Das Interview - Einstürzende Neubauten Blixa Bargeld: „Im Moment sind die Pessimisten Realisten“

Von 
Jörg-Peter Klotz
Lesedauer: 
40 Jahre aktiv: Die Einstürzenden Neubauten um Frontmann Blixa Bargeld (Mitte). © Mote Sinabel

Das Video-Interview mit Blixa Bargeld klingt teilweise so verzerrt wie Stimmen auf Kraftwerk-Platten. Dafür spricht der Kopf der Experimental-Band Einstürzende Neubauten Klartext - von 72 Tagen selbstverordneter Quarantäne bis zum starken Jubiläumsalbum „Alles in Allem“.

Blixa Bargeld - inspiriert durch Dadaisten

  • Blixa Bargeld wurde am 12. Januar 1959 in West-Berlin als Christian Emmerich geboren.
  • Der Sänger, Musiker, Performance-Künstler, Komponist, Autor und Schauspieler gründete 1980 die Experimental-Band Einstürzende Neubauten und spielte von Beginn bis 2003 Gitarre bei Nick Cave And The Bad Seeds.
  • Der Künstlername erinnert an den Dada-Künstler Johannes Theodor Baargeld und eine Stiftmarke.
  • Zum 40. Jubiläum der Neubauten ist das Studioalbum „Alles in Allem“ erschienen. – in der Besetzung Bargeld (Gesang), N. U. Unruh, Rudolf Moser (beide Percussion), Alexander Hacke (Bass), Jochen Arbeit (Gitarre). 
AdUnit urban-intext1

Herr Bargeld, die Frage „Wie geht’s?“ muss man in der Corona-Pandemie mit ganz anderem Ernst stellen. Wie lautet Ihre Antwort?

Blixa Bargeld: Nun, ich bin seit 72 Tagen in Quarantäne.

Selbstverordnet?

AdUnit urban-intext2

Bargeld: Selbstverordnet, aber radikal: Ich habe das Haus seit 72 Tagen nicht verlassen.

Unvorbereitet trifft Sie die Situation ja nicht: Anfang der 1980er gab es im Neubauten-Lied „Krieg in den Städten“ Zeilen wie „Ich steh auf Viren / (…) Ich steh auf Zerfall / Ich steh auf Krankheit / Ich steh auf Niedergang / Ich steh auf Ende, auf Ende, auf Ende / Auf Schluß .“ Hört sich heute frappierend an, oder?

AdUnit urban-intext3

Bargeld: Mag sein. Viel besser ist aber auf der Platte „Kollaps“ das Lied „Draußen ist feindlich“. Der Text geht „Es wird hell / draußen ist feindlich / Schließ dich ein mit mir / hier sind wir sicher / ich liebe dich / vergiss es.“ Das ist doch wie die Faust aufs Auge, nicht „Krieg in den Städten“. Der fängt erst an, wenn die ganzen Verschwörungsfanatiker noch zahlreicher auf die Straße gehen.

AdUnit urban-intext4

Wirken solche Texte heute etwas gespenstisch auf Sie oder fühlen Sie sich bestätigt. Derlei Szenarien gehören seit 40 Jahren zum Funktionsprinzip Ihrer Band.

Bargeld: Sagen wir mal so: Ich bin nicht gerade als der große Optimist verschrien. Und im Moment sind die Pessimisten Realisten.

Der Titel Ihres neuen Albums „Alles in Allem“ klingt nach Bilanz, und gewaltigem Anspruch, aber musikalisch auch ganz anders: zugänglicher, aber ohne den Kunstanspruch aufzugeben. Strukturell hat es in meinen Ohren oft mehr von Kurt Weill als von experimentellem Avantgarde-Industrial.

Bargeld: Im allgemeinen Sprachgebrauch steht „Alles in Allem“ eher für summa summarum. Ich verwende die Formulierung auch eher holistisch: Alles ist in Allem. Aber die Möglichkeit von Missverständnissen war uns durchaus bewusst. Wir kamen von einem Arbeitstitel: „Welcome To Berlin“. So hieß auch ein Stück. Aber es hat nicht funktioniert und wurde gekippt. Damit hatte sich die Berlin-Referenz eigentlich erledigt. Aber es hatte da schon andere Teile der Platte infiziert, die jetzt „Wedding“ oder „Tempelhof“ heißen. Dabei ist das einzige Stück mit wirklich vorhandenem, wenn auch autobiografisch geprägtem Berlin-Bezug „Grazer Damm“.

Bestand durch das Thema Berlin nicht die Gefahr, in der Nostalgiewelle um 100 Jahre Roaring Twentie verwässert zu werden? Die hatte sich vor der Pandemie abgezeichnet und manche Ihrer neuen Songs kann man sich durchaus auf dem nächsten „Babylon Berlin“-Soundtrack vorstellen.

Bargeld: Das gibt ja nicht viel. Ich hatte schon im Januar die Befürchtung, dass wir das ganze Jahr über mit diesem Goldene-Zwanziger-, Charleston-, Kokain-Kram bombardiert werden. Wenn schon eine Referenz, dann an Döblins „Berlin Alexanderplatz“, nicht an das Charleston-Getanze.

Woraus resultiert der etwas zugänglichere Charakter der Platte?

Bargeld: Der Vorgänger „Lament“ war ja ein Bühnenwerk über den Ersten Weltkrieg. Um diese Performance zu finanzieren, mussten wir auch ein Album machen - immer mit Blick darauf, dass alles was wir aufnehmen, auch live spielbar sein musste. Diesen Ansatz haben wir jetzt fortgeführt. Das ergibt dann mehr Platz in den Liedern, sie sind nicht so überfrachtet. Früher war mehr der Drang da, alles aufzufüllen, so dass alle zehn Sekunden wieder etwas Neues passiert.

„Alles in Allem“ ist nicht nur musikalisch und textlich sehr aufwendig gestaltet. Es gibt doch eine spektakulär ausgestattete Edition mit einem Buch, das bis in kleinste Details den Entstehungsprozess dokumentiert. Wenn man so will, haben die Neubauten quasi Crowdfunding in der Musik erfunden und beziehen ihre Anhänger schon lange in den Entstehungsprozess der Alben mit ein. Dabei ist Musik doch selten demokratisch, oder?

Bargeld: Nö, ich glaube auch nicht, dass wir so tun, als wäre das so. Was oft missverstanden wird an unserer Arbeit mit den Unterstützern, ist, dass sie dazu da wären, Einfluss zu nehmen. Darum geht es nicht. Sie schenken uns die Aufmerksamkeit, die wir brauchen, um konzentriert zu arbeiten. In dem Moment, wenn um 17 Uhr ein Webcast angekündigt ist, sind wir um 17 Uhr auch alle fünf damit beschäftigt, etwas zu machen - und nicht, Kaffee zu trinken, Zeitung zu lesen oder den Sound der Bassdrum einzustellen. Das beschleunigt einen Prozess der Konzentration. Eigentlich erlaube ich unseren Unterstützern teilzunehmen, wie ich früher im Probenraum Kumpels erlaubt habe, sich hinten hinzusetzen. Ich spiele ihnen auch mal einen Rough Mix vor, den ich nicht veröffentliche und freue mich über Kommentare. Das hilft - ganz abgesehen davon, dass wir natürlich das Geld brauchen. Von dem, was ich heute von einer Plattenfirma für eine Albumproduktion kriegen würde, hätte ich früher das Cover gemacht.

Wie immer singen Sie ein paar sehr massive Zeilen ...

Bargeld: Jetzt bin ich gespannt, was kommt ...

Es gibt viele. Bei „Um Himmels Willen keinen Gott“ aus „Möbliertes Lied“ drängt sich die Frage auf: Was hilft Ihnen bei der Sinnstiftung, wenn es der Glaube an einen Gott offenbar nicht ist?

Bargeld (lacht): Das ist das erste Lied, das wir angefangen haben. Vom ersten Webcast bis zum Schluss im Forum kam immer wieder der Satz „Hoffentlich bleibt die Zeile drin.“ Bandintern gab es auch Kritik. Alexander Hacke fand das nicht so toll. Nicht alles, was ich schreibe, wird automatisch akzeptiert. „Möbliertes Lied“ ist ein wenig verschwistert mit „Haus der Lüge“ aus dem Jahr 2002. An dessen Ende erschießt sich Gott. Beide Lieder sind technisch gesehen philosophische Gebäude. Vor der Zeile „Um Himmels Willen keinen Gott“ kommt, nicht zu vergessen, „Offene Weite, nichts von heilig“. Das antwortet der Mönch Bodhidharma dem chinesischen Kaiser auf die Frage, was denn der Buddhismus wäre. Der schmeißt ihn dann raus.

Und Ihre Sinnstiftung, gerade jetzt, in Quarantäne?

Bargeld: Nun ja, wir lassen die Phase IV unserer Interaktion mit den Unterstützern weiterlaufen. Das bedeutet für mich, dass ich etwa in meinem Quarantäne-Videoblogs Texte präsentiere - oder indem ich freitags koche.

Das Lied „Am Landwehrkanal“ über Rosa Luxemburg…

Bargeld: Das Wort Luxemburg kommt überhaupt nicht vor in dem Text. Vielleicht geht es ja um Rosa von Praunheim?

Der Regisseur wurde aber nicht wie die Ikone des Marxismus ermordet am Landwehrkanal gefunden.

Bargeld: Ich kenne sogar noch zwei andere Rosas (lacht). Der Titel des Liedes war zuerst da. Jochen Arbeit erinnerte mich daran, dass sie dort die Leiche von Rosa Luxemburg entsorgt haben. Von daher kann es sein, dass der Geist der Geschichte da durchwandert.

„Wir hatten tausend Ideen, und alle waren gut“, heißt es darin. Fehlen heute strahlkräftige politische Figuren?

Bargeld: Ja, sicher. Der Künstler Hans Haacke hat bei mir um die Ecke am Rosa-Luxemburg-Platz 100 Zitate von ihr als Bronzen in den Boden eingelassen. Sehr schön. Wessen Zitate würden sich heute für so etwas eignen?

Das erste Lied „Ten Grand Goldie“ ist fast hitverdächtig, sogar tanzbar. Isoliert betrachtet, könnten die Anfangszeilen „Übervaterlandverräter und Mutterkornblumenblau / Hier kommen die Wüstentöchter und Schlangensöhne“ missverstanden werden - fast ähnlich flüchtlingsfeindlich wie ein ein Lied des Mannheimers Xavier Naidoo, das zu seinem Rauswurf bei RTL geführt hat.

Bargeld: Das kann ich nicht erkennen. Das Lied ist aus dem Kartensystem Dave entstanden, das nach der Stimme meines ersten Navigationssystems benannt ist und uns durch einen Katalog aus Karten mit archivierten Ideen führt. Außerdem haben wir Unterstützer gebeten, mit uns Worte zu teilen. 20, die dazu bereit waren, wurden per Zufallsgenerator ausgewählt und von mir angerufen - to harvest some words (um ein paar Worte zu ernten). „Kapit sa patalim“ hat mir zum Beispiel eine Philippina, die in Maryland lebt, gesagt. es bezeichnet den niedrigsten sozialen Status - nah am Boden. Auch der Titel kam so zu mir. Mit dem Material habe ich dann gespielt, es transformiert, kanalisiert, moduliert ... aber zu 60 Prozent liegt die Quelle in den Telefongesprächen. Ich weiß, wie schwer es ist, Nonsense zu schreiben. Das war ein Stück weit das Ziel. Aber während ich mit dem Material spielte, hatte ich das Gefühl, es schleicht sich immer mehr Sinn hinein. Am Ende kam es mir vor, als hätte ich ein surrealistisches politisches Lied geschrieben.

Stimmt. Wobei die Wüstentöchter in Kombination mit Schlangensöhnen womöglich Beifall von Rechts und Protest von Links ernten könnten. Offene, poetische Texte können es schwer haben in Zeiten lautstarker „sozialer Medien“, in denen viele auf totale Deutungshoheit beharren.

Bargeld: Ja? Weiß ich nicht. Die zitierte Familie kam von einer Supporterin. Irgendeine politische Ecke kann ich darin nicht erkennen. Die Zeile ist für mich völlig unverfänglich. Ich lasse jedem das Recht, meine Texte so zu verstehen, wie er will. Wenn mir da jemand etwas vorwerfen würde, was aus der falschen politischen Ecke kommt - und es gibt eine falsche politische Ecke! - dann würde ich mich wehren. Das Verrückte bei dem Lied ist aber das Zusammenspiel wissenschaftlicher Samples: Ich habe mir aus der Datenbank des ethnologischen Museums Musée de l’Homme in Paris ein Tuareg-Schlaflied aus dem Jahr 1947 gegriffen. Und aus dem Tierstimmenarchiv der Humboldt-Universität habe ich mir einen Vogel genommen, der heißt Flötenwürger.

Das Album schien mir die Stimmung von Anfang 2020 exzellent zu treffen, nun leben wir womöglich in einer anderen Welt. Was macht das mit Kunst, wenn die Realität auf den Kopf gestellt wird?

Bargeld: Viele Künstler und Musiker treffen deshalb ja die Entscheidung, jetzt nicht zu veröffentlichen und verschieben die Erscheintermine. Hauptsächlich aus ökonomischen Gesichtspunkten. Wir wissen ja alle: Die Plattenindustrie ist nicht mehr dieselbe wie 1990. Man kann nur an Touren und an Merchandise-Produkten Geld verdienen. Man setzt also ein Album in die Welt, um auf Tour gehen zu können. Das ist uns leider nicht vergönnt, aber ich wollte die Platte nicht verschieben. Ich will sie jetzt öffentlich haben.

Das Vorgängeralbum „Lament“ hat sich mit dem Ersten Weltkrieg beschäftigt. Dabei fallen zwangsläufig erschreckende Parallelen zur Jetztzeit ins Auge - bringt einen das nicht zur Verzweiflung, dass die Menschheit kaum klüger wird?

Bargeld: Ich hatte mir diese Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg nicht ausgesucht. Das war ja eine Auftragsarbeit, und es war nicht unbedingt ein Spaß. Mich damit jahrelang auseinanderzusetzen, ging mir schon ziemlich an die Substanz. Aber es ist eine schöne Performance geworden.

Mehr zum Thema

Interview mit Campino vor Open Air in Mannheim „Ich bin absoluter Europäer“

Veröffentlicht
Von
Jörg-Peter Klotz
Mehr erfahren

Der neue Film Musiker, Malocher, Querdenker

Veröffentlicht
Von
Gebhard Hölzl
Mehr erfahren

Ressortleitung Stv. Ressortleiter Kulturredaktion