Kunst - Carsten Sievers experimentiert mit Papier, Holz und Metall / Ausstellung "und" in der Ludwigshafener Scharpf-Galerie Drüber, drunter, immer weiter

Von 
Christel Heybrock
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Kunst in mehreren Lagen zeigt Carsten Sievers in der Scharpf-Galerie.

© Sievers

Es ist alles ganz einfach. Linien, wellenförmig, oder Flächen, schmal und längs, ein bisschen eckig. Gefaltet, gekippt, übereinander, aber so, dass man das Drunter sieht - oh Gott, da wird es schon kompliziert. Und am Ende steht man in der Ausstellung des 1969 in Frankfurt geborenen und in Berlin lebenden Carsten Sievers vor einem Kosmos aus Arbeitsvorgängen, Formelementen und Material. Astrid Ihle, Sammlungskuratorin des Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museums, hat den Künstler in die Rudolf-Scharpf-Galerie geholt, wo der Besucher sich auf zwei Etagen mit fast philosophischen Ansprüchen konfrontiert sieht, wenn er sich denn auf das Abenteuer denkenden Sehens einlässt.

Schicht für Schicht

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Die Ausstellung heißt einfach "und" - es ist ein Schlüsselbegriff für Carsten Sievers. Er betreibt dieses "und" ständig experimentierend: einerseits auf Neues hin, indem er Formen, Papiere, kleine Holz- und Metall-Elemente über- und nebeneinander anordnet, andererseits aber auch, ebenso experimentierend, im Wiederauffinden und in der Rückbesinnung auf bereits zuvor entwickelte Formen. Am einfachsten zu rezipieren sind dabei die Arbeiten auf Transparentpapier, deren vertrackt vielen Schichten man freilich nicht ansieht, dass Sievers von einer 35 Quadratmeter großen Papierfläche ausgeht, die er mit Graphit in einer simplen Wellenlinie überzieht, bevor er die Riesenfläche faltet und die Linien sozusagen miteinander kommunizieren, indem sie einander berühren, über- und untereinander zu liegen kommen. Man blickt bei diesen Arbeiten gleichermaßen darauf wie in sie hinein, denn natürlich ergibt sich eine geheimnisvolle Tiefe aus Zeichen dabei.

Ganz anders ergeht es dem Betrachter vor Sievers' Reliefs aus mit Klarlack überzogener Pappe. Die Reliefs wollen nicht frontal, sondern im Profil betrachtet werden; erst dann erkennt man, dass er im Grunde nur eine schmale, gestufte Fläche in den Raum versetzt und räumlich in die Länge gezogen hat. . . Was so simpel aussieht, dass man fast drüber hinwegguckt, ist tatsächlich so kompliziert, dass man es kaum definieren kann. Und dann gibt es auch noch "richtige" Skulpturen, zusammengesetzt aus kleinen, schräg aneinandergefügten Holzelementen: die Schräge bildet immer einen Winkel von just 12,5 Grad. Die Klötzchen lassen sich zu Skulpturengruppen zusammenfügen (oder auch nicht), sie lassen sich an die Wand anlehnen oder an der Wand aufhängen.

Was Sievers bei seiner Arbeit antreibt, sind serielle Formelemente und Zeichen. Das geht so weit, dass er Buchstaben und Schrift - ja, abstrahiert (als wären Schriftzeichen nicht bereits eine Abstraktion von Wirklichkeit) und auf anderer Ebene neu konkretisiert. So integrierte er schon mal ein Buch in seine Holzskulpturen und ein Homer-Zitat in einen gut sieben Meter langen, schmalen Fries aus beweglichen Holzteilchen, an denen kleine Metallklammern und -würfel hängen. Zwischen latenter Bedeutung und Formenspiel, zwischen Erkenntnis und in Tiefen zielende Oberflächen ist Sievers' Kunst angesiedelt. Astrid Ihle brachte das im Katalog auf die Quintessenz "minimalistischer Barock". Aber im Grunde scheitern an diesem Mann auch die Wörter.