Schnawwl - JNT bei Nachtkritik für Theatertreffen nominiert Blick auf chinesische Kolonie

Von 
Ralf-Carl Langhals
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„Nachtkritik“, ist nicht nur das, was Rezensenten nach Premieren in ihren Schreibstuben betreiben, sondern seit 2007 auch ein Theaterfeuilleton im Internet. Eine zehnköpfige Redaktion und rund 60 Autorinnen und Autoren berichten am Morgen nach der Premiere aus dem gesamten deutschsprachigen Raum von ausgewählten Premieren des Vorabends. Dazu gibt es Essays, Porträts und Kolumnen und – natürlich wie immer und überall im und um das Theater: viel Diskurs – des deutschen Dramaturgen Lieblingswort – um ästhetische und kulturpolitische Entwicklungen der Theaterszene.

Mannheimer Online-Produktion

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Im Rahmen dieser Bemühungen findet nun auch zum 14. Mal online das „Nachtkritik-Theatertreffen“ statt. Es ist die inoffizielle Alternative zum „richtigen“ Berliner Theatertreffen und fungiert als eine Art Stimmungsbarometer sowie als Fundgrube für herausragende Theaterproduktionen – auch und und besonders abseits der großen Theaterhochburgen Berlin, München, Hamburg oder Wien. Dabei werden von den Nachtkritikern 40 Produktionen aus dem deutschsprachigen Raum genannt, über die die Leser/User der Homepage dann per Abstimmung eine Top-Ten-Liste erstellen. Live zu schauende Bühnen-Produktionen dieses schwierigen Corona-Lockdown-Jahres sind dabei ebenso vertreten wie reine Netztheaterproduktionen und Mischformen aus analogem und digitalem Theater.

Entscheidung diese Woche

In die diesjährige Auswahl hat es auch eine Produktion des Jungen Nationaltheaters Mannheim (JNTM), also des guten alten Schanwwl geschafft. Und zwar: „Qingdao – a messy archive. Deutsche Kolonialvergangenheit in China“. Die Produktion von Mathias Becker, Chen-Ting Chen, Dora Cheng und Lisa Zehetner feierte am 2. Mai 2020 am Nationaltheater online Premiere. Die ostchinesische Hafenstadt und heutige Mannheimer Partnerstadt Qingdao war von 1898 bis zum Ersten Weltkrieg eine deutsche Kolonie – ein kaum bekanntes wie unbearbeitetes Kapitel deutscher Geschichte. Das Rechercheprojekt ist ein dreiteiliger Mix aus Zoom-Live-Talk (1. Akt), Stöbern in Papieren, handgefertigten Zeichnungen, Videos, alten Fotos und Karten, die im Zuge der Recherche zusammenkamen (2. Akt) sowie einer Live-Performance (3. Akt).

Das Stück spannt den Bogen von 1898 bis zum Sommer 2020 und dem „chinesischen“ Virus. Ob es die Mannheimer Produktion in die engere Auswahl der Zehn schafft, steht am Mittwoch, 3. Februar, fest. Wir drücken die Daumen.

Redaktion Ralf-Carl Langhals studierte Jura, Germanistik, Romanistik, Theater- und Musikwissenschaft in Mannheim, Berlin und Nizza. Er arbeitete als Regieassistent und Dramaturg an verschiedenen deutschen Theater und schrieb danach als freier Theaterkritiker für SWR, Die Welt, Frankfurter Rundschau, Theater der Zeit u.a. Seit 2006 ist er Kulturredakteur beim Mannheimer Morgen, zuständig für die Bereiche Schauspiel, Tanz und Performance.