Nachruf - Literatur-Nobelpreisträgerin Toni Morrison im Alter von 88 Jahren gestorben / Vielfältiges Werk kreist wiederholt um Sklaverei Das Gewissen Amerikas

Von 
Peter Mohr
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Toni Morrison, Bestseller-Autorin aus den USA, nimmt 2005 an der Julio Cortazar Professorenkonferenz an der Universität Guadalajara (Mexiko) teil. © dpa

„Die Sehnsucht nach einem Zuhause existiert zwar nach wie vor, aber es handelt sich dabei lediglich um eine Illusion. Und natürlich gibt es in Amerika nicht eben wenige, die ihr ganzes Leben auf diese trügerische Sehnsucht bauen, die niemals Realität werden kann“, hatte Toni Morrison, Nobelpreisträgerin des Jahres 1993, vor fünf Jahren in einem Interview mit der „Welt“ Auskunft über ihr gespaltenes Verhältnis zu ihrem Heimatland gegeben. Nun ist die international anerkannte Stimme der afroamerikanischen Bevölkerung und enge Vertraute von Ex-US-Präsident Barack Obama im Alter von 88 Jahren in New York gestorben.

Bewegtes Leben einer Literatin

  • Geboren am 18. Februar 1931 im US-Bundessstaat Ohio.
  • Ab 1949 Literaturstudium in Washington und New York, Examen 1955.
  • 1958 Heirat mit dem Architekten Harold Morrison, zwei Söhne.
  • 1964 Scheidung von Morrison, danach Verlagslektorin in New York.
  • 1970 erscheint der erste Roman: „The Bluest Eye“. Weitere Erfolge: „Song of Solomon“ (1977), „Tar Baby“ (1981) oder „Jazz“ (1992).
  • 1988 wird sie für den Roman „Beloved“ mit dem Pulitzer-Preis geehrt
  • Ab 1989 Professorin an der Princeton-University (New Jersey)
  • 1993 Nobelpreis für Literatur.
  • 2015 erscheint ihr letzter Roman: „God Help the Child“.
  • Barack Obama verlieh ihr 2012 die Freiheitsmedaille des Präsidenten.
  • 2019: Toni Morrison stirbt am 5. August in New York. (dpa)

Langer erzählerischer Atem

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Sie war umstritten und streitbar, aber nach ihr wurde keinem US-Autor mehr die bedeutendste Auszeichnung der literarischen Welt zuteil. Ihr Meisterwerk habe sie noch nicht geschrieben. Es komme noch, hatte die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison vor etwas mehr als zehn Jahren ziemlich kokett erklärt und damit große Erwartungen bezüglich der dann folgenden Werke „Gnade“ (auf Deutsch: 2010) und „Heimkehr“ (2014) geweckt. Doch keiner der beiden Romane konnte diesen Erwartungen gerecht werden.

Thematisch knüpfte „Gnade“ an den mehr als 25 Jahre alten Vorgängerroman „Menschenkind“ (im Original: „Beloved“) an und lieferte so etwas wie eine temporeiche, leicht überladene Vorgeschichte, in deren Mittelpunkt vier Frauen am Ende des 17. Jahrhunderts stehen. Ihre höchst unterschiedlichen Lebenswege kreuzen sich in der gesetzlosen Welt von Sklavenhandel, aufkommendem Rassismus und ersten kapitalistischen Auswüchsen. „Gnade“ („A Mercy“) kam im amerikanischen Original eine Woche vor Barack Obamas Wahl auf den Markt und liest sich einfühlsam, bedrückend und abenteuerlich zugleich, doch die Qualität von „Menschenkind“ mit seinem längeren erzählerischen Atem blieb unerreicht.

Nicht wesentlich anders war es um Toni Morrisons zehnten Roman „Heimkehr“ bestellt, der auch Fragmente aus der eigenen Familiengeschichte aufgriff. Der Protagonist Frank Money nahm (wie Morrisons Bruder) mit einigen Freunden als Freiwilliger am Korea-Krieg teil und kehrte als einziger aus diesem Kreis heim – schwer traumatisiert ob des Verlustes seiner Freunde und der erlebten Verbrechen im Namen seines Vaterlandes. Auch diese dramatische „Story“ um den heimatlosen Koreakämpfer war nicht das avisierte, späte Meisterwerk.

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„Sklavenhandel und Sklaverei sind Themen, an die sich niemand erinnern will. Weder die Schwarzen noch die Weißen. Ich meine, es herrscht eine nationale Amnesie“, erklärte die als „Gewissen Amerikas“ gehandelte Morrison im Zusammenhang mit ihrem 1988 in den USA erschienenen Erfolgsroman „Menschenkind“, für den sie den Pulitzer-Preis bekam und der 1999 (Regie: Jonathan Demme, Hauptdarstellerin: Oprah Winfrey) auch in den Kinos zu sehen war. Das Schicksal der Farbigen in den USA war eines der ständig wiederkehrenden Themen in Toni Morrisons Arbeit. Für ihr Frühwerk „Salomons Lied“ (1977) – die Erforschung der Familiengeschichte eines einfachen Milchmannes – erhielt sie bereits den Preis der amerikanischen Literaturkritiker, die dieses Werk auf eine Stufe stellten mit Alex Haileys „Roots“.

Einfluss von James Baldwin

Die Schriftstellerin, die am 18. Februar 1931 unter dem bürgerlichen Namen Chloe Anthony Wofford in Lorain/Ohio geboren wurde, schloss ihr Studium an der renommierten Cornell University mit einer Arbeit über den Selbstmord in den Werken von William Faulkner und Virginia Woolf ab. Danach arbeitete sie zunächst als Lektorin bei Random House und später als Professorin in Princeton. Unter dem Einfluss von James Baldwin hatte Toni Morrison bereits 1960 zu schreiben begonnen, doch bis zur Veröffentlichung ihres ersten Romans dauerte es zehn Jahre. „Spracharbeit ist das Maß eines gelungenen Lebens“, erklärte sie in ihrer Stockholmer Dankesrede, als sie 1993 als erste farbige Autorin den Nobelpreis erhielt.

Freie Autorenschaft seit rund 20 Jahren als Autor fürs Feuilleton tätig. Schwerpunkt: Literaturkritik