Journal - Nun haben wir, was wir uns seit langem in Stürmen des Alltags sehnlich wünschen, Stille, Einkehr, Zeit – ist das jetzt auch wieder nicht gut? Das ewige Streben und Träumen macht glücklich

Von 
Stefan M. Dettlinger
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In einsamer Entschleunigung träumt der Mensch wieder von Beschleunigung. © dpa

Wir wissen es: Der Mensch ist nie zufrieden. Hat er das Eine, will er das Andere. Hat er das Andere, beginnt er mit der Verklärung des Einen, des Früheren. Es ist ein Kreuz.

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In den Irrungen und Wirrungen des sonst immer so stürmischen Alltags ist die Sehnsucht nach Stille, Einkehr und Muße stets in unseren Köpfen. Zeit. Raum. So lauten die Zauberwörter. Kaum ein Mensch, der zufrieden ist mit seinem Stress, der nicht immer, aber oft genug auch selbst gemacht ist. Weil zu viel Ereignis in zu wenig Zeit gepackt wird. Weil wir immer mehr wollen, als wir haben und können. Nun aber, in diesen traurigen Corona-Zeiten, haben wir es mit dem Gegenteil zu tun: zu wenig Ereignis für zu viel Zeit. Die Eine klagt über die Abwesenheit des Profisports, der Andere über das Ausfallen von Regelmäßigkeiten, die das Leben „in den guten alten Zeiten“ strukturiert haben: Chorproben, Theaterabende und, ja, diese heute fast schon seltsam anmutende alte Kulturtechnik des Sich-Treffens, bekannt auch als sozialer Kontakt.

Der Mensch ist nie zufrieden. Im Grunde dürfte aus diesem Satz nur eines zu schließen sein: Nicht die Umstände, unser Umfeld und unsere Umwelt müssen wir ändern. Wir selbst sind es, die sich ändern müssen. Unsere Einstellung zu uns. Unsere Ansprüche an uns, das Leben und die Verbindung zur Außenwelt.

Hilft da der Friedrich-Nietzsche-Satz: „Wenn man kein Glück hat, soll man sich Glück anschaffen“? Vielleicht. Doch das Verfahren des Jeder-ist-seines-Glückes-Schmied geht ja davon aus, dass Glück sich schaffen ließe und danach von Dauer wäre. Was aber, wenn wir gar nicht nach Glück, sondern nach dessen kleiner Schwester, der Zufriedenheit, suchen würden. Sie lässt sich viel leichter herstellen mit den profanen Dingen des schnöden Alltags.

Unzufriedenheit als Glück

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Und vielleicht besteht das Glück zum einen ja ohnehin gerade darin, dass es nur augenblicklich, gewissermaßen blitzartig über die Zufriedenheit hinausreicht und zum anderen aus einem großen Teil Sehnsucht zusammengesetzt ist, also aus den Gedanken daran, dass es da einen Ort und eine Zeit gibt, die uns Glück bescheren könnte nach dem Motto: „Die starke Hoffnung ist ein viel größeres Stimulans des Lebens, als irgendein einzelnes wirklich eintretendes Glück.“ Überraschend, dass auch dieses Zitat von Nietzsche stammt und vielleicht besser dazu passt, dass der Mensch von Natur aus unzufrieden ist und Träume vom Besseren, Höheren zu seiner Existenz braucht.

Nicht zuletzt sind es vielleicht die Dinge im Leben, die uns träumen lassen, die uns glücklich machen: dass Schalke 04 vielleicht doch noch einmal Deutscher Meister wird, dass wir uns am Côte-d’Azur-Strand wohler fühlen, dass wir, nachdem wir die Popsängerin Billie Eilish live erlebt haben, um ein prägendes Ereignis im Leben reicher sind. Der Sport lässt uns träumen. Wie die Kunst. Wie der Kommerz. Wie unsere körperlichen und seelischen Bedürfnisse.

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Deswegen träumen wir jetzt, in der Entschleunigung, wieder von der Beschleunigung – vielleicht macht uns das sogar glücklich und nicht der Zustand der Verlangsamung des Lebens selbst. Der Traum von der Beschleunigung ist der Glücksbringer in der Entschleunigung. Noch einmal Nietzsche: „Haben die wirklichen Dinge oder die eingebildeten Dinge mehr zum menschlichen Glück beigetragen?“ Der Mensch ist unzufrieden. Das ist sein Glück!

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „MM“ seit 2006.