Hintergrund - Die schwarze Lyrikerin Amanda Gorman hat bei der Inauguration für Aufsehen gesorgt Chance auch für Deutschland?

Von 
Elisa Diallo
Lesedauer: 

Die Amtseinführung von Joe Biden habe ich nicht angeschaut, zumindest nicht live – doch vom Auftritt der jungen schwarzen Lyrikerin Amanda Gorman habe ich an diesem Tag schnell erfahren: Auf allen Social-Media-Kanälen wurde Gorman noch während der Zeremonie gefeiert und aus ihrem Gedicht zitiert, von Michelle Obamas Twitter-Account bis zur Onlineseite der „FAZ“.

AdUnit urban-intext1

Und dann ging es los: Eifrige E-Mails, Telefonate, SMS, alle Verlage der Welt stürzten sich innerhalb weniger Stunden auf sie, alle wollten ihre Gedichte übersetzen und publizieren. In Deutschland wurde der Deal am Freitag für eine Summe abgeschlossen, als würde es sich um den Transfer eines Fußballers handeln. Erfreulich ist das natürlich schon: Ein solcher Wirbel um Lyrik, das sollte es öfter geben. Und dass eine schwarze Autorin als Hoffnungsträgerin für die friedliche Zukunft Amerikas, ja für die ganze Welt fungiert: Darüber freue ich mich, als schwarze Leserin, besonders.

Ein „aber“ sehe ich trotzdem: Wo bleibt der Enthusiasmus für die literarischen Stimmen von schwarzen Autorinnen und Autoren aus dem eigenen Land? In der eigenen Sprache? Die von ihrer Vision Deutschlands berichten? Ihre Erfahrungen mit Rassismus, hierzulande, und von ihrer Hoffnung für eine vielfältige, vereinte deutsche Gesellschaft?

Deutsche Verlage übersetzen gerne Stimmen der amerikanischen oder britischen Diversität, aber für deutsche Autorinnen und Autoren, die nicht weiß sind, bleiben Türen meist verschlossen. Hoffentlich öffnen sie sich jetzt breiter als einen Spalt. Auch nachdem sich der Wirbel um Amanda Gorman gelegt hat.

AdUnit urban-intext2

Die Schriftstellerin Elisa Diallo (Bild) wurde in Paris geboren und lebt in Mannheim. Die Deutsch-Französin arbeitet für den Verlag Schöffling & Co.