Wettbewerb - Musikduo The Twiolins schreibt erneut Preis aus / In einem Monat geht die Auswertung los Es groovt und rockt und singt

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Sie sitzt auf dem schwarzen Sofa und lacht. In vier Wochen ist es so weit. Dann wird geöffnet, gesichtet, studiert, bewertet und aussortiert. Dann nämlich, am 5. Juli, endet die Bewerbungsfrist für den – Achtung, jetzt wird es kompliziert – Progressive Classical Music Award, kurz PCMA und zu Deutsch: Fortschrittlicher klassischer Musikpreis. Der PCMA wurde von ihr und ihrem Bruder vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Die beiden sind: Marie-Luise und Christoph Dingler, genannt The Twiolins, und der Zweck des Preises lautet: unter dem Motto „Schreib den Superhit!“ frischen Wind in die Kammermusikszene bringen und die teilverkrustete Szene mit einer Musik neu beleben, „die unter die Haut geht und das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt“.

Suchen wieder nach dem neuen Hit: Marie-Luise und Christoph Dingler. © Asmus
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Nicht mehr. Nicht weniger. Marie-Luise Dingler erklärt es. Sie kümmert sich bei den Twiolins ums Marketing, während ihr Bruder, wie sie sagt, viele Talente habe, „unter anderem ist er technisch und mit Computern sehr begabt“. Sie seien ein bisschen wie eine Symbiose: „Jeder hat verschiedene Stärken und Talente, die sich gegenseitig ergänzen.“

Leben für die Musik

Doch zurück zu den Begeisterungsstürmen. Was sie entfachen und unter die Haut gehen soll, ist alles, nur nicht das, was man sich unter Musik für zwei Violinen vorstellt: Es groovt und rockt und singt und schwelgt. Es hat mit Pop mehr zu tun als mit Prokofjew, mit Jazz mehr als mit Tschaikowsky, mit Minimalismus mehr als mit Mozart und mit Folk mehr als mit Vogler. „Aber“, so sagt Dingler, es gebe auch Filmmusik-Elemente und manchmal auch Neue-Musik-Anklänge, denn: Die Twiolins lieben auch das Experiment, fordern die Komponisten in der Ausschreibung sogar auf, „unkonventionell, mit neuen Effekten“ zu schreiben, gern aber auch mit „schönen Melodien, krassen Klängen oder heißen Rhythmen“. Es ist nicht Avantgarde. Aber ihre Techniken und Stilistiken können immer mal wieder kurz aufblitzen und für Verwunderung sorgen.

Seit Jahren leben die Twiolins für die Musik. Und von der Musik. Sie touren mit Programmen durch die Welt und bespielen mit 40 bis 50 Konzerten pro Jahr plus einigen Events Säle mit 80 bis 400 Plätzen. Mit dabei sind oft auch Werke, die aus den bisherigen Wettbewerben resultierten. Der von ihnen initiierte Preis ist weit und breit ein Unikum, weswegen die Sache auch bestens läuft. Dingler: „Für den Award rechnen wir in diesem Jahr mit noch mehr Einsendungen als beim letzten Mal, als 350 Stücke eingingen“, sagt Dingler, die die Zahl 500 nennt und stolz ist auf die hochkarätige Jury. Keine Geringeren als der Geigenweltstar Julian Rachlin, der Violin-Entertainer Aleksey Igudesman sowie der Geigenkomponist Benedikt Brydern verstärken die Twiolins bei der anonymen Auswahl der vielen Stücke fürs Finale.

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Und das wird wieder in den Reiss-Engelhorn-Museen stattfinden und per Live-Stream im Internet zu verfolgen sein. Sechs Werke von rund fünf Minuten werden von den Twiolins dann interpretiert. Das Besondere: Der PCMA mutiert dann zum Publikumspreis. Die anwesenden Zuhörer entscheiden darüber, wer die Preise im Wert von insgesamt 11 000 Euro erhält, allein der 1. Preis ist mit 5000 Euro dotiert, danach staffeln sich die weiteren Preise von 3000 über 1000, 800 bis hin zu zweimal 600 Euro. Am Ende des gesamten Projekts steht auch noch die Aufnahme eines Albums. Und wie breit das stilistische Spektrum beim PCMA gemeinhin ist, macht das vergangene Album der Twiolins deutlich. Auf den mit einer Silbermedaille des Global Music Award gekrönten „Secret Places“ aus dem Jahr 2017 ist von Benjamin Heims hypnotischem „Trance No.1“ über das rollende „Rock You vs. Ballerina“ von Jens Hubert bis hin zu Levent Altuntas’ lyrisch-gesanglichen „Three Moods“ vieles dabei, was dem musikalischen Geschmack der Geschwister entspricht.

Vivaldi trifft Piazzolla

Eigentlich könnten Sie sich ihre Musik auch selbst schreiben, denkt man sich da. Falsch: „Selbst komponieren interessiert uns und liegt uns nicht“, sagt Marie-Luise Dingler. Die Twiolins konzentrieren sich auf ihre Kernkompetenz: spielen. Aber: „Wir arrangieren auch, etwa die Werke von Astor Piazzolla. In unserem nächsten Projekt lassen wir nämlich Vivaldis ,Vier Jahreszeiten’ auf Tangos von Piazzolla treffen.“ Vivaldi und Piazzolla – auch sie enthalten, was die Twiolins suchen: Musik, die unter die Haut geht und das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinreißt.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken.