Bushs „Krieg gegen den Terror“. Geschichte wiederholt sich. Und Kurt Sutter, Ex-Junkie, Comic- und Fastfood-Fan, hatte eine Idee. Warum nicht eine TV-Serie über eine Motorradclique machen? Vielleicht hat er sich an „Hell’s Angels“-Chef Ralph „Sonny“ Barger jr. erinnert, der 1965 an Präsident Johnson telegrafierte: „Meine Kumpels und ich würden uns als loyale Amerikaner glücklich schätzen, wenn wir hinter den Linien in Vietnam unsere Pflicht tun könnten. Wir glauben, dass eine Hand voll ausgebildeter Gorillas (sic!) den Vietcong demoralisieren würde …“

Wie auch immer. „Sons of Anarchy“ (SOA)war geboren, mit ihren sieben Staffeln (2008-2014) die bis dato die erfolgreichste Produktion des Kabelsenders FX. Lose an Shakespeares „Hamlet“ orientiert sich die Handlung des gewalttätigen Psychodramas, in dessen Zentrum Jackson „Jax“ Teller, Anführer des Sons of Anarchy Motorcycle Club Redwood Original, abgekürzt SAMCRO, steht. Mit Drogenhandel und Prostitution verdient man sein Geld, lästige Rivalen hält man sich blutig vom Leib. Darunter die Mayans, die nun in Sutters Spin-off „Mayans M.C.“ in den Mittelpunkt des Interesses rücken. Eine Latino-Variante des Originals–- mit vielen Hispano-Dialogen (zu sehen auf Sky Atlantic).

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Zweieinhalb Jahre nach Ende von SOA setzt der Plot ein, Held Ezekiel „EZ“ Reyes (J.D. Pardo) ist „Prospect“, sprich: Anwärter beim Motorcycle Club, in den er aufgenommen werden will – und Informant der Bundesbehörde. Zwangsweise, um aus dem Knast frei zu kommen, weil er einen Cop erschossen hat. In Freiheit trifft er auf korrupte Staatsdiener, stiernackige Hinterwäldler, die Jagd auf illegale Grenzgänger machen, rivalisierende Banden – darunter die schwergewichtigen, üppigen tätowierten Samoans, einen sadistischen Drogenbaron (Danny Pino), der mit seiner resoluten Ex-Freundin (Sarah Bolger) liiert ist, und auch den altbekannten Marcus Alvarez (Emilio Rivera), Mayans-Häuptling …

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Personal wie Verwicklungen sind bekannt. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich … Mano-a-Mano wird aufeinander eingeprügelt, auf dem Friedhof liefert man sich ein Feuergefecht, im Bordell hängt man mit üppigen Girls ab. Katey Sagal („Eine schrecklich nette Familie“), Sutters Ehefrau, die hartgesottene SAO-Mama, taucht in der ersten Episode für einen Kurzauftritt im Gefängnisbesuchsraum auf, Neuzugang Edward James Olmos („Stand and Deliver“) glänzt als EZs knurrig-knorriger Metzger-Papa. Rückblenden sind durch Farbfilter gekennzeichnet, gewohnt hohes Niveau bekommt man in Sachen Action, Fotografie, Schnitt und Musikauswahl geboten. Aller Rest ist ein Déjà-vu-Erlebnis. Wirkliche Überraschungen bleiben aus. Aber wer diese Art handfester Unterhaltung mag, kommt unbedingt auf seine Kosten.

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