Lesen.Hören - Autorin Katarina Poladjan liest im Marchivum Die Kunst, Armenien zu erzählen

Von 
Helga Köbler-Stählin
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„Es gibt auch richtige Literatur-Abende“, sagt Moderatorin Insa Wilke und eröffnet im voll besetzten Marchivum eine Festival-Lesung, die den Titel „Die Kunst Armenien zu erzählen“ trägt. Doch wo der Landesname auftaucht, wird er in den Köpfen der Menschen mit dem Genozid am armenischen Volk verbunden sein. Und da bleibt es selbst an diesem Abend nicht aus, dass bei aller Literatur, auch der Völkermord zum Thema wird. Katarina Poladjan erzählt nicht direkt darüber.

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Vielmehr lässt sie in ihrem Buch „Hier sind die Löwen“, mit dem sie für den deutschen Buchpreis 2019 nominiert war, auf poetische Art und Weise ihre Heldin Helena auf das Geschehene stoßen. Innerhalb eines wissenschaftlichen Austauschprogramms kommt die Buchrestauratorin nach Jerewan ins Handschriftenarchiv Matenadaran. Hier arbeitet sie an alten Familienbibeln, die über ganze Generationen hinweg weitergereicht werden.

Geschwister auf der Flucht

Helena entdeckt Randnotizen, die sie in die Zeit um 1915 hineintragen. Vor ihren Augen sieht sie zwei Geschwister, die 14-jährige Anahid und ihrem kleinen Bruder Hrant, die sich auf der Flucht befinden. Poladjan liest von eindringenden Mördern, vom Auffordern der sterbenden Mutter „Rennt!“, vom Metzger, der die Kinder versteckt und raunt: „ihr müsst fliehen“. „Mit dem Verstand ist das nicht zu begreifen“, sagt die Autorin und deshalb habe sie einiges im Vagen gelassen. Dokumentarisch wollte sie nicht darüber schreiben, lieber Fenster der Erinnerung schaffen. In ihrer Familie gäbe es Parallelen, sagt sie, doch Großvater erzählte nicht davon. „Was macht es mit einer Gesellschaft, wenn geschwiegen wird?“, fragt Insa Wilke nach.

Poladjan weiß, dass auch Menschen in der Türkei von diesem Thema traumatisiert sind. Und nach Hanau wird uns wieder bewusst geworden sein, dass man sich mit Geschichte auseinandersetzen müsse. Aber in ihrem Roman erzähle sie auch von der Liebe, ohne die man über den Tod nicht schreiben könne.

Freie Autorenschaft Studium: Journalismus, Medien- und Pressearbeit