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Erzähl mir was

Die Stille ist ein Geschenk

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Von Erik Wegener

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© istock, privat

Als sie zurückkehrte ins Leben, regnete es leise. So vorsichtig, wie sie aufwachte, so sanft berührten die Regentropfen die Fensterscheibe. Franz blickte instinktiv auf die Wanduhr im Krankenzimmer, weil sie ihn später sicher danach fragen würde. Die Uhr aber war stehengeblieben, und eine Armbanduhr trug er nicht, seit 20 Jahren nicht mehr. Uhren waren etwas für Getriebene, die es nicht aushalten konnten: das Schwimmen in der Zeitlosigkeit. Franz konnte es.



Sie öffnete die Augen, blickte sich um, schluckte mehrmals, spürte die enorme Trockenheit in ihrem Mund und fragte nach einem Glas Wasser. Franz hatte Tränen in den Augen. Freudentränen. Seine Hand zitterte. Offenbar bekam er jetzt seine Frau zurück. In diesem Moment. Nach mehr als zwei Jahren - geprägt von Verlustangst, Hoffen, Bangen, Verzweiflung, manchmal auch Einsamkeit. Nach fünf Operationen. Nach endlosen Stunden am Krankenbett und ewigen Gesprächen mit Klinikärzten. Es war absurd. Franz hatte einen Kloß im Hals, und gleichzeitig lachte er kurz auf. Sie hatte die gesamte verdammte Pandemie verpasst. Alles komplett verschlafen, in vier verschiedenen Krankenhäusern.

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Das Schädel-Hirn-Trauma Asalis

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Als sie das letzte Mal miteinander sprachen, saßen sie im Auto. Es war eine berauschende Reise, fast wie ein Roadmovie im Kino. Sie hatte ihre langen Beine ausgestreckt und ihre nackten Füße oben auf das Handschuhfach gelegt, so wie es viele junge Beifahrerinnen im Hochsommer machen. Franz’ Studienfreund Klaus heiratete eine Französin. Hochzeit in der Bretagne. Elf Stunden waren sie unterwegs. Sie redeten endlos, machten Picknick auf der Motorhaube und liebten sich in einem vertrockneten Maisfeld. Es knisterte zwischen ihnen, wie es schon immer geknistert hatte, seit den allerersten Minuten. Fahren konnte nur er, weil sie keinen Führerschein besaß. Spätabends war Franz total übermüdet. Die Fahrbahn war nass von einem Gewitter. Der Gegenverkehr blendete ihn. In einer Kurve verschwammen ihm die Bilder. Sein Renault überschlug sich und prallte gegen eine Eiche. Franz brach sich nur den Arm, aber seine junge Frau trug schwere innere Blutungen davon und ein Schädel-Hirn-Trauma. Sie fiel ins Koma.

Sie hatten sich über ihre Freundin Sophie kennengelernt. Sophie war als Orthopädin für „Ärzte ohne Grenzen“ nach Somaliland gereist. Dort hatte sie einen kleinen Jungen behandelt und sich später mit dessen Schwester angefreundet: Asali. Auf Sophies Geburtstagsparty lernte Franz sie kennen, der immerhin vier Jahre älter war. Asali war erst 20. Noch am selben Abend, als sie, die Alkohol verabscheute, ihm zuliebe sogar Wodka trank, wusste er: Sie werden ein Paar. Franz machte ihr einen Antrag, und sie kam nach Deutschland. Elf Monate später trugen sie Eheringe. Es war verrückt, aber es fühlte sich richtig an. Es ist, was es ist, sagte Asali immer wieder, wenn er fragte: Liebst du mich? Sie wollte Computerlinguistik studieren. Sie war ehrgeizig. Nach nicht einmal einem Jahr sprach sie fließend Deutsch.

Irgendwann im Juli konnte Franz keine Tagesschau mehr sehen. Nur Negatives. Es zog ihn zu sehr runter. Das Virus hatte sich weltweit in mehr als 190 Ländern ausgebreitet, in Indien infizierten sich an einem einzigen Tag halb so viele Menschen, wie im gesamten Großraum Frankfurt leben, in Spanien konnten die Kinder einmal fünf Monate lang nicht auf die Straße zum Spielen. Allein in Europa mussten Hunderttausende Bekleidungshersteller, Veranstaltungsfirmen und Restaurants Konkurs anmelden. Millionen Menschen starben. Andere gerieten in existenzielle Not. Einmal war es in Italien am schlimmsten, dann in Brasilien, später in Portugal und immer in den USA. Alle Fortschritte, die die Welt beim Abbau extremer Armut erreicht hatte, hatte die Pandemie zunichtegemacht. Das alles erzählte er nicht. Wollte man eine Koma-Patientin mit diesen schlechten Nachrichten begrüßen? Natürlich nicht. Er schonte sie.

Wir Menschen verlieren die ganze Zeit

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Die Menschen jammerten. Sie hatten so vieles verloren. Aber das war auch ein stückweit normal. Irgendetwas verlieren wir immer. Den Job, materielle Sicherheit, gesellschaftliche Stabilität, die große Liebe, einen netten Kollegen, das Vertrauen des Chefs oder eben die schicke Designer-Sonnenbrille. Wir Menschen verlieren die ganze Zeit! Diesen Satz hatte Martin, dieser absonderliche und zugleich doch irgendwie normale dänische Kommissar in Franz’ Lieblingskrimiserie, einmal zu seiner schwedischen Kollegin gesagt. Franz hatte sogar ein ganzes Buch über das Verlieren gelesen. Nein, nicht gelesen, er hatte es studiert, richtiggehend durchgearbeitet. Weil er sich darin wiederfand. Wenn man lernte, ein guter Verlierer zu sein, dann war man schon einen guten Schritt weiter, fand Franz. Es schien, als sei er immer demütiger geworden.

Natürlich waren auch lustige Sachen passiert. In einem Bergdorf wurde ein kleines Mädchen getauft. Der Pfarrer hielt sie nicht übers Taufbecken und schüttete ihr das Weihwasser übers Haupt, nein, er musste ja Abstand halten und bespritzte sie daher aus drei Metern Entfernung mit einer neongrünen Wasserpistole. Trotzdem, Corona war eine Härteprüfung für die Welt. Die Welt war nicht mehr die gleiche.

Asali machte jetzt ein fragendes Gesicht. Irritiert nippte sie am Wasserglas. Franz hatte nur Belangloses aus seinem Alltag erzählt. Sie suchte nach Orientierung. Doch Franz wusste nicht, was er sagen sollte. Es gab so irre viel zu erzählen. Nur, wo sollte er anfangen? Was war wichtig? Was vertrug sie?

Kein Oktoberfest, kein Ischgl, keine Clubs

Wie still es hier war. Man hörte leise Gespräche aus der Stationsküche nebenan, irgendein metallischer Gegenstand fiel herunter. Ansonsten hörte man nichts. Franz hatte diese Ruhe während der letzten Monate auch irgendwie genossen. Die Bars waren zu, die Plätze waren wie leer gefegt, die Fußgängerzonen waren verwaist. Besuch durfte man nicht empfangen. Das war herrlich. Franz mochte Besuch nicht. Noch nie. Die Menschen blieben alle zuhause, hinter verschlossenen Türen. Keine Konzerte, kein Kino, nichts. Diese Ruhe. Franz hatte das gut getan. Ungestört irgendwo entlangzugehen, ohne viele Menschen zu treffen. Er genoss das. Musste er deswegen ein schlechtes Gewissen haben? Franz war eben anders. Er brauchte dieses ganze Bohei nicht. Er brauchte kein Oktoberfest, kein Ischgl, keine Junggesellenabschiede, keinen Stammtisch, keine Grillparties, keine Bowlingabende, keine Clubs. Dieses ganze hohle Gequatsche.

Stille empfanden die meisten ja als Langeweile. Und Langeweile war Stillstand. Die Menschen kannten Langeweile eigentlich nur als verscheuchte Langeweile. Sie war ihr Feind. Die moderne Unterhaltungsgesellschaft setzte ihr permanent irgendwelche hohle Events entgegen. Manche Intellektuelle meinten, es fehle heute die Gelassenheit und die Bildung, um Langeweile auszuhalten. Franz fand, die Pandemie hatte ihn gelehrt, die Langeweile nicht zu vertreiben, sondern sie anzunehmen, ja, etwas aus ihr zu machen. Kontemplation, Reflexion, Schwelgen in Erinnerungen, Trauer über Vergangenes oder Schiefgegangenes. War man bereit, die Welt eine Zeit lang auszusperren und eine Reise in sein Inneres anzutreten, brachte das manchmal wunderbare, klare Erkenntnisse. So wurde Stille für ihn zu einem echten Luxus. Er wollte das nicht mehr missen. Musste wirklich erst eine Pandemie kommen, um ein wertvolles Gut zu finden, das in unserer Zeit immer wichtiger wird: Stille? Es schien so.

Musste es denn eine Afrikanerin sein?

Franz hatte sich verändert. Er war gelassener geworden. Aber er hatte den Eindruck: Die Menschen um ihn herum hatten sich auch verändert. Frau Schneidewind etwa, die Nachbarin von unten. Musste es denn eine Afrikanerin sein? So jedenfalls hatte sie ihn immer angesehen im Treppenhaus. So vorwurfsvoll. Es schien, als rede sie schlecht über seine Frau. So gehe man nicht auf die Straße, der Mini zu knapp, das Top zu bauchfrei. Nun aber, als Asali monatelang im Krankenhaus lag, schien sie sie sogar zu vermissen. Sie fragte nach ihr, mehrmals. Sie gab ihm Blumen mit. Man konnte sich plötzlich ganz gut mit ihr unterhalten. Franz berührte das.

Manchmal fragte er sich, ob seine Frau sich auch verändert hatte, während sie im Koma lag. Dachte sie jetzt anders über das Leben? Er wusste es nicht. Aber es war wichtig für ihn. Sie wollten ja Kinder. Ginge das überhaupt noch? Würde sie das noch wollen? Hatte sie noch die Kraft dazu? Oder dachte sie jetzt ganz anders darüber. Er schob es beiseite. Er musste im Jetzt leben, im Heute denken. Alles andere war dumm. Asali. Übersetzt hieß ihr Name: Honig. Und so war sie auch. Süß wie Honig. Immer wieder goldig, wie ein Kind. Natürlich. Einfach. Der liebenswerteste Mensch, den er je getroffen hatte. Sie war wieder da. Sie war wach. Sie würde wieder neben ihm im Bett schlafen, vielleicht schon in ein paar Tagen. Er konnte wieder mit ihr leben. Das war das Einzige, was zählte, an diesem verregneten 13. Januar 2022.

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Erik Wegener über sich



  • Ich (Bild), 53 und in Weinheim wohnend, bin in Koblenz geboren und in Münster aufgewachsen. Ich bin Kommunikationsmanager in Heidelberg und habe Germanistik studiert.
  • Das kreative Schreiben setzt Glücksgefühle frei und löst häufig einen Flow aus! Meine poetische Ader auszuleben und der Fantasie freien Lauf zu lassen, macht mir auch Spaß, weil es dafür im Alltag kaum Zeit und nur wenig Gelegenheit gibt.

 

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