Berlinale - Das Filmfest ging mit der Preisverleihung zu Ende – mit Mohammad Rasoulof als würdigem Sieger Das Beste kommt zum Schluss

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Gebhard Hölzl
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Der iranische Regisseur Mohammad Rasoulof kann sich nur via Skype über seinen Goldenen Bären freuen. Tochter Baran Rasoulof nahm ihn entgegen. © Gregor Fischer/dpa

Viel Geschick haben Carlo Chatrian, bei der 70. Berlinale erstmals Künstlerischer Leiter, und sein Team bei der Programmierung des Wettbewerbs bewiesen. Der große Sieger lief am letzten Tag, eher ungewöhnlich, weil bei A-Festivals die vermeintlich vielversprechendsten Titel meist schon rund ums erste Wochenende platziert werden. Da sind die Journalisten noch ausgeruht und aufnahmefähig. Dabei hat dem Ex-Chef des Filmfestivals von Locarno wohl die Tatsache in die Karten gespielt, dass er ein ausgewiesener Spezialist in Sachen Arthouse-Unterhaltung ist und gut einzuschätzen weiß, was Jurys für auszeichnungswürdig halten.

Die Bären-Preisträger der 70. Berlinale

  • Goldener Bär für den Besten Film: „Sheytan vojud nadarad“ („Es gibt nichts Böses“) von Mohammad Rasoulof. Für den Besten Kurzfilm: „T“ von Keisha Rae Witherspoon.
  • Silberner Bären: Großer Preis der Jury: „Never Rarely Sometimes Always“ von Eliza Hittman. 70. Berlinale: „Effacer l’histoire“ („Delete History“) von Benoît Delépine & Gustave Kervern. Beste Regie: Hong Sangsoo für „Domangchin yeoja“ („The Woman Who Ran“).
  • Beste Darstellerin: Paula Beer in „Undine“ von Christian Petzold. Bester Darsteller: Elio Germano in „Volevo nascondermi“ („Hidden Away“) von Giorgio Diritti. Herausragende Künstlerische Leistung: Jürgen Jürges für die Kamera in „DAU. Natasha“ von Ilya Khrzhanovskiy & Jekaterina Oertel.
  • Beste Drehbuch: Fabio und Damiano D’Innocenzo für „Favolacce“ („Bad Tales“). Großer Preis der Jury (Kurzfilm): „Filipiñana“ von Rafael Manuel. geh
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Durchaus richtig entschieden haben die sechs Frauen und Männer - darunter die deutsche Produzentin Bettina Brokemeper, der italienische Schauspieler Luca Marinelli und die Filmemacherin Annemarie Jacir aus Palästina – rund um Präsident Jeremy Irons. Kein Film wurde mit zwei Trophäen bedacht, keine Fehlentscheidung ist dem Team vorzuwerfen. Prämiert mit dem Goldenen Bären wurde „Sheytan vojud nadarad“ („There Is no Evil“) von Mohammad Rasoulof. Zudem ein deutliches Polit-Statement, durfte der iranische Regisseur, Jahrgang 1972, eine der wichtigsten künstlerischen Stimmen seiner Heimat, doch nicht an die Spree reisen. Ein Unbequemer, ein Mahner – sein Stuhl bliebe bei der Weltpremiere am Freitagabend demonstrativ leer – wie einst Landsmann Jafar Panahi, den 2011 dasselbe Schicksal ereilt hatte, nachdem er vom Mullah-Regime zu sechsjähriger Haft verurteilt worden war.

Moral und Zivilcourage

Vier Episoden, insgesamt 150 Minuten lang, verdichtet er zu einer dialogreichen Meditation über Schuld und Sühne, Moral und Zivilcourage. Ein Gefängniswärter geht seinem Alltag in Teheran nach, ein Soldat hadert mit dem Tötungsbefehl, den er auszuführen hat, ein anderer trauert um einen befreundeten Dissidenten, der hingerichtet wurde, und eine Studentin aus Hamburg besucht ihren Onkel im Iran, wo sie mit einem Familiengeheimnis konfrontiert wird. Eine Variation zum Thema moralische Kraft und Todesstrafe. Wie verhält sich der Einzelne in einem totalitären System? Wie viel darf, muss man für den persönlichen Frieden opfern? Ein brisantes, allgemeingültiges und eindringliches Werk, dem man ein breites Publikum wünscht.

Ebenso wie „Domangchin yeoja“ („The Woman Who Ran“) von Hong Sangsoo, der mit dem Silbernen Bären für die Beste Regie bedacht wurde. Eine minimalistische Arbeit, geprägt durch lange ruhige Einstellungen, reduziert auf die Gespräche, bei denen im Prinzip das Ungesagte von Wichtigkeit ist. Worum geht es genau? Das muss man sich selbst erschließen – wie den Titel: Wer ist eigentlich die Frau, die rennt? Eine schwebende, rätselhafte Produktion, mal augenzwinkernd, dann wieder ernst und mit einer Katze, die für heftige Lacher sorgt.

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Eric Rohmer, Woody Allen und Anton Tschechow lassen beim 24. Film des renommierten, hierzulande weitgehend unbekannten Koreaners, der zum fünften Mal am Wettbewerb teilgenommen hat, grüßen. Aus deutscher Sicht erfreulich sind der Silberne Bär für eine Herausragende Künstlerische Leistung für den langjährigen Fassbinder-Weggefährten Jürgen Jürges, Kameramann beim umstrittenen, an den Nerven zerrenden Kammerspiel „DAU. Natasha“ sowie der für die Beste Darstellerin Paula Beer, Titelheldin von Christian Petzolds „Undine“.

Politisches Kino

Regisseurin Eliza Hittman wurde mit dem Großen Preis der Jury bedacht. Einen quasi gesetzten Silbernen Bären gab’s für den Italiener Emilio Germano als verhaltensgestörter Maler Antonio Ligabue in Giorgio Drittis „Hidden Away“, ein (fast) ebenso überzeugende Leistung lieferte er in „Bad Tales“ ab. Die Brüder Fabio und Damiano D’Innocenzo wurden für ihr im Speckgürtel von Rom angesiedeltes, bitterböses Sittenbild mit dem Silbernen Bären für des Beste Drehbuch belohnt. Ein realitätsnahes und sarkastisches Märchen über Frauen und Männer, deren Träume und Hoffnungen auf der Strecke geblieben sind.

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Der wegen der nationalsozialistischen Vergangenheit seines Namensgebers ausgesetzt Alfred-Bauer-Preis, wurde durch den Silberner Bär – 70 Berlinale kurzfristig substituiert. Entgegennehmen durften ihn Benoît Delépine und Gustave Kervern für die World-Wide-Web-Komödie „Effacer l’histoire“ („Delete history“), in der drei Abgehängte der Gesellschaft den Tech-Giganten den Kampf ansagen. Ein populäres Zugeständnis auf einer wieder einmal hoch politischen Berlinale.

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