Buena Vista Trumpel Club

Von 
Stefan M. Dettlinger
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Kuba ist jetzt wieder auf der US-Terrorliste. Das teilte Mike Pompeos Außenministerium in Washington diese Woche mit. Endlich! Ich bin kein Terrorismusexperte. Aber von Kuba geht meines Erachtens vor allem die Gefahr aus, die Welt in einen gut gelaunten Buena Vista Social Club mit rumseligem Dunst und intransparenten Zigarrenschwaden zu verwandeln. Die fatale Folge wäre der Terrorismus des gewaltlosen Widerstands – für Aggressoren wie Donald Trump das Schlimmste. Dabei stehen doch die USA längst auf der Terrorliste des Weltrests (Welt minus Polen, Ungarn, Russland, Ägypten, Nordkorea, Brasilien oder die Türkei – Länder, mit deren Chefs der mächtigste Ballermann der Welt kuschelt).

Stefan Dettlinger © Rinderspacher
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Das mit Kuba, so geht es mir beim Einführen köstlicher Ropa vieja in den Mund durch den Kopf, musste sein so kurz vor Ende der Trump(el)zeit. Irgendetwas muss der „America first“ brüllende Voldemort der Weltpolitik ja hinterlassen. Ich hätte an seiner Stelle dasselbe getan und versucht, den 9,8 Millionen km2 großen Scherbenhaufen namens USA, den ich angerichtet habe, mit der 0,1 Millionen km2 großen Insel namens Kuba zu überdecken. Das ist ein Prozent Abdeckung! Na ja, Joe Biden wird wohl eher an Barack Obamas Annäherung anknüpfen und Kuba wieder von der Liste streichen. Allein deshalb ist die Aktion Schwachsinn.

Gerade laufen vor meinem inneren Auge all die Schrecklichkeiten amerikanischer Spielfilme vorüber. Quietschende Reifen. Fallende Chevrolets. Brechende Knochen. Aufgehängte Menschen. Spritzendes Blut. Verstümmelte Leiber. Quillende Innereien. Der transhumanistisch zusammengeschraubte Arnold Schwarzenegger alias Terminator. Das ist Entertainment at it’s best und eignet sich zum netten Abend mit Peanuts und Bloody Mary vor der Flimmerkiste. Das Land der unendlichen Möglichkeiten war seit seiner Eroberung immer auch ein Land der unbegrenzten Grausamkeiten – nicht erst seit dem Sturm der tumben Trump-Terroristen auf das Kapitol.

Was ist von so einer Kultur zu erwarten, in der das Hauptinteresse vieler darin zu bestehen scheint, die Welt durch Achsen in Gut und Böse zu teilen? Können die komplex denken und sehen, dass alles viel komplizierter ist?

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Mir scheint, der Kampf des alten weißen Mannes gegen den Verlust der Weltherrschaft hat begonnen. Der alte weiße Mann reagiert wie ein Kind, dem man sein Matchboxauto entreißt. Er schaltet das Hirn aus. Er schaltet den Zorn ein. Er schlägt zu. Wie die irren Deutschen, die ab 1933 unter anderem die per Versailler Vertrag abgetretenen Gebiete zurückholen wollten. Ist das alles noch aufzuhalten in einer Welt voller Flucht und Klimawandel, deren Demokratien kriseln, weil wir uns nicht daran gewöhnen wollen, dass die Weltwirtschaft nicht unendlich wachsen kann? Hm …

Das ist übrigens die letzte #mahlzeit, die ich unter Trump schreiben darf. Da Texte wie dieser auch immer vom Anstoß an etwas leben, hoffe ich, dass Biden nicht alles richtig macht. Obwohl: Auch das wäre ein Thema. Wer macht schon alles richtig …

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Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.