Geburtstag - Der amtierende Schillerpreisträger Uwe Timm wird am 30. März 80 Jahre alt und feiert Corona-bedingt allein mit seiner Frau „Er schlägt Brücken“

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Jörg-Peter Klotz/dpa
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Schriftsteller Uwe Timm (links) erhält am 15. April 2018 im Schauspielhaus des Nationaltheaters aus den Händen von Oberbürgermeister Peter Kurz den Schillerpreis der Stadt Mannheim. © Uwe Anspach/dpa

Es ist ein seltsamer Zufall, dass der amtierende Mannheimer Schillerpreisträger Uwe Timm ausgerechnet jetzt 80 Jahre alt wird – am Montag nach dem Wochenende, an dem sein Nachfolger hätte ausgezeichnet werden sollen. Andererseits ist es auch typisch für die Zeit der Corona-Krise, in der viele Routinen und scheinbare Selbstverständlichkeiten ganz selbstverständlich obsolet werden. Statt über die Rede des designierten neuen Preisträgers, Filmregisseur Christian Petzold, nachzudenken, lohnt sich bei der Gelegenheit ein Blick zurück auf Timms Festansprache am 15. April 2018 im Nationaltheater.

Zur Person

  • Uwe Timm wurde am 30. März 1940 in Hamburg geboren und zählt als Autor zu den wichtigsten Chronisten der Nachkriegsgeschichte
  • Schon die ersten Romane des promovierten Literaturwissenschaftlers, „Heißer Sommer“ (1974) und „Morenga“ erreichten große Aufmerksamkeit. Extrem populär sind sein Kinderbuch „Rennschwein Rudi Rüssel“ (1989) und die Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ (1993)
  • Zu Timms zahlreichen Auszeichnungen zählen der Heinrich-Böll-Preis (2009), die Carl-Zuckmayer-Medaille (2012) und der Schillerpreis der Stadt Mannheim (2018). 
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Darin hatte der Autor Parallelen zwischen rechtslastigen Parolen von Pegida und Co., ähnlich menschenfeindlichen Formulierungen der Terroristen der Rote Armee Fraktion (RAF) und der „Hasssprache“ des skrupellosen Franz Moor aus den „Räubern“ herausgearbeitet. Timms mahnende Erkenntnis, es handele sich um brutalisierte Sprache, „die irgendwann zur Tat drängt“, erweist sich rund zwei Jahre später als Prophezeiung, die von der Realität noch überboten wurde. Man denke nur an die Morde an CDU-Politiker Walter Lübcke, in Halle oder Hanau.

Literatur wirkt sehr langsam

Vor der Schillerpreisverleihung 2018 hatte Timm sich im Interview mit dieser Redaktion trotzdem optimistisch gezeigt, was die Standfestigkeit der Demokratie angeht. Skeptischer sah er die politische Wirkungsmacht von Literatur, obwohl Timm seit 1974 vor allem für gesellschaftskritische Romane wie „Heißer Sommer“, „Am Beispiel meines Bruders“ oder „Der Freund und der Fremde“ (über seinen 1967 am Rande von Protesten in Berlin erschossenen Freund Benno Ohnesorg) geschätzt wird: „Früher habe ich gedacht, dass man damit relativ viel bewegen kann. Jetzt sehe ich das realistischer: Literatur ist eine sehr, sehr langsame Form, Bewusstsein zu verändern.“

Das gehe nur zart, etwa über Sprache. Aber: „Mit Gewalt in der Sprache fängt die Unmenschlichkeit an“, mahnte er damals und verwies auf seinen jüngsten Roman „Ikarien“ (2017): Er hoffe, dass dieser ein Plädoyer für Empathie sei und zugleich ins Licht rücke, „welche Folgen rassistisches Denken hat. Der Roman zeigt am Beispiel des NS-Eugenikers Alfred Ploetz, dem Großvater meiner Frau, wie jemand als Sozialist (...) schließlich zur Euthanasie kommen kann.“ Das ist typisch für die Qualität seiner Arbeit, die für die Stadt Mannheim auch ausschlaggebend dafür war, Timm auszuzeichnen: „Der Preisträger verwandelt Geschichte in Geschichten. Er schlägt Brücken über die Epochen hinweg und läuft dem Zeitgeist nicht hinterher“, hieß es 2018 zur Begründung.

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Bei seinem Namen fällt vielen zuerst sein wohl berühmtestes Buch ein: „Die Entdeckung der Currywurst“. Die auch als Film, Comic und Theaterstück gefragte Novelle behandelt eine ungewöhnliche Liebesgeschichte am Übergang vom Nationalsozialismus in die Nachkriegszeit und ist vielerorts Schullektüre. Doch Timm ist nicht nur der Autor, der aus der eigenen Lebenswelt den Stoff für gesellschaftskritische Literatur schöpft. Er schrieb auch für Kinder, etwa das extrem populäre Büchlein „Rennschwein Rudi Rüssel“, eine turbulente Familiengeschichte, die 1995 verfilmt wurde.

Sein neues Buch „Der Verrückte in den Dünen“ (Kiepenheuer & Witsch. 192 Seiten, 20. März) dreht sich um Utopien und Literatur – Vorstellungen einer besseren Welt, ein Gegenentwurf zur Wirklichkeit, aber oft zu weit weg. „Vielleicht wäre nicht das Fragen nach der einen perfekten Utopie, sondern das nach einer Vielzahl nicht perfekter, aber erreichbarer Utopien ein Weg?“, fragt Timm, der über Absurdität im Werk von Albert Camus promoviert hat, im Vorwort des Anfang März erschienenen essayistischen Bandes.

Das Fest ist zusammengeschnurrt

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An seinem 80. Geburtstag hätte es sicher Reden auf den in Hamburg geborenen Wahl-Münchner gegeben. „Eigentlich hatten wir eine Feier im Literaturhaus mit 200 Leuten geplant.“ Daraus wird nun nichts, wegen der Corona-Pandemie. Auch seine vier Kinder und die fünf Enkel können nicht mitfeiern. „Jetzt werden meine Frau und ich zu zweit essen ... Das große Fest ist zusammengeschnurrt, auf eine gute Weise“, sagte Timm der dpa. (mit dpa)