Journal - Welchen Herausforderungen Journalisten in diesen Zeiten ausgesetzt sind und wie sie ihre Arbeit prüfen sollten Erklären statt belehren

Von 
Dirk Lübke
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Der Artikel 5 steht geschrieben am Jakob-Kaiser-Haus in Berlin für eine Ausstellung zum Grundgesetz im Jahr 2012. Das Gebäude beherbergt mehr als 1700 Büros für Abgeordnete und ihre Mitarbeiter. Es ist benannt nach dem Zentrums-Politiker, Widerstandskämpfer gegen die Nazis und späteren CDU-Mitglied Jakob Kaiser. © dpa

„Gegen Dich Dreckschwein widerlichen Lügner und Kotzbrocken sollte man Strafantrag stellen. Pass schön auf Dich auf. Wir kriegen Dich!! Dein Auto und Familie werden ein Wunder erleben, es ist Zeit das Du fliegen lernst!!!“ Dr. jur. K.B., Stuttgart

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Auch als Journalist muss man einiges aushalten, ohne es sich bieten lassen zu müssen. Der Text „Gegen Dich Dreckschwein …“ ging vor gut drei Jahren in dieser Redaktion ein und richtete sich an mich, gezeichnet von einem nicht existierenden Absender. Die Post kam in jener Zeit, als die damalige Vorsitzende der AfD, Frauke Petry, in einem Interview mit dieser Zeitung gesagt hatte, dass notfalls auch auf Flüchtlinge an der Grenze geschossen werden müsse. Diese Zeitung hatte diese Aussage in einem von Petry gegengelesenen und freigegebenen Interview gedruckt. Fortan gab es Kritik, Beschimpfungen, Schmähungen, Bedrohungen – und internationale Wahrnehmung der ungeheuerlichen Petry-Aussage.

Auch bei dem Text oben war das Maß voll: Die Polizei ermittelte wegen Bedrohung gegen Unbekannt, leider ohne Erfolg. Die Wege von Meinungen, die das Wort nicht verdienen, finden immer verschlungene Pfade – hier mit ausgedachtem Absender, inzwischen immer häufiger auch mit vollem Namen.

Der Artikel 5 in unserem Grundgesetz garantiert die Meinungsfreiheit, wörtlich heißt es: „ Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.“ Manche – vor allem im Netz – verderben diese wunderbare Freiheit, indem sie die Freiheit der eigenen Meinung mit lebensbedrohlicher Einschränkung der Freiheit des anderen verwechseln. Journalisten wie wir, deren Handlungsleitlinie die Pressefreiheit aus Artikel 5 des Grundgesetzes ist, sind gefühlt und gezählt immer mehr Anfeindungen ausgesetzt. Es geht gegen jene, die Mächtige kontrollieren, Demokratie fördern und sichern und sich für die Schwächeren einsetzen sollen.

Erinnerungen an die Nazi-Zeit

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In den USA schafft es Präsident Donald Trump inzwischen, bei Veranstaltungen im Publikum die Stimmung so gegen Journalisten anzuheizen, dass Erinnerungen an die zerstörerischen Saalstürmer aus der Nazi-Zeit von 1933 bis 1945 wach werden. Der Fernsehsender „Arte“ hat es gezeigt und dabei Trumps Umgang mit Journalisten der „New York Times“ dokumentiert.

Man muss nicht nach Amerika gehen, um herauszufinden, dass die Zeiten ungemütlich und teils bedrohlich sind. Seit es Pegida, diese Verschwörungstheoretiker gegen alles und andere, in Sachsen und anderswo gibt, gedeiht ein bedrohliches Klima gegen die Pressefreiheit. Anette Binninger, eine 1968 in Mannheim geborene Redakteurin, ist heute Politik- und Investigativ-Chefin bei der „Sächsischen Zeitung“ in Dresden. Sie empfahl Journalisten jüngst im Fachblatt „Medium Magazin“: „Vor der Meinung kommt die Information. Klärt sachlich auf, erklärt, analysiert.“ Und weiter: „Reagiert nicht auf jede Provokation, aber lasst die wichtigen nicht unwidersprochen.“

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Ja, auch wir müssen uns mit uns befassen. Wir können nicht ohne (Ver)änderung stehen lassen, was in der Langzeitstudie „Medienvertrauen“ der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz kürzlich herauskam. Klar ist es schön, wenn im Jahr 2018 repräsentativ ermittelt wird: „44 Prozent vertrauen voll und ganz den Medien, wenn es um wirklich wichtige Dinge wie Umweltprobleme, Gesundheitsgefahren, politische Skandale geht.“ Der Wert war seit dem Beginn der Untersuchungen im Jahr 2008 nie so hoch. Gleichzeitig sagten 2018 beim Stichwort „Medienentfremdung“ 43 Prozent und damit so viele wie nie: „In meinem persönlichen Umfeld nehme ich die gesellschaftlichen Zustände ganz anders wahr, als sie von Medien dargestellt werden.“ Im Jahr davor waren es 36 Prozent, davor noch weniger. Das müssen wir Journalisten annehmen und bearbeiten, ohne alles Bisherige abzulegen. Wir müssen uns stellen, aber auch wehren.

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So wie es das Recherchenetzwerk „Correctiv“, mit dem auch diese Zeitung zusammenarbeitet, jüngst erfolgreich tat. Das Oberlandesgericht (OLG) in Köln entschied, dass geheime Tonbandaufzeichnungen des Essener Industriekonzerns Ferrostal aus einer Aufsichtsratssitzung veröffentlicht werden dürfen. Es ging dabei um die Zusammenarbeit des Konzerns mit der Justiz bei der Aufklärung eines hauseigenen Schmiergeldskandals. „Correctiv“ hatte im Artikel aus den Tonbandaufnahmen der geheimen Sitzung zitiert. Die im Grundgesetz verankerte Pressefreiheit sei wichtiger als die Verletzung eventueller Geschäftsgeheimnisse, entschied das OLG zugunsten der Journalisten. Uns allen würde wahrscheinlich auch helfen, was der Journalistik-Professor und ehemalige „Süddeutsche Zeitung“-Redakteur Tanjev Schulz vor kurzem sagte: „Medienbildung, vor allem Wissen über den Journalismus und Kompetenzen im Umgang mit Informationen, muss aus den Sonntagsreden endlich heraus und hinein in Schulen und Betriebe geholt werden. Alle Aktionen, bei denen Journalisten ihre Arbeit erklären, sind hilfreich“.

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