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Schreibwettbewerb und Podcast "Erzähl mir was"

Das Licht am Ende der Höhle

Von 
Barbara Imgrund
Lesedauer: 
© picture alliance/dpa/PAP

Die Ich-Erzählerin ist gefangen in einer Höhle. Es ist so dunkel, dass sie kaum vorankommt. Doch mit jedem Meter wird das Licht am Ende heller. Endlich draußen angekommen, wartet schon jemand.

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Licht. Da ist Licht. Ein Riss im Schwarz. Ich halluziniere nicht. Kein Zweifel: Licht. Und es geht nicht weg. Es wird größer.

Alles ist Schmerz, doch ich spüre ihn kaum. Ich weiß nicht, wie oft ich gefallen bin, wie oft ich mich gestoßen habe. Wie lange ich schon unterwegs bin oder wie lange ich bewusstlos war. Ich weiß gar nichts mehr. Außer, dass ich ans Licht muss, weil ich es so beschlossen habe dort unten im Bauch der Höhle.

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Gleich ist es geschafft. Noch ein bisschen Geduld, noch ein bisschen tasten und kriechen. Man kommt kaum vorwärts, wenn man nichts sieht. Aber Zeit habe ich reichlich; ich weiß ja kaum noch, was das ist. Das Gefühl dafür schwindet, genau wie die Angst.

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In Dunkel und Stille und Kälte kam ich zu mir, vorhin, vor einer Stunde, einem Tag oder tausend Jahren. Ich war wie blind und taub, verlassen, vergessen. Noch ehe ich die Höhle spürte, roch ich sie: die Erde, die Feuchtigkeit, die abgestandene Luft und den Moder. Mir kam ein Gedanke: Ist dies mein Grab? Und ich schrie. Schrie und schrie. Fremd klang meine Stimme, fremd und entmenscht wie die eines Tiers aus der Tiefe. Nach einer Weile war ich heiser und nach einer weiteren Weile stumm, und das Schweigen wollte mich verschlucken wie ein gefräßiger Schlund, bis nichts mehr übrig wäre von mir.



Doch in mir wurde es nicht still: Wie bin ich hierher geraten? Wer straft mich so – und wofür?, fragte ich mich wieder und wieder. Kleine Sünden aus meiner Kindheit fielen mir ein und größere aus der Zeit danach, Menschen, denen ich Unrecht getan hatte, und Dinge, die ich hätte richtig machen können. Nichts von alldem war monströs genug für diese Höhle, die mich keiner Antwort würdigte. Es war, als würde ich mir den Kopf an ihren Wänden blutig stoßen.

Und endlich, als mein Hirn zermartert und wund war, verstand ich etwas: All die Fragen hatten keinen Sinn, weil es keinen Sinn gab. Es spielte keine Rolle, warum ich hier war, oder wer daran Schuld trug. Ich brauchte dieses Wissen nicht, es nützte mir nichts. Es zeigte mir den Weg nach draußen nicht.

Ich hatte nichts mehr, ich konnte nichts mehr, ich war nichts mehr. Und so wurde ich ganz ruhig dort unten in dieser Stille. Ich hörte auf, mich zu wehren, ich fügte mich, schmiegte mich an meine Höhle, die alles war, was mir noch blieb. So klein wie möglich wollte ich sein, denn ich war klein, und wie ein Fötus im Mutterleib kauerte ich mich auf den blanken Boden, um mich zurückzuziehen in mich selbst – an den Ursprung, nach Hause, dorthin, wo ich begonnen hatte, wo ich nur fähig war, zu sein und zu atmen und sonst nichts.

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Zur Autorin



  • Barbara Imgrund, geboren 1967 in Kaufbeuren, lebt seit 20 Jahren in Heidelberg. Die Germanistin arbeitete lange als Lektorin und ist seit 15 Jahren Literaturübersetzerin aus dem Englischen. Sie publizierte bereits drei Romane und ein Sachbuch.
  • Zitat: „Ich schreibe, seit ich schreiben kann. Schreiben bringt mich in einen Flow: Ich komme dann bei mir an und schöpfe aus einer Quelle, zu der ich sonst keinen Zugang habe.“

Verflogen mit einem Mal die Enge, nichts lastete mehr auf mir, kein Berg und keine Schuld und keine Angst, und es wurde weit, so weit in meiner Brust. Ich holte Luft und ließ sie wieder entweichen, ein und aus, ein und aus, viele Male. Dieser Takt setzte sich fort, bis auch die Höhle pulsierte, sich ausdehnte und zusammenzog wie ein großes rohes Herz, während Zeitalter vergingen und aus meiner Einsamkeit Einheit wurde und aus meiner Verzweiflung Verbundenheit.

Diese Erde ist meine Mutter und diese Höhle ihr Leib. Sie mussten mich erst begraben, um mich neu zur Welt bringen zu können. Das war der einzige Sinn, den es gab. Ich begriff, endlich begriff ich, und da ging der Vorhang der Zeit auf und zeigte mir eine Erinnerung, an die ich Ewigkeiten nicht mehr gedacht hatte.

Ich war sieben Jahre alt, als ich mich auf einer Bergwanderung mit meiner Familie verirrte. Beim Abstieg legten wir eine Rast ein, um im Schatten ein Mittagsschläfchen zu machen. Doch ich erspähte zwischen den Bäumen ein Reh und war sofort wieder munter. Es blickte mich mit seinen sanften braunen Augen an, als wollte es Zwiesprache halten, entfernte sich ein Stück und sah sich erneut nach mir um. Komm mit!, hieß das natürlich, und so folgte ich ihm. Immer tiefer geriet ich in den Wald und vergaß darüber die Zeit. Irgendwann wurde das Reh des Spiels überdrüssig und sprang auf Nimmerwiedersehen davon. Da merkte ich, dass ich nicht mehr wusste, wie ich zu den anderen zurückfinden sollte. Mit einem Mal war der Wald gar nicht mehr freundlich. Es knisterte und raschelte überall um mich her, und ich fühlte mich beobachtet aus tausend Augen. Die Sonnenstrahlen fielen schräg durch die Bäume, bald würde der Nachmittag in den Abend und der Abend in die Nacht übergehen. Ich bekam Angst und rief und rief, und als die Vögel verstummten und niemand antwortete, begann ich zu weinen.

Blind vor Tränen stolperte ich weiter, fiel immer wieder hin, riss mir Hände und Knie auf. Schließlich war ich so müde, dass ich nicht mehr weitergehen konnte. So kroch ich unter den mächtigen Wurzelteller eines umgestürzten Baums, um dort Schutz zu suchen vor dem Abendwind und der Dunkelheit und vor wer weiß was noch. Seine Wurzeln umfingen mich wie freundliche Arme, und ich drückte mich an sie und begann, mir selbst Mut zuzusingen mit dem Lied von dem Männlein in seinem Mäntelein aus lauter Purpur, das auch ganz allein im Wald war.

Von Gefühlen zehren

Wie lange ich dort so zubrachte, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass mich am Ende eine große Ruhe überkam; auch die Erschöpfung mag ihren Teil dazu beigetragen haben. Alles war gut so, wie es war, gleichgültig, was nun wurde. Ich war ein Teil des Waldes, und der Wald war ein Teil von mir. Ohne Worte dafür zu haben, spürte ich, dass wir alle miteinander verbunden waren: das Reh, die Vögel, die Bäume, der Berg und ich und dieses große, namenlose Leben rundherum, das mich umarmte, ungefähr so, wie es meine Mutter beim Gutenachtsagen tat, nur noch viel inniger. Ich war eins mit allem. Nichts konnte mir geschehen.

Ich muss darüber eingeschlafen sein, denn ich erwachte, als es schon stockdunkel war. Ein Schäferhund stand vor mir unter dem Wurzelteller und bellte, blendende Lichter umtanzten mich, und viele Stimmen redeten durcheinander. Ich hatte Hunger und Durst, ich war wie zerschlagen und sehr froh, meine Eltern wiederzusehen. Doch ich zehrte noch immer von jenem Gefühl. Als mich meine Mutter so fest wie noch nie zuvor in ihre Arme nahm, spürte ich, dass die Wildnis, der Wald und die Wurzeln, die mich geborgen und in den Schlaf gewiegt hatten, auch zu Hause waren. Ein Zuhause, in das ich eines Tages zurückkehren würde …

Und nun, in der Höhle, als ich mich meines Kindheitserlebnisses entsann, war das Eins-Sein wieder da, fühlte ich mich wieder umfangen und beschützt von etwas unnennbar Großem, von dem ich nicht wusste, wo es aufhörte und wo ich begann. Da endlich sprach die Höhle zu mir: mit ihrem Atem, einem Luftzug, nicht viel mehr als einem Hauch, der mein Gesicht fächelte. Alles blieb still, doch es war, als hätte jemand gerufen: „Steh auf und geh hinaus.“ So kroch ich los, auf diesen Ausgang zu, durch den die Luft ein- und austrat. Der auf mich wartete und den ich nur noch finden musste.

Ich komme zurück – versprochen

Und hier bin ich und taste mich voran, dem Licht entgegen, das mit jedem Schritt größer wird. Ich spüre die Schrammen und Kratzer nicht mehr, das Entsetzen und die Angst und die Verlorenheit liegen hinter mir. Denn ich habe eine Entscheidung getroffen, dort unten im Bauch meiner Höhle.

Ich werde heute nicht sterben.

Das Licht wächst und wächst, entreißt dem Dunkel Steine und Felsbrocken und Erde. Ich werde schneller, da ich jetzt sehe, wohin ich trete, schon muss ich die Hände nicht mehr zu Hilfe nehmen. In das Geräusch meines Atems, des Knirschens von Erde unter mir mischt sich ein weiteres, das ich nicht einordnen kann – hoch und grell wie ein Küken, das fortwährend piepst. Das Licht wird heller und das Geräusch lauter. Schon atme ich frische Luft, sauge sie tief hinab in meine schmerzenden Lungen, nehme Gerüche wahr, die sonderbar künstlich sind. Und nun höre ich auch jemanden sprechen.

Ich halte kurz inne, um Abschied zu nehmen von meiner Höhle. Irgendwann kehre ich wieder und bleibe, das verspreche ich, nur heute noch nicht. Heute, jetzt, tue ich den letzten Schritt durch diese Öffnung, werde ich neu geboren in die Welt. Ich bleibe stehen, um in Helligkeit zu baden, lausche dem Küken und trinke Luft …

„Willkommen zurück“, sagt eine Stimme.

Vielleicht bin ich gefallen, denn ein Engel aus Licht beugt sich über mich. Er trägt Weiß, eine Wolke aus Weiß, und sein Gesicht sind zwei lächelnde Augen hinter einem durchsichtigen Visier. Was er sagt, dämpft die Maske vor seinem Mund, doch ich verstehe jedes Wort. „Wir dachten schon, wir verlieren Sie. Aber Sie haben gekämpft. Und jetzt werden Sie wieder gesund.“

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