Kolumne "Mahlzeit" Ein Krieg für die Frauschaft

Von
Stefan M. Dettlinger
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Ich habe die intellektuelle Anne-Will-Hockerin Jagoda Marinic aus Heidelberg mal darauf angesprochen, dass sie immer dann mit „-innen“ gendert, wenn es um positiv assoziierte Gruppen geht. Dann aber, wenn wir über böse Leute sprächen, über Mordende, Profikickende oder Judenfeindliche, würde sie es nicht tun, so meinte ich. Ich weiß nicht, warum mir solche Sachen auffallen. Aber Marinic ist ja Feministin und hat ein Buch über „Sheroes“ geschrieben. Sie schien mir geeignet für meine Beobachtung. Sie wurde nachdenklich und sagte: „Weiß nicht.“

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Tut mir leid, wenn das Thema jetzt nicht alle interessiert. Man kann ja mit Lesen aufhören.

Später habe ich im Wirtschaftsteil wieder das Wort Vorständin gelesen, das, so fand ich heraus, schon seit 2013 im Duden steht. „Findet ihr das richtig, man kann doch nicht durch ein „-in“ aus allem etwas Weibliches machen – Vorsteherin hätte ich noch kapiert, aber Vorständin?“, frage ich den Bildschirm, auf dem drei Gesichter kauen: Alya. Bela. Caro. Salat. Hamburger. Tofu. Mahlzeit.

„Klar“, sagt Alya, „warum denn nicht! Ich kann doch nicht sagen: Frau Saori Dubourg ist Vorstand bei der BASF, nein: Sie ist Vorständin. Wo ist das Problem?“ „Hört sich aber blöd an“, ruft Bela, und Caro: „Stimmt, na und? Ist sowieso egal, wie man sie nennt. Wir können Kapitalistin zu ihr sagen!“

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Caro’scher Sarkasmus. Alle schieben sich noch eine Gabel in den Mund. Manchmal denke ich, wir sollten andere Sachen gendern. Zum Beispiel Heimtrainer. Wieso sagt niemand Heimtrainerin? Maskulinum oder Neutrum benutzen wir immer für tumbe Geräte: der Revolver, das Auto, der Computer, das iPhone, der Drucker, das Kondom, der Wecker, das Auto. Der Sekretär ist (auch) ein Möbel. Die Sekretärin (nur) ein Mensch. Geräte sind seltener weiblich, es sei denn, man kittet Maschine dahinter: der Geschirrspüler, die Geschirrspülmaschine. Okay, es heißt die Lampe und die Sex-Bombe. Und kein Mann kann zum Sex-Bomberich mutieren.

Tut mir leid, wenn das Thema jetzt nicht alle interessiert. Frau kann ja mit Lesen aufhören.

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Vielleicht stellen sich auch Frauen vor, wie es wäre, ein Mann zu sein. Ich finde das umgekehrt zwar schwer. Aber wäre ich eine Frau, würde ich – auch wenn ich, wie die meisten Frauen, Fußball hassen würde – das Wort Frauenfußballnationalmannschaft am allermeisten hassen. Überhaupt Mannschaft. Ich würde einen blutigen Krieg anzetteln für die Fußballnationalfrauschaft. Ich fände dann auch, man sollte Spitzelin sagen, Vor- und Leumundin, Heuschreckinnenkapitalistin, Baufrauenhaftpflichtversicherin oder Arbeiterinnenunfallversicherungsvertreterin. Ich schreibe jetzt nicht den Satz: Zum Glück bin ich keine Frau! Obwohl das im Vergleich zu den langen Wörtern schnell hingeschrieben wäre.

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Was zur Henkerin will ich hier eigentlich bezwecken? Ach ja, Frau Marinic! Ich muss sie mal wieder anrufen. Schon nehme ich die Hörerin meiner Fernsprecherin in die Hand und wähle 06221 …

PS: Falls Sie diese #mahlzeit entgegen meiner Intention als frauenfeindlich empfinden …

… dann schreiben Sie mir: mahlzeit@mamo.de

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Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.