Der Prozess – in mir

Von 
Joana Rettig
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Man fragte mich, ob ich den Lesern und Leserinnen erzählen möchte, warum ich Kultur brauche. Man sagte, ich hätte einen Hang zur feministischen Popkultur. Ich könne eine neue Perspektive einbringen. Nun muss ich hier aber gestehen: Ich war nicht immer so. Ich überlegte lange, was feministische Popkultur überhaupt ist. Also werde ich in diesem Text keine von Hochkultur geschwängerte, intellektuelle Lobeshymne singen. Stattdessen will ich eine Geschichte erzählen. Meine Geschichte.

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Ich wuchs in den 90er Jahren im Odenwald auf – böse Zungen behaupten, er sei die Hölle. Ich kann zum Teil zustimmen. Geprägt wurde meine Kindheit von (zu) wenig Geld, einer hart arbeitenden, dreifachen Mutter und einem psychisch kranken Vater, der unter anderem wegen seiner Erkrankung weder zu Hause noch sonst wo arbeitete. Das Bild der starken Frau wurde mir jeden Tag aufs Neue förmlich ins Gesicht geschlagen. Trotzdem war ich – mit Verlaub – ein unreflektiertes, dummes Miststück. Politische Bildung? Sorry, lieber Odenwald, aber das war zumindest in meiner Welt für viele ein Fremdwort. Ich sang mit breiter Unterstützung von ganzen Dorfgemeinschaften das Donaulied. Ich hasste Alice Schwarzer. Ich machte mich über meinen Lehrer lustig, weil er den Nachnamen seiner Ehefrau angenommen hatte. Meine Lehrerinnen sahen in mir trotzdem eine Feministin. Und ich hasste das. Feministinnen waren für mich unbefriedigte, zickige Weiber mit schrägen Frisuren. In meiner Welt brauchte es keinen Feminismus. Doch irgendwann änderte sich das. Änderte ich mich.

Es begann mit der Musik. Ich hörte die Yeah Yeah Yeahs, sang bei den Ting Tings mit. Pussy Riot liefen auf meinem MP3-Player – und ich begann, mich mit den Inhalten zu beschäftigen. Ich sah mich noch immer nicht als Feministin – aber der Abstand wurde kleiner. Dann kamen Bücher. Mein erstes feministisches Buch war „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir. Es folgten viele mehr. Darunter von Sarah Kuttner, Charlotte Roche, Karim El-Gawhary. Ich las von Frauen, die offen über ihre Sexualität sprachen, von Frauen, die in einer unterdrückenden Gesellschaft lebten und „Männerberufe“ ausübten. Und mit dem Berg an Büchern und Musik wuchs mein Interesse für Politik. Für die Welt. Die Welt, die es außerhalb meiner Odenwald-Blase gab.

Dann kam der Deutschrap. Ja, es gibt ihn: den feministischen, den politischen Rap. Man muss ihn suchen, aber man wird fündig: Edgar Wasser, Juse Ju, Juicy Gay und Fatoni – nur ein paar Beispiele. Ich ging zu Konzerten, Lesungen. Traf dort auf Menschen, die mich prägten. Auf viele Menschen mit vielen Meinungen. Es gab Diskussionen. Ich wuchs. Innerlich. Wurde erwachsen. Reflektiert. Kritisch. Femi... konnte das sein? Ja: feministisch. In mein Bücherregal reihten sich nun auch Sibylle Berg, Margarete Stokowski, Kathrin Weßling und Sophie Passmann ein.

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Brauche ich also Kultur? Aber natürlich: Ich brauchte Kultur, um politisch zu werden. Ich brauche sie noch heute, um zu wachsen. Musik und Bücher haben mich dazu gebracht, wach zu werden und über die Welt nachzudenken. Kultur hat aus mir einen besseren Menschen gemacht, und sie hat ihr Werk noch nicht zu Ende gebracht. Sie arbeitet mit, an und in mir.

Mitglieder der Redaktion schreiben samstags, warum Kultur für sie relevant ist. Folge 4: Joana Rettig

Redaktion Weltreporterin mit Wirtschaftsschwerpunkt