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Erzähl mir was

"Das Haus - la maison" von Gisela Bentz-Gargadennec

Von 
Gisela Bentz-Gargadennec
Lesedauer: 

Mannheim. Beim langen Wochenende im Haus des Mannheimer Verlegers Ulrich Wellhöfer treffen die Erstplatzierten des Schreibwettbewerbs "Erzähl mir was" aufeinander - und erfinden Geschichten über "Das Haus", in dem sie drei Tage wohnen.

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"Das Haus - la maison" (von Gisela Bentz-Gargadennec) 

Fritz ist unterwegs nach Frankreich, genauer gesagt, ins Elsass. Er wird das erste Mal wieder französischen Boden betreten seit damals, im Jahr 1947, als er aus der französischen Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Sein Herz klopft heftig, als er die Grenze passiert. Er wird nicht angehalten, weder von den Deutschen noch den Franzosen und auch seinen Kopf durchfluten Erinnerungen, die er nicht aufhalten kann. Frankreich, das sind für ihn geteilte Welten, die er noch nicht wieder miteinander verbinden kann. Einmal sind da Kindheitserinnerungen an ein kleines Dorf namens Berg in Rheinland-Pfalz, aus dem seine Mutter stammte und das nur durch die Lauter vom französischen Lauterbourg im Elsass getrennt war. Das kleine Grenzflüsschen wurde zum Schmuggeln von Waren aller Art genutzt.

Auch Fritz, der hier meist seine Ferien verbrachte, besserte sein Taschengeld damit auf, dass er die Lauter durchwatete, um in Frankreich günstig Zigaretten einzukaufen, die er dann in Deutschland gewinnbringend verhökerte. Auch Liebesstragödien haben sich hier, je nach politischer Lage, schon immer abgespielt.

Fritz fährt weiter durch ländliches Gebiet in Richtung Petersbach. Dort hat er das Maison Zielinger angemietet, ein Ferienhaus, das dem Mannheimer Verleger Ulrich Wellhöfer gehört.

Hier wird er Marie treffen, seine erste große Liebe, die er während des Krieges kennen und lieben lernte und doch gleich wieder verlor.

Vor seinem geistigen Auge tauchen die Bilder auf, wie er als junger Offizier 1940 nach Frankreich entsendet wurde und dort nicht wie ein Besatzer, sondern recht offen von der französischen Bevölkerung aufgenommen wurde.

Da Fritz die französische Sprache gut beherrschte, kam er schnell mit den Franzosen in Kontakt und war bald zuständig für eine gute Versorgung der Kameraden mit Rotwein, Zigaretten und anderen Gaumenfreuden. Und nicht nur das, auch die Herzen der jungen Französinnen flogen den adrett gekleideten, großgewachsenen, blonden Hünen, zu denen auch Fritz gehörte, förmlich zu.

Und so machte er, hungrig auf das Leben und das Abenteuer, der jungen Marie Avancen, und beide schlitterten unversehens in eine heftige Liebesbeziehung, die jedoch geheim bleiben musste.

Fritz, der zu diesem Zeitpunkt weder den Schrecken des Krieges noch den Freuden der Liebe ins Auge geblickt hatte, erlebte so einen unvergesslichen Sommer in der Normandie.

Dieser endete jedoch abrupt, als Marie ihre Schwangerschaft nicht mehr verbergen konnte und Fritz, wie damals üblich, von einem Tag auf den anderen  an die Ostfront strafversetzt wurde.

Fritz nimmt die letzte Abzweigung in Richtung Petersbach. Das gleichmäßige Motorengeräusch seines alten Ford beruhigt ihn nicht. Es tauchen die dunklen Bilder des Krieges auf, Russland, die Kälte, der Hunger, dann die Flucht, Gefangennahme durch die Amerikaner und Auslieferung an die Franzosen. Er wurde in das berüchtigte Internierungslager von Marseille gebracht, aus dem er erst 1947, vom Hunger gezeichnet, entlassen wurde. Er erlebte ein völlig anderes Frankreich als das, das er zuvor kennen und lieben gelernt hatte. Die Franzosen urinierten als Zeichen tiefer Verachtung von Brücken auf die darunter vorbeifahrenden, deutschen Soldaten.

Und doch war es seine Liebe zu Marie gewesen, die ihm half, den Krieg zu überleben, die ihn durch diese schlimmen Zeiten getragen hatte.

Zurück in Deutschland, traf er da, wo er seine mehrfach ausgebombte Mutter wiederfand, eine andere Marie. Sie sollte eigentlich Maria heißen, wurde aber versehentlich als Marie ins Stammbuch eingetragen.

Sollte das ein Zeichen ein?

Schweren Herzens beschloss Fritz, seine französische Marie nicht zu suchen, sein Kind nicht kennen zu lernen und seiner deutschen Marie nichts davon zu erzählen. Sie stammt aus einem streng katholischen Elternhaus, hat ihren Geburtsort kaum jemals verlassen, sie könnte das nicht verstehen, nicht verzeihen.

Fritz verdrängt diesen Teil seines Lebens komplett und heiratet seine deutsche Marie.

Und jetzt, ein halbes Menschenleben später, fährt er doch wieder nach Frankreich, um seine französische Marie zu treffen, in Petersbach, im Maison Zielinger, um sich doch noch einmal seiner Vergangenheit zu stellen, seiner Liebe, seiner Vergehen, seiner Schuld.

Wie wird sie aussehen? Würde er das wiederfinden, was er damals verloren hatte? Es ist, als ob sich ein eiserener Ring um seine Brust legt und ihm die Luft abstellen will. Dann wieder springt sein Herz vor Aufregung. Er hat Marie tatsächlich wiedergefunden, das heißt: sein Sohn ihn. Frédéric hatte eine Anfrage an das Bundesamt für Wehrmachtsangelegenheiten in Berlin gestellt, um seinen Vater zu finden. Dieses hatte Fritz kontaktiert und er sich nach heftigen, inneren Kämpfen entschlossen, seinen über 40-jährigen Sohn kennenzulernen und dessen Mutter wieder zu sehen.

Fritz fährt langsam in den Ort Petersbach ein, in die Rue de la Division Leclerc und hält Ausschau nach der Hausnummer 49. Er erblickt auf der linken Seite ein stattliches, altes Haus mit grünen Läden, eine Hecke schirmt es von der Straße ab. Fritz parkt sein Fahrzeug vor dem Hoftor, das in den hinteren Teil des Anwesens führt.

Eine breite Treppe führt ihn hinauf zur hölzernen Eingangstür, die umrahmt ist von Ornamenten aus rotem Bundsandstein. Er lässt die Zahl 1834, das Baujahr des Hauses, auf sich wirken. Was wird sich in diesem Haus wohl schon alles abgespielt haben?

Bedächtig öffnet Fritz die Haustür, betritt den Flur, der mit rot-weiß-grau karierten Fliesen belegt ist und dessen Wände marmorartige Bemalungen aufweisen.

Von dort gelangt Fritz in den Salon. Ihm fallen gleich die mit Rosenornamenten verzierten Decken ins Auge. Die neu aufpolierten Dielen knarren unter seinen Füßen, und eine glänzende Tapete ziert die Wände.

Fritz‘ Blick fällt auf das Porträt einer Frau mit melancholischem Blick und schwarzem Rahmen. Vielleicht eine frühere Besitzerin das Hauses, eine Gutsherrin? Fritz, der selbst malt, verweilt eine ganze Zeit vor diesem Gemälde und fragt sich, welches Schicksal sie wohl erleiden musste.

Außer Fritz ist noch niemand da. Sein Blick schweift auf die andere Seite des Raumes. Teils wuchtige, teils zierliche, antike Möbel verschiedener Epochen befinden sich im Raum. Ein großer Tisch mit zehn Stühlen und ein Kachelofen verleihen ihm eine gemütliche Atmosphäre und laden zum Verweilen ein.

Seine innere Unruhe treibt Fritz jedoch erst einmal durch das ganze Haus, durch zwei Stockwerke und vielleicht ein Dutzend Zimmer. Es gibt Türen, die Fritz nicht öffnen kann. Das Haus ist so geheimnisvoll wie seine Vergangenheit, ein magischer Ort für seine Begegnung mit Marie und ihrer beider Sohn Frédéric, der jedoch erst ein paar Tage später eintreffen wird. So hatten sie es vereinbart, Marie und er. Er musste sich erst einlassen auf all das, was er verdrängt, vergessen, für nicht mehr existent gehalten hatte. Nachdem Fritz das ganze Haus erkundet hat, kommt er langsam zur Ruhe. Er setzt sich auf die Chaiselongue im Salon, verbindet sich energetisch mit dem Haus, mit Frankreich, mit all seinen abgespalteten Gefühlen, den positiven wie den negativen.

Ja, dieses Haus ist ein würdiger Ort für die Konfrontation mit seiner Vergangenheit.

Er wird innerlich ganz ruhig und erwartet mit großer Neugier und Gelassenheit die Ankunft von Marie.

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