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Schreibwettbewerb und Podcast "Erzähl mir was"

Der Mai ist ein schöner Monat

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© istock

Von Heidi Trumpp

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95 Jahre sind genug – Martha will sterben; aber nicht, ohne sich zu verabschieden, Kleidung auszusuchen und Musiker proben zu lassen. Manchmal hat das Leben aber andere Pläne für uns vorgesehen.

Das dachte die reizende alte Dame, legte sich ins Bett und wollte sterben. Martha fand, dass sie mit ihren 95 Jahren lange genug gelebt habe. Der liebe Gott hatte sie immer von Krankheiten verschont. Nur in den letzten Jahren hatte er zweimal nicht aufgepasst, und so hatte sie sich zuerst den linken und ein Jahr später den rechten Oberschenkelhals gebrochen. Beim ersten Mal vergingen die Wochen der Heilung nach Marthas Ansicht quälend langsam. Doch mit der Physiotherapie gewann Martha ihre frühere Sicherheit zurück. Allerdings hätte sie sich anschließend weniger schnell bewegen sollen! Denn eines Tages stolperte sie in ihrer Wohnung über eine Teppichkante und brach sich den anderen Oberschenkelhals. Dieses Mal wollte sie die Heilungszeit abkürzen und ließ sich operieren. Ihre Rechnung ging auf und die Ärzte staunten: In überraschend kurzer Zeit erholte sie sich von dem Eingriff und konnte nach einiger Zeit wieder ohne Gehhilfe laufen.

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Doch nun war es genug. Martha konnte auf ein schönes Leben zurückblicken. Mit ihrem Mann, der schon lange vor ihr gegangen war, hatte sie viele Reisen gemacht. Die Erinnerungen daran bewahrte sie wie einen kostbaren Schatz. Von den zahlreichen Freunden war einer nach dem anderen in die Ewigkeit abberufen worden. Nun war es Mai, die Bäume trugen frisches Grün, die Blumen sprossen aus der Erde, öffneten ihre Kelche und boten einen farbenfrohen Anblick. Die Vögel zwitscherten, gingen auf Brautschau und bauten ihre Nester. Die Natur war wieder erwacht. Sturm und Gewitter oder gar Schnee und Eis war nicht mehr zu erwarten. Ja, der Mai war ein schöner Monat zum Sterben! Er war vortrefflich geeignet, die Trauergäste bei Sonnenschein und Vogelgesang zu einem erholsamen Spaziergang auf den Friedhof einzuladen.

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Umsicht und Talent

Martha lebte mit ihrer Tochter Gisela in einer großen Wohnung in einem quirligen Stadtteil von Mannheim. Nun lag sie im Bett, stand nicht mehr auf und aß nichts mehr. Ihre Tochter fand, dass sie doch wenigstens noch selber zur Toilette gehen könnte. Aber nein, wenn Martha sich etwas in den Kopf setzte, musste es auch zuverlässig Schritt für Schritt ausgeführt werden. Ihre Tochter wurde zu ihrer Pflegerin, wusch sie und reichte ihr die Bettschüssel. Gisela ergab sich in ihr Schicksal und führte gewissenhaft alles aus, was die Mutter wünschte. Martha beriet mit ihrer Tochter, wie sie die kommende Zeit angenehm und harmonisch gestalten könnten. Gisela unterrichtete nacheinander ihre Schwester, die Neffen, Nichten und Freunde vom nahenden Tod und bat sie, zu kommen und der Mutter Lebewohl zu sagen.



Zuerst kam Marthas Tochter Ingrid aus München. In ihrer kummervollen und aufgewühlten Verfassung begriff sie nur zögerlich, dass die Mutter ja gar nicht krank war, sondern einfach nur gemächlich, dabei aber angenehm und frohen Herzens die Welt verlassen wollte. Ingrid ereiferte sich und wollte die Mutter umstimmen. Vergebens! Martha wollte es sich mit ihrer Tochter, die so weit weg wohnte, gemütlich machen und über Erlebnisse der gemeinsamen Zeit plaudern. Gisela musste Himbeerkuchen für die Mutter, Apfelkuchen für die Schwester und für sich Käsekuchen kaufen. Es wurde ein heiterer Nachmittag, kein Schatten einer fernen Trauer legte sich auf die harmonische Stimmung.

Nach Ingrids Besuch folgten die Nichten und Neffen aus Mannheim, Heidelberg und Schwetzingen. Dann lud Gisela die Freunde aus Hamburg, Köln und Frankfurt zu einer letzten Begegnung ein. Und niemand versäumte die Gelegenheit, noch einmal die Mutter, die Tante oder die geschätzte Freundin zu sehen. Das waren herrliche Stunden, mit diesen lieben Menschen nochmals zusammen zu sein und mit ihnen zu plaudern!

Heidi Trumpp über sich

Ich bin in Danzig geboren. Als ich zehn war, heiratete meine Mutter und wir zogen nach Mannheim, wo ich noch lebe.

Ich wurde Fremdsprachensekretärin, habe Stipendiaten des Goethe-Instituts in deutscher Sprache unterrichtet und helfe Studenten, Diplom- oder Master-Arbeiten zu verfassen.

Ich lese bewusst Zeitung, lese im Kindergarten vor und verfasse Geschichten, die auf einer wahren Begebenheit beruhen.

Mit Umsicht und Talent gelang es Gisela, die Besuche der Verwandten und Freunde so zu steuern, dass kein Tag ohne anregende Gespräche verging. Wenn kein anderer Gast angekündigt war, eilte Giselas Cousine Inge zu Tante Martha ans Bett. Die Beiden hatten seit jeher einen guten und regelmäßigen Kontakt, nun besuchte Inge ihre Tante noch häufiger als bisher. Das war ihr und ihrem Mann Helmut ein Anliegen. Noch dazu wohnten sie in derselben Stadt.

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Nachdem Martha ihren Tod so bedachtsam vorbereitete, konnte sie natürlich auch alle notwendigen Schritte für die Gestaltung einer ergreifenden Zeremonie planen. Die Tochter war schon einige Jahre pensioniert. Als Pianistin und ehemalige Klavierlehrerin kannte sie genügend Musiker, die sie nun einlud, um mit ihrer Mutter die Stücke für die Trauerfeier auszuwählen. Das flugs gegründete Quartett traf sich jeden dritten Tag und probte. Martha lauschte gerührt.

Gisela kümmerte sich um die notwendigen Formalitäten. Sie brachte den Katalog mit den verschiedenen Sargmodellen. Ihre Mutter entschied sich für einen schlichten Eichensarg. Aber sie bestand darauf, darin in ihrem schönsten Nachthemd zu liegen. Gemeinsam suchten sie ein Nachthemd aus, das Martha schon von ihrer Mutter geerbt hatte. Es war noch nie getragen worden, weil es mit seinen handgearbeiteten Spitzen und dem feinen Batist immer zu schade gewesen war. Nun wurde es gewaschen – schließlich sollte der Mottenpulvergeruch verschwinden – und sorgfältig gebügelt. Dann wurde das Nachthemd gut sichtbar auf einem Kleiderbügel seitlich an den Kleiderschrank gehängt. Martha war glücklich, dieses Meisterwerk der Näh- und Nadelkunst in aller Ruhe betrachten zu können und war sicher, darin auch im Tode einen erfreulichen Anblick zu bieten. Wer hat schon das Glück, zu wissen, wie die eigene Beerdigung sein wird?

Zu einem gepflegten Äußeren gehört selbstverständlich eine perfekte Frisur – deshalb ließ Martha jeden Dienstag eine Friseuse kommen, die ihr vorsichtig die Haare wusch und grazile Löckchen drehte. Nach dieser unbequemen Prozedur konnte sie sich bei der Maniküre wieder erholen.

In Erinnerungen an vergangene Zeiten

Der Hausarzt, der ihr in den vergangenen Jahrzehnten verlässlicher Ratgeber und – fast konnte man sagen – guter Freund geworden war, kam mehrmals in der Woche. Er suchte nach Zeichen des langsamen Verfalls, konstatierte jedoch, dass seine Patientin noch nie so heiter, so ausgeglichen, ja gut gelaunt war. Das Wiedersehen mit Freunden und Verwandten, die von überallher anreisten, belebte sie.

Er respektierte den Wunsch seiner Patientin, keine Nahrung mehr zu sich zu nehmen, ermahnte sie aber eindringlich, regelmäßig zu trinken. Das tat sie auch.

Martha freute sich auf die Besuche der Verwandten und der noch verbliebenen Freunde. Sie genoss die unterhaltsamen Stunden und schwelgte in Erinnerungen an vergangene Zeiten. Wenn niemand an ihrem Bett saß, schaute sie fern oder las die Tageszeitung. Der Fernseher hing gegenüber an der Wand. Mit der Fernbedienung konnte sie ihn ein- oder ausschalten. Die Zeitungen und Bücher lagen griffbereit auf dem Nachttisch. Sie brauchte keine Brille. Sie hatte es bequem und fühlte sich wohl.

So gingen die Tage dahin. In der dritten Woche war es am Hausarzt, sich von seiner Patientin zu verabschieden. Er hatte Krebs und musste sich ab dem folgenden Tag einer Therapie fernab von seiner lieben Patientin unterziehen. Beide waren überzeugt, einander nie mehr zu sehen. Ja, vielleicht im Himmel! Aber wie sollte man sich da finden! Es wurde ein bewegender Abschied. Mit Tränen in den Augen verließ der Arzt das Krankenzimmer und verabschiedete sich in der Diele schluchzend von Gisela, Inge und Helmut.

Matt und schwach

Die körperlichen Kräfte verließen allmählich die Mutter, aber ihr Geist blieb wach. Die Tochter oder die Nichte mussten ihr das Glas mit Flüssigkeit an die Lippen führen.

Die Pfingstrosen blühten auf und verwelkten wieder. Der Flieder sandte betörenden Duft durch das Fenster. Der Duft verging, und die Blüten zerknitterten und wurden braun. Martha atmete weiter und wartete auf den Tod.

Der Tod kam nicht. Sie fühlte sich matt und schwach.

Da sagte sie plötzlich: „Ich habe Hunger!“ Die Tochter erschrak. Was sollte sie der Mutter zu essen geben? Nach vier Wochen vertrug der Magen bestimmt nichts mehr. Sie kochte eine Haferschleimsuppe. Am folgenden Tag gab es Reisschleimsuppe. Am dritten Tag wieder Haferschleim. So wollte Gisela abwechseln. Als Inge kam, flüsterte die Tante ihr ins Ohr, dass sie beim nächsten Besuch etwas Ordentliches mitbringen solle. Inge hatte genügend Ideen und Geschick, für jeden Tag eine andere kleine Köstlichkeit zuzubereiten. Bevor sie ihre Tante damit fütterte, schlug sie ihrer Cousine großzügig vor, während ihrer Anwesenheit Besorgungen zu machen. So wurde Martha heimlich aufgepäppelt und kam zu neuen Kräften.

Die Verwandten und Freunde konnten sorglos wieder in Urlaub gehen, das Nachthemd wurde in den Schrank gehängt, die Musiker legten die Noten beiseite. Der Arzt starb ein halbes Jahr später. Martha überlebte ihn um vier Jahre. Nur laufen konnte sie nicht mehr, die Muskeln hatten sich zurückgebildet.

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