Literatur - In dem am Dienstag erscheinenden Prosaband „Erste Person Singular“ zeigt sich Haruki Murakami auf der Höhe seiner Kunst Faszinierend nüchtern

Von 
Thomas Groß
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Zuletzt erschien von ihm der vollständige Großroman „Die Chroniken des Aufziehvogels“ auf Deutsch, der schon vor zwölf Jahren in reduzierter Form übersetzt worden war. Nun beweist der japanische Großschriftsteller und Nobelpreisaspirant Haruki Murakami zur Abwechslung einmal mehr, dass er sich auch auf die kleinere Prosaform versteht. Der neue Band „Erste Person Singular“ vereinigt acht Erzählungen, die allesamt in der ersten Person erzählt sind. Und alle kreisen sie um die Rätsel des Ichs, der eigenen Biografie und besonderer Erinnerungen.

Gilt seit Jahren immer wieder als heißer Anwärter auf den Literaturnobelpreis: der Japaner Haruki Murakami. © dpa
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Die reale, nicht ungewöhnliche Leidenschaft für Baseball findet auch einmal Erwähnung, ebenso diejenige für ernste Musik, für Jazz oder Pop und natürlich Literatur. Öfter sind die Erzähler hier auch Autoren, die sich an ihre Jugend, an besondere Beziehungen oder auch, wie oft bei diesem Autor, an surreal anmutende Ereignisse und fantastische Begegnungen erinnern, darunter einmal diejenige mit einem sprechenden Affen. Moderne Einzelgänger stehen im Vordergrund, Individualisten, die ihr Verwiesensein aufs eigene Ich aber durchaus nicht immer souverän zu handhaben wissen.

Murakami-Bücher erzielen weltweit hohe Auflagen

Haruki Murakami, geboren am 12. Januar 1949 im japanischen Kyoto, hat Romane, Erzählungen, aber auch Sachbücher veröffentlicht und selbst englischsprachige Literatur übersetzt.

Von westlicher Kultur zeigte er sich von Beginn an inspiriert, zeitweilig betrieb der verheiratete Autor in Tokio eine Jazzbar.

Mit seinen Büchern erzielt der schon lange als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelte Murakami in Japan wie international hohe Auflagen.

Sein neues Buch: „Erste Person Singular“. Erzählungen. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe. Dumont Verlag, Köln. 224 Seiten, 22 Euro.

Erzählung mit soghafter Wirkung

Deshalb auch hält das Leben für sie irritierende Begegnungen parat. In der Titelerzählung folgt ein Mann mittleren Alters dem gelegentlichen Wunsch, sich chic zu kleiden, geht abends allein in eine Cocktailbar. Dort wird er anscheinend für jemand anderen gehalten, jedenfalls beschuldigt ihn eine Frau, mit der er ins Gespräch kommt, einer schändlichen Tat. „Sie sollten sich schämen“, ruft sie dem peinlich berührten Mann hinterher, der sich keiner Schuld bewusst ist, die Scham aber offenbar trotzdem empfindet. Man mag dabei das Ende von Franz Kafkas „Prozess“-Roman assoziieren, auch deshalb, weil dieser Autor zu den wichtigen westlichen Inspirationen des Japaners Murakami zählt – und erst recht, weil die vorhergehende Erzählung die Erinnerung an Kafkas „Bericht an eine Akademie“ zu beschwören scheint, wo ebenfalls ein sprechender, den Menschen nacheifernder Affe im Zentrum der Erzählung steht.

Derjenige Murakamis seift dem Ich-Erzähler in einem Thermalbad den Rücken ein; später trinkt er mit dem Mann auf Durchreise ein Bier und erzählt seine kuriose Lebensgeschichte. Das klingt fantastisch genug und besonders gilt das für des Affen Fähigkeit, sein Begehren nach Frauen zu stillen, indem er deren Namen mittels eines persönlichen Dokuments entwendet. Kein Wunder, dass der Mann sich schon am nächsten Tag fragt, ob er sich alles eingebildet oder geträumt hat, zumal die Umgebung ihm nun ohnehin verändert erscheint. Aber später trifft er eine Bekannte, die tatsächlich dazu neigt, ihren Namen zu vergessen, und der zuvor ihr Führerschein abhanden kam.

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Das alles ist nicht nur souverän erzählt, entfaltet Faszination und eine soghafte Wirkung; typisch für Murakami sind auch hier der lakonische, nüchterne Ton und schnörkellose Stil, welche die Schilderungen noch alltäglicher erscheinen lassen, ihr irritierendes Potenzial aber noch erhöhen. Das gilt kaum weniger, wenn die Ereignisse realistischer anmuten oder melancholischer gestimmt sind. Suizide sind ein Leitmotiv der Erzählung „With the Beatles“, welche von der jugendlichen Schwärmerei für eine Mitschülerin den Ausgang nimmt und dann länger bei der ersten festen Freundin des Erzählers verweilt.

Lebensnahe Schilderungen

Deren Bruder liest er einen Text des japanischen Dichters Akutagawa Ryunosuke vor, der Suizid verübt hat, und Jahrzehnte später setzt auch die ehemalige Freundin ihrem Leben ein Ende, was ihr Umfeld vor ein großes Rätsel stellt. Ausführungen über die Beatles und andere Popmusik der Jugendzeit des Erzählers flankieren die Ausführungen, heben die Lebensnähe des Geschilderten hervor und bringen einem dieses noch umso näher.

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Ironisch vorgetragene Vorbehalte gegen (landläufige) Interpretationen von Literatur und Kunst finden sich in dem von Murakamis Stammübersetzerin Ursula Gräfe erneut sehr souverän übertragenen Band gelegentlich. Dennoch geht man wohl nicht fehl, wenn man einen Passus des Prosastücks „Crème de la crème“ für besonders aussagekräftig hält: Ein junger Mann wurde zu einem Konzert eingeladen, das am beschriebenen Ort nicht stattfindet; er ruht sich in einem Park aus, da spricht ihn ein älterer Mann an und belehrt ihn, dass besonderen Wert nur besitze, was nicht leicht zu haben und zu begreifen sei. Das gilt auch für die magisch-realistische Prosa Murakamis. Auch seine Texte erscheinen ja allenfalls leicht und mit schneller Hand formuliert, sind aber wohlkomponiert und ausgefeilt – und sie offenbaren eine Tiefe, welche die Klasse dieses Weltautors ganz mühelos unterstreicht.

Redaktion Kulturredakteur, zuständig für Literatur, Kunst und Film.