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Festspiele Ludwigshafen - Figurentheaterstück „Leben und Zeit des Michael K.“ im Pfalzbau aufgeführt

Die Narren sind die anderen

Von 
Martin Vögele
Lesedauer: 
Michael schiebt seine Mutter über das Land: Insgesamt neun Ensemblemitglieder verbinden auf der Bühne Figuren- mit Schauspiel. © Düsseldorfer Schauspielhaus/S. Then

Ludwigshafen. „Ich fühle mich wie eine Ameise, die nicht weiß, wo ihr Loch ist“, sagt Michael K. Da ist er gerade (wieder!) in ein Arbeitslager gebracht worden, der Mann, der mit einer Lippenspalte, einer „Hasenscharte“ geboren, der zeitlebens von anderen als „Fliegenfänger“ verspottet und drangsaliert wurde. Auch dass „sein Verstand nicht schnell war“, erfahren wir in dem Figurentheater-Schauspiel-Hybriden „Leben und Zeit des Michael K.“, der im Rahmen der Ludwigshafener Festspiele im Theater im Pfalzbau gastiert.

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Blutiger Bürgerkrieg tobt

Zurückweisung hat K. selbst durch seine eigene Mutter erfahren; als diese aber plötzlich schwer krank wird und noch einmal zurück auf die Farm ihrer Kindheit zurückkehren will, da zögert der Gärtner nicht eine Sekunde: In einem selbst zusammen geschusterten Handkarren schiebt er seine Mutter durch das Land. Und als sie stirbt, setzt er mit ihrer Asche seinen Weg fort, durch ein teils real verortetes, teils fiktives Südafrika, in dem ein Bürgerkrieg wütet, ein Land, das blutig in sich verbissen scheint.

Michael K. ist darin ein wahrer Außenseiter, der indes auch selbst abseits bleiben, ein einfaches Leben führen will. Aber immer wieder kreuzt er die Wege seiner Mitmenschen, die in ihrer der Gewalt verhafteten Natur als die eigentlichen Narren erscheinen.

Der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee hatte seinen Roman „Leben und Zeit des Michael K.“ 1983 veröffentlicht – über ein Jahrzehnt vor dem Ende der Apartheid. Lara Foot, Regisseurin und künstlerische Leiterin des Baxter Theatre Centre in Kapstadt, hat das Booker-Prize-gekrönte Buch für die Bühne bearbeitet und als gleichnamiges Stück zusammen mit der Handspring Puppet Company inszeniert. Es war als Koproduktion zur Eröffnung des diesjährigen „Theater der Welt“-Festivals uraufgeführt worden, allerdings Pandemie-bedingt nicht auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses, sondern als Liveübertragung aus Kapstadt.

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Dreisprachig mit Übertitel

In Ludwigshafen ist „Michael K.“ nun bei zwei Vorführung in leibhaftiger Nähe zu erleben – und wird dabei zu einer eindrücklichen Erfahrung.

Im Zentrum steht die ausdrucksstark gearbeitete und virtuos von (meist) drei Spielerinnen und Spielern ins Leben geführte Figur des Michael; auch seine Mutter und einige weitere Begegnungen sind Puppen-Werk. Insgesamt sind es neun Ensemblemitglieder, die auf der Bühne Figuren- mit Schauspiel verbinden. Es gibt Rückblenden-Sequenzen (wie etwa Michaels Geburt), viele narrative Momente, immer wieder auch tänzerische Szenen. Das Bühnenbild zeigt eine trostlos graue Häuserfront mit abgeblättertem Putz, die auch als Projektionsfläche für Filmeinspielungen genutzt wird, in der wir die Figuren in Großaufnahmen sehen.

Das dreisprachig (in Englisch, Afrikaans und Xhosa) mit Übertiteln aufgeführte Stück ist für zeitgenössische Theater-Sehgewohnheiten vergleichsweise konventionell inszeniert. Oft wird dabei, vor allem im ersten Teil, in filmischer Manier mit Musik als emotionalem Indikator gearbeitet. Das bräuchte es gar nicht, gerade die zweite Hälfte der über zweistündigen Produktion wirkt stark aus sich selbst, aus der Tiefe der Geschichte und der Kraft des (Figuren-)Spiels des Ensembles heraus.

Freier Autor

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