Literatur regional - Stemmler über „Goethe und Friederike“ Dichters Liebe zu sich

Von 
Thomas Groß
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Der Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). © dpa

Theo Stemmler, emeritierter Anglistikprofessor der Universität Mannheim, hat außer als Wissenschaftler etwa auch als Autor von geistreichen Limericks und als Hobbymusiker von sich reden gemacht. Eine noch eher unbekannte Seite offenbart er in einer aktuellen, geschmackvoll gestalteten und illustrierten Veröffentlichung der Reihe Insel-Bücherei: Stemmler als Goethe-Interpret, wobei der Blick auf eine berühmte Liebesepisode des jungen Dichters geht, die Beziehung zu Friederike Brion im elsässischen Sesenheim.

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In Umkehrung des Titels von Goethes Autobiografie nennt Stemmler sein Buch „Goethe und Friederike“ im Untertitel „Wahrheit und Dichtung“; sein Resümee: Goethe war wohl weniger verliebt in die junge Frau, als er es schrieb – und sie wiederum war vielleicht weniger unschuldig, als viele bis heute glauben. Der 1749 in Frankfurt geborene Goethe, der in den fraglichen Jahren 1770/71 in Straßburg studierte und die Pfarrerstochter Friederike Brion über einen Freund kennenlernte, war nach Stemmler zwar von einer kurzen heftigen Zuneigung zu ihr erfasst; vor allem sei sie ihm Quelle der Inspiration gewesen – nämlich für die berühmten „Sesenheimer Lieder“, darunter „Willkommen und Abschied“ und das oft vertonte „Mailied“, die Goethes Eintritt in die Geniezeit des Sturm und Drang markieren.

Kritischer Umgang mit Quellen

Stemmler zeigt sich in dem interessanten und angenehm zu lesenden Büchlein nicht zuletzt als Quellenkritiker. Denn nicht nur Goethe selbst hat die Lebensepisode im Rückblick gefärbt, auch Goethe-Kenner und -Verehrer taten es in der Absicht, ihren Teil zum Goethe-Kult beizutragen. Dass der Dichter als Mensch nicht unbedingt zu den angenehmen Zeitgenossen zählte, findet mehrfach Bestätigung, wenn Stemmler die fragliche Lebensphase Revue passieren lässt. Seine knappen Deutungen der Gedichte lassen aber auch keinerlei Zweifel an der Qualität von Goethes Texten. Stemmler erzählt nicht nur ein Kapitel der deutschen Literaturgeschichte nach, er vermittelt auch Einblicke in das Werden von Literatur aus dem Leben insgesamt.

Redaktion Kulturredakteur, zuständig für Literatur, Kunst und Film.