Carstival - Matthias Brandt gibt mit Jens Thomas für den „Enjoy Jazz Summer“ noch einmal Alfred Hitchcocks „Psycho“ Bis zur allerletzten Bartstoppel

Von 
Hans-Günter Fischer
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„Psycho“ beim Carstival: Schauspieler Matthias Brandt (rechts) interpretierte das Filmwerk gemeinsam mit dem Pianisten und Sänger Jens Thomas. © Rinderspacher

Auch Anthony Perkins war ein Wiederholungstäter, spielte seine Psychopathen-Rolle des Motel-Besitzers Norman Bates gleich in vier Filmen. Selbstverständlich konnte keine der drei Fortsetzungen Alfred Hitchcocks Original das Wasser reichen, nicht bloß wegen dessen legendärer Duschszene mit Janet Leigh – sie war ein unvergänglich grausiger Moment der Filmgeschichte. Auch der Schauspieler Matthias Brandt kennt diese Szene bestens. Seit 2011 tourt er mit „Psycho“ durch die Lande, von seinem Klavierpartner Jens Thomas dabei mehr als nur begleitet.

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Kaltes Entsetzen auslösen

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Die Premiere fand damals bei Enjoy Jazz statt, jetzt will Brandt erneut kaltes Entsetzen auslösen: beim Enjoy Jazz Summer, in diesem Fall vom „Carstival“ veranstaltet, dem Autokino- und Kulturprogramm am Rand von Mannheim, auf den weiten Freiflächen am Maimarkt.

Die Fronleichnamsprozession der Fahrzeuge hält sich jedoch in Grenzen, 160 Autos mit rund 400 Besuchern werden uns gemeldet – lange nicht so viele wie bei Pop- und Comedy-Formaten. Aber bis zur Bühne sind es trotzdem 50 Meter, spielzeugklein nimmt sich Jens Thomas’ Flügel aus, winzig der Tisch, an dem Matthias Brandt Platz nimmt. Dahinter strahlt freilich ein Riesen-LED-Schirm, er taucht 300 Quadratmeter in hellstes Licht und liefert superscharfe Bilder. Darauf sieht man meistens Brandt in Großaufnahme, und man kommt ihm dadurch näher als bei jedem Fernseh- und Theaterauftritt. Jede Bartstoppel, jedes leicht angegraute Schläfenhaar und jede kleine Stirnfalte sind einzeln zu begutachten. Der Abend wird zur faszinierenden Gesichtsstudie.

Das ist auch in gewisser Weise eine Umkehrung von Brandts und Thomas’ Kunstkonzept – das einen Kinofilm zur Bühnenangelegenheit verwandeln, einen Bild- zum Klangraum machen will. Beim Carstival kehrt Hitchcocks Stoff zurück zur großen Leinwand. Spiegelt sich in Brandts grandiosem Mienenspiel. Man sieht, wie tief er in die Abgründe der Charaktere eintaucht, nicht allein in die des mörderischen Psychopathen Norman Bates mit seiner (Mutter-) Leiche, die er buchstäblich im Keller hat. Während man manchmal ziemlich angestrengt die Ohren spitzen muss, um auch akustisch sämtliche Nuancen aufzufangen, die Matthias Brandt zu bieten hat: sein irres, aber leises Lachen etwa oder auch sein Stottern, wenn er Frauen gegenübertritt. Für Schreie ist eher Jens Thomas zuständig, der ein fast wütend expressiver Pianist, aber auch ein enthemmter Stimm-Performer ist.

Höchste Maßstäbe

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Und was geschieht nun in der Duschszene, im Original von Bernard Herrmann, Hitchcocks Leib- und Magenkomponist, mit dissonanten Violin-Schreien im höchsten Klangregister ausgestattet? Thomas bietet ihnen mit entfesseltem Stakkato-Hämmern am Klavier Paroli. Das trägt dazu bei, dass nach der Aufführung das (Licht-) Hupenkonzert des Publikums Begeisterung verrät. Bewundern muss man allemal, wie Brandt und Thomas in der Parkplatz-Atmosphäre höchste künstlerische Maßstäbe zu wahren wissen.

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