Literatur - Maria Schrader spricht Roger Willemsens Bühnenprogramm „Landschaften“ als Hörbuch ein / Moderator bis zu seinem Tod für Lesen.Hören verantwortlich Die Idee von Europa ist vielleicht nur ein Traum

Von 
Wolfgang Nierlin
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„Auf was kann ich eher verzichten: Auf das Weggehen oder auf das Wiederkommen?“ Die Frage nach der verlorenen oder vielleicht veränderten, nach der gefährdeten und zugleich wiedergewonnenen Heimat rahmt Roger Willemsens Hörbuch „Landschaften“. Gibt es überhaupt ungefährdete Heimat oder eine, die uns nicht immer auch fremd vorkommt? Ist sie vielleicht nur ein Gefühl, das man mitnimmt?

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Heimat scheint jedenfalls ein unsicheres Gut zu sein. Willemsen zitiert Senecas Wort von der „wandernden Welt“. Alles ist in Bewegung. Von Ort zu Ort bewegt sich auch der Ich-Erzähler dieser autobiografischen Reiseskizzen, um sehr genau und sinnlich höchst anschaulich zu beschreiben, was er sieht und hört, was ihn bewegt und wer ihm begegnet. Und dann ist er sich gewiss: „Heimat ist die Landschaft, in der man nicht verschwinden würde.“ Sie verweist also eher auf einen inneren als auf einen äußeren Raum.

Zusammen mit der in Heidelberg geborenen Violinistin Franziska Hölscher sowie der Pianistin Marianna Shirinyan hat der langjährige Schirmherr und Unterstützer des Mannheimer Literaturfestivals Lesen.Hören ein Programm aus eigenen, teils dem Reisebuch „Deutschlandreise“ (2002) entnommenen Texten und Musik konzipiert, das einen Dialog zwischen Wort und Klang entwirft und inhaltlich vielfältige Assoziationen ermöglicht.

Zivilisatorischer Verfall

Weil der Publizist und Moderator bald nach der ersten Vorstellung des Programms, die im März 2015 stattfand, erkrankte und im Februar 2016 verstarb, übernahm die mit Willemsen befreundete Schauspielerin Maria Schrader den Part der Erzählerin. Der nun auf CD vorliegende Livemitschnitt datiert vom 30. Juni 2019 und dokumentiert eine Aufführung in der für ihre Akustik bekannten Jesus-Christus-Kirche von Berlin-Dahlem.

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Das trifft sich gut mit dem musikalischen Auftakt und Abschluss der 85 Minuten umfassenden Klang- und Textminiaturen: Das Largo aus Bachs Sonate in c-Moll tritt in eine ebenso nachdenkliche wie zarte Korrespondenz mit Willemsens melancholischen Reflexionen über Heimat. Später, unterwegs auf dem Balkan, begegnet der Reisende vom Krieg traumatisierten Menschen und Entwurzelten, sieht Armut und Zerfall und ahnt, dass die Idee von Europa vielleicht nur ein Traum ist.

Willemsens Wehmut, in der Musik von spätromantischen Motiven aufgefangen und begleitet, findet aber auch zu lichteren, von geistreicher Ironie und leiser Poesie durchwirkten Beobachtungen. Vor allem unterwegs in deutschen Landen entlarvt er Klischees von Heimat als eine identitätsstiftende Übermacht aus Natur, Religion und Tradition. Wach registriert er den Rückzug der Kultur und der Geschichte; als gebildeter Intellektueller beklagt er bei seiner „Heimkehr“ schließlich den zivilisatorischen Verfall und den Verlust jenes unsichtbaren geistigen Bandes, von dem Kierkegaard spricht. Hier schließt sich dann der Kreis zum Anfang von Willemsens Überlegungen: „Eine ungefährdete Heimat müsste jenseits der Zivilisation liegen.“

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