Das Interview Cornelia Funke kritisiert Umgang mit Kindern während Corona-Pandemie

Von 
Agnes Polewka
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„Die Wilden Hühner“, die „Tintenwelt“-Trilogie, „Herr der Diebe“ - Cornelia Funke gilt als erfolgreichste deutsche Jugendbuchautorin. Ihr Bilderbuch „Die Brücke hinter den Sternen“ widmet sich der Frage: Was passiert mit uns, wenn wir sterben?

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Frau Funke, Sie leben in Kalifornien. Die USA zählen mehr als 450 000 Corona-Tote. Denken Sie deshalb häufiger über den Tod nach?

Cornelia Funke beschäftigt sich in ihrem neuen Kinder- und Jugendbuch mit dem schweren Thema Sterben. © Christophe Gateau/dpa

Cornelia Funke: Bei den meisten Menschen ist das gerade sicherlich der Fall. Ich kann das für mich aber nicht sagen. Dadurch, dass ich auf einer Farm lebe, ist der Tod jeden Tag auf irgendeine Art und Weise gegenwärtig. Wenn man in der Natur lebt, gehört das Sterben relativ selbstverständlich dazu. Oder um es mit einem berühmten Zitat zu sagen: „Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen“.

Ihr neuestes Buch „Die Brücke hinter den Sternen“ erzählt vom Übergang zwischen Leben und Tod. Wie schreibt man eine Geschichte über den Tod für Kinder?

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Funke: Ausgelöst wurde das Ganze dadurch, dass ich gebeten wurde, eine Geschichte für eine Anthologie für ein Kinderhospiz in Hamburg zu schreiben. Es gab keine Vorgaben, ich hätte auch etwas Unterhaltsames erzählen können. Mir war aber klar, dass ich etwas über den Tod schreiben musste. Ich wollte dabei aber keinen billigen Trost spenden und eine nette Geschichte über den Himmel schreiben. Ich wollte von meinen Vorstellungen erzählen - über das Leben und den Tod. Und wie alles zusammengehört.

Sie glauben also an ein Leben nach dem Tod?

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Funke: Ich habe schon als Kind keine Angst vor dem Tod gehabt. Ich bin mir sicher, dass wir alle viele Runden drehen. Ohne, dass ich einen Beweis dafür hätte oder begründen könnte, woher diese Sicherheit stammt. Wenn wir uns die Natur ansehen und wie dieser Planet funktioniert, dann ist das ein ewiger Kreislauf. Wir alle sind Teil von etwas Ganzem und verschwinden nicht einfach wieder. Davon gehen nicht nur Religionen oder spirituelle Glaubenssysteme aus. Auch die Wissenschaft sagt: Es geht kein Atom verloren.

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Was hat Sie zur Geschichte selbst inspiriert?

Funke: Natürlich jede Begegnung mit dem Tod, die ich selbst hatte. Etwa der Tod meines Mannes. Ich habe aber auch oft über meinen Besuch an der Sandy Hook nachgedacht, einige Monate nach der Schießerei an der Grundschule. (Anm. der Redaktion: Bei dem Amoklauf in Newton starben am 14. Dezember 2012 28 Menschen, darunter 20 Kinder). Ich habe dort vorgelesen. Vor den Kindern, die überlebt hatten, die ihre Geschwister verloren hatten, habe mich mit den Eltern getroffen, die ihre Kinder verloren hatten. Und ich glaube, ich habe nie in meinem Leben solchen Schmerz und solche Verzweiflung gesehen. Deswegen war es mir wichtig, in der Geschichte auch all die dunklen Dinge anzusprechen. Wie schwer es ist, wenn ein Kind stirbt.

Was hat die Geschichte beim Schreiben mit Ihnen gemacht?

Funke: Man schuldet es den Eltern und auch den Kindern, dass man mitfühlt. Und ich hoffe auch, dass die Geschichte den Schrecken und die Schwere, die die Kinder tragen müssen, zeigt. Trotzdem hat man als Erzähler natürlich auch die Distanz des Handwerkers. Das heißt, man wechselt hin und her, zwischen Distanz und Nähe zur Geschichte. Man darf sich nicht überwältigen lassen von einer der größten Ängste überhaupt, nämlich der Furcht, ein Kind zu verlieren. Aber man muss sich auch darauf einlassen, weil man sonst den Eltern und Kindern nicht gerecht wird, die sie lesen. Denn das Buch wird wahrscheinlich vor allem von Menschen gelesen, die diese Situation kennen oder einen bestimmten Grund haben, sich mit diesem Thema mit ihren Kindern auseinander zu setzen.

Sie haben die Geschichte mit großformatigen Ölbildern illustriert.

Funke: Ich dachte mir: Wenn ich schon über die Brücke gucke, in die andere Welt, dann sollten die Bilder in diesem besonderen Buch auch eine gewisse Tiefe haben. Nach meiner Erfahrung liefern Ölfarben diese Tiefe auf die wunderbarste und einfachste Art und Weise.

Sie sprechen mit den Bildern und natürlich auch mit der Geschichte ein ganz existentielles Thema an. Adressiert an eine sehr junge Zielgruppe. Werden die Themenkomplexe Tod und Trauer im Umgang mit Kindern zu oft tabuisiert?

Funke: Ja. Dabei wollen Kinder diese Auseinandersetzung. Kinder wollen nicht, dass das Monster im Schrank sitzt und klopft. Sie wollen das Monster viel lieber gemeinsam mit ihren Eltern angucken. Alles andere macht ja viel mehr Angst. Man sollte den Kindern vielmehr vermitteln, dass man schlimme Dinge und schwere Zeiten nur gemeinsam übersteht. Den Schmerz gemeinsam zu erleben und ihn dadurch bewältigbar zu machen - das ist das Einzige, was möglich ist.

Viele Kinder und Jugendliche durchleben gerade eine sehr schwere Zeit. Ihre Not findet in der öffentlichen Debatte aber meist nur am Rande einen Platz. Sie sind ein politischer Mensch, macht Sie das wütend?

Funke: Das ist seit Jahren ein akutes Thema. Kinder und Jugendliche kommen immer nur am Rande vor. Kinder werden zu kleinen Erwachsenen dressiert, anstatt zu sagen: Das ist unsere Zukunft und sollte das Kostbarste in unserem Leben sein. In der Schule werden sie mit viel zu vielen Dingen überfrachtet. Meist mit Wissen, das sie nicht ausreichend auf ihr Leben vorbereitet. Den Kindern wird durch Über-Organisation im Grunde ihre Kindheit genommen. Gleichzeitig findet ein Über-Beschützen statt. Durch Corona ist all das noch viel dramatischer geworden. Kinder haben eigentlich kaum eigene Zeit und eigenen Raum. Da muss sich fundamental viel ändern.

Wie?

Funke: Nach der Pandemie muss es ein Zurück nach draußen geben, nachdem wir solange eingesperrt waren. Und dann sollten sich Eltern wieder trauen können, ihre Kinder draußen alleine spielen zu lassen. Dafür müssen Räume geschaffen werden: Gärten, Parks, Touren in die Wildnis. Kinder müssen die Welt und das Leben erfahren können. Wir brauchen nicht noch mehr Dogmatismus. Wir müssen der Welt wieder erlauben, ein bisschen wilder zu werden, auch auf Kosten von Sicherheiten.

Was kann Literatur bis dahin tun - insbesondere für Kinder und Jugendliche?

Funke: Literatur, Bücher haben ja schon immer die Fähigkeit gehabt, Türen und Fenster zu öffnen. Und im Moment brauchen wir das ganz dringend. Alle Erzählformate, die Geschichten erzählen, sind positiv und aufregend. Sie machen den Kopf frei. Kreativität ist im Moment das einzig Hilfreiche. Alle meine Freunde, die kreativ mit der Welt und dem Leben umgehen, haben keine großen Probleme mit dieser Zeit. Wenn wir unseren Kindern diese Kreativität aber verwehrt haben, weil Kunst weggespart wird, weil Sport weggespart wird, weil alles weggespart wird, was keine Vermittlung von oft sehr totem Wissen beinhaltet, dann stehen wir jetzt da und wissen nicht, was wir machen sollen.

  • Cornelia Funke (62) ist die international erfolgreichste und bekannteste deutsche Kinder- und Jugendbuchautorin. Sie hat unter anderem die Reihe „Die wilden Hühner“ und „Drachenreiter“ geschrieben. Mit „Herr der Diebe“ gelang ihr 2002 der internationale Durchbruch. Die „Tintenwelt“-Triologie und der aktuellen Spiegelwelt-Serie um den Helden Jakob Reckless wurden internationale Bestseller.
  • Über 60 Bücher hat Cornelia Funke mittlerweile geschrieben und weltweit mehr als 31 Millionen Exemplare verkauft. Ihre Titel wurden in mehr als 50 Sprachen übersetzt. Viele ihrer Bücher wurden verfilmt.
  • Funke wurde im nordrhein-westfälischen Dorsten geboren, wohnte lange Zeit in Hamburg und lebt heute auf ihrer eigenen Avocadofarm in Malibu, Kalifornien. Die Autorin hat zwei erwachsene Kinder.
  • Ihr neuestes Buch „Die Brücke hinter den Sternen“ erzählt vom kleinen Engel Barnabel, der Menschen über die Brücke ins Jenseits begleiten und ihnen all die schweren Dinge abnehmen möchte. Cornelia Funke, Die Brücke hinter den Sternen, Dressler 2020, 32 Seiten. apg

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