Das Porträt - Unkonventionell, humorvoll, selbstbewusst – so stellt sich die aktuelle Buchpreisgewinnerin Inger-Maria Mahlke der Öffentlichkeit Das System Ursache-Wirkung aufheben

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Die Verleihung zum Deutschen Buchpreis ist immer für Überraschungen gut. Bereits im vergangenen Jahr hatte Robert Menasse beim Dankeschön für die Auszeichnung für einige Lacher gesorgt, indem er gesagt hatte: „Ich bin sehr gerührt, meine sehr geehrten Damen und Herren. Ich habe keine Preisrede vorbereitet, weil ich ja nicht gewusst habe, dass ich den Preis bekomme und schon seit langer Zeit nicht mehr für die Schublade arbeite.“

08.10.2018, Hessen, Frankfurt/Main: Die Autorin Inger-Maria Mahlke freut sich bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2018 im Rathaus Römer über ihre Auszeichnung. Zum 14. Mal hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels die Auszeichnung für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres vergeben. Foto: Arne Dedert/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ © Arne Dedert/dpa
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Und auch in diesem Jahr hatte Inger-Maria Mahlke, nachdem sie minutenlang gerührt Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller bei seinen lobenden Worten zuhörte, einen lustigen Spruch parat: „Ich möchte allen danken, die wissen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Büchern und Joghurt, weil Bücher in der Lage sind, einem Leser eine existenzielle Erfahrung zu ermöglichen.“

Inger-Maria Mahlke



Inger-Maria Mahlke: 1977 in Hamburg geboren, wuchs Mahlke (Bild) in Lübeck und auf Teneriffa auf, studierte Rechtswissenschaften an der FU Berlin und arbeitete dort am Lehrstuhl für Kriminologie. Mahlke lebt in Berlin.

Preise: Open Mind (2009), Klaus-Michael-Kühne-Preis (2010, „Silberfischchen“), Ernst-Willner-Preis (2012, „Rechnung offen“), Karl-Arnold-Preis (2014), Magdeburger Stadtschreiberin (2017). „Wie Ihr wollt“ war 2015 für den Buchpreis nominiert. dms (Bild: dpa)

Auch dies war freilich – ganz im Sinne Menasses – keine vorbereitete Rede. Aber die Worte zeigen doch, dass Mahlke so wenig eine konventionelle Autorin ist, wie ihre Bücher konventionell erzählt sind. Das preisgekrönte „Archipel“ etwa erzählt anhand von drei Familien vom spanischen Faschismus und Kolonialismus auf der Atlantikinsel Teneriffa. Das Buch läuft eben kurioserweise nicht chronologisch vorwärts, sondern umgekehrt: rückwärts.

Zweiter Anlauf

Als Kind hat sie ihre Ferien oft bei ihrer Großmutter auf Teneriffa verbracht. Mit ihrem Roman über eben jene Kanareninsel hat die Berlinerin, die 1977 in Hamburg zur Welt kam und in Lübeck aufwuchs, jetzt den Deutschen Buchpreis geholt. Es ist bereits ihr zweiter Anlauf. Schon mit dem Vorgänger «Wie Ihr wollt» stand sie 2015 auf der Shortlist.

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Die – wie Juli Zeh – studierte Rechtswissenschaftlerin, die am Lehrstuhl für Kriminologie in Berlin arbeitete, nimmt 2005 an einer Werkstatt für Nachwuchsautoren unter der Leitung der späteren Nobelpreisträgerin Herta Müller teil. Vier Jahre darauf holt Mahlke den Prosa-Preis beim Berliner Open Mike.

Auf ihren Debütroman „Silberfischchen“ (2010) folgt „Rechnung offen“ (2013). Für einen Auszug daraus, in dem eine alleinerziehende Mutter zur Domina wird, erhält sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2012 einen Nebenpreis. Viel Lob erhält ihr historischer Roman mit dem Shakespear’schen Titel „Wie Ihr wollt“ (2015) über die kleinwüchsige Mary Grey. Darin zeichnet Mahlke ein finsteres Gesellschaftsbild aus dem England des 16. Jahrhunderts.

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Im Sommer 2017 wohnt und arbeitet die Autorin als Stadtschreiberin über den Dächern von Magdeburg. Vor ihrem Antritt gibt sie an, dort ihr neues Buch beenden zu wollen – „Archipel“. Ihr vierter Roman ist ihr erster bei Rowohlt – der Verlag, gegen dessen Spitze Mahlke zuletzt Kritik vorgebracht hat. Wegen der Entlassung der bisherigen Verlagschefin Barbara Laugwitz schrieb sie im September mit anderen Autoren einen offenen Brief an die Chefetage der Holtzbrinck-Verlage. Das Schreiben schlug hohe Wellen.

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Wie ihr rückwärts erzählter Roman „Archipel“ jetzt auch. Das Buch habe sie auch beim Schreiben schon ziemlich überfordert, sagte sie im Anschluss an die Preisverleihung im Gespräch mit der „F.A.Z.“, sie habe ein ganz anderes Gefühl von Vergänglichkeit bekommen. Mahlke misstraut den Kausalitäten von Ursache und Wirkung, die sie mit ihrer Erzählweise aufzuheben versucht hat, um die einzelnen Schichten wieder sichtbar werden zu lassen. Sie meint auch, dass viele Sachen im Geschichtsbild einer Gesellschaft „geglättet und passend gemacht werden“.

Sie habe großes Erzähltalent, schrieb „Die Zeit“ vor acht Jahren, stoße aber manchmal noch an ihre Grenzen. Es scheint, als habe sie sie nun überwunden. „Archipel“ hat „zu Recht“ den Deutschen Buchpreis erhalten, meinte das gleiche Medium jetzt. Das war gestern. (mit dpa)

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.