Der neue Film - Hirokazu Koreeda vereint in „La vérité – Leben und lügen lassen“ Catherine Deneuve und Juliette Binoche auf der Leinwand Berührende Familiengeschichte

Von 
Gebhard Hölzl
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Szene aus „La vérité – Leben und lügen lassen“: Catherine Deneuve (links) als Fabienne und Juliette Binoche als ihre Tochter Lumir. © Prokino Filmverleih/dpa

Wohl Zufall wird es sein, dass der Eröffnungsfilm der letztjährigen Filmfestspiele von Venedig ausgerechnet wenige Tage nach Abschluss der 70. Berlinale in deutschen Kinos anläuft. Wer will, der kann vergleichen, zwischen „My Salinger Year“ und „La vérité – Leben und lügen lassen“.

Vielfach ausgezeichnet

  • Catherine Deneuve spielte die „Belle de Jour“, eine Halbtagsprostituierte, unter Luis Buñuel, Gangsterbraut war sie in „Wahl der Waffen“, oder Heiratsschwindlerin in „Das Geheimnis der falschen Braut“.
  • Vielfach wurde die 1943 in Paris geborene Schauspielerin ausgezeichnet. Sie gewann in Venedig eine Coppa Volpi als Juwelenspezialistin in „Place Vendôme“, wurde in Cannes 2008 für ihr Lebenswerk geehrt und war als Plantagenbesitzerin in „Indochine“ oscarnominiert.
  • Berühmtheit erlangte sie an der Seite ihrer Schwester Françoise Dorléac (1942-1967) in „Die Regenschirme von Cherbourg“, als Lieblingsregisseur nennt sie André Téchiné, mit dem sie „Diebe der Nacht“ und „Schauplatz des Verbrechens“ drehte. Ihren erfolgreichsten Auftritt der vergangenen Jahre absolvierte sie als Matriarchin in „8 Frauen“ von François Ozon.
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Philippe Falardeau interessiert sich für eine ambitionierte, US-amerikanische Schriftstellerin (Margaret Qualley), der in New York als Assistentin der Literaturagentin Margaret (Sigourney Weaver) die Aufgabe zufällt, die Fanpost von Kultromancier J.D. Salinger zu beantworten.

Hirokazu Koreeda stellt dagegen eine gefeierte französische Filmdiva (Catherine Deneuve), die gerade ihre Memoiren veröffentlicht, ins Zentrum seiner Tragikomödie. Als hingebungsvolle, liebevolle Mutter zeichnet sie sich in ihrem Buch. Was ihre Tochter Lumir (Juliette Binoche) völlig anders sieht. Sie erinnert sich an eine egozentrische, kalte Frau, die sich stets im Licht der Scheinwerfer sonnte und wenig um die Familie kümmerte.

Zwei Frauenporträts, zwei wortreiche, unaufgeregte Arthouse-Arbeiten, eher auf ein intellektuelles Publikum zugeschnitten. In Sachen Unterhaltung ist die kanadisch-irische Coming-of-Age-Story gefälliger, in punkto Starfaktor geht der japanische Regisseur definitiv als Sieger vom Feld, in Sachen Inszenierung erweist er sich als einfühlsamer, präziser und gewitzter. Was gewiss mit der Ausstrahlung und Präsenz von Deneuve zu tun hat, die sich mit Binoche – die Beiden teilen sich erstmals die Leinwand – ein elegant geführtes Darstellerduell auf Augenhöhe liefert.

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Aus den USA kehrt die gescheiterte Drehbuchautorin mit Ehemann Hank (Ethan Hawke) und Tochter Charlotte (Clémentine Grenier) nach Paris zurück. In die noble Villa Fabiennes, wo sie die Neuankömmlinge frostig begrüßt. Gleich wird klar: Dieses Stelldichein wird zumindest turbulent. Während Charlotte das weitläufige Anwesen und den märchenhaften Garten mit einer alten Schildkröte erkundet, versucht Lumir Fabienne mit deren verdrehten Wahrheiten und Auslassungen zu konfrontieren. Warum erwähnt sie in ihrer Autobiographie Sarah nicht – ihre Freundin und Rivalin, die vor 40 Jahren unter nie vollständig geklärten Umständen starb? Genauso wenig wie ihren langjährigen persönlichen Assistenten Luc (Alain Libolt), der ihr darüber bitter enttäuscht den Rücken gekehrt hat...

Paraderolle für Deneuve

An einem Ensemblefilm, ein bekannt diffiziles Genre, hat sich Koreeda in seiner ersten internationalen Produktion versucht – des Französischen nicht mächtig, unterstützt von Dolmetschern und Ethan Hawke, der den Filmemacher in seinem Ansinnen nachhaltig bestärkte: „Wenn man einen Film dreht, ist es nicht wichtig, die gleiche Sprache zu sprechen, sondern die gleiche Vorstellung von dem Film, den man drehen möchte, zu haben.“ Gleichermaßen ein ernstes wie auch unbeschwertes Werk hatte er im Auge: „Einen Film, in dem das Drama und die Komödie parallel verlaufen, wie im wirklichen Leben auch“. Dabei hat er die Balance exakt gefunden, gut harmonierende Akteure ausgesucht und die Geschehnisse aus dem Blickwinkel des amüsierten Kindes aufgerollt.

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Um „La vérité“, zu Deutsch: „Die Wahrheit“, geht es. Diese entpuppt sich natürlich als subjektiv, jeder hat einen anderen Blick auf sie. Vor allem Fabienne gestaltet sie, wie es ihr gefällt – ganz launische Leinwandgöttin. Sie (er)strahlt im begehrlichen Blick der Männer, manipuliert sie, nutzt sie aus. Sieht sich selbst als formwandelndes Geschöpf. Die Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verwischen. Sie spielt, ewig rauchend. Variiert, improvisiert. Mit und ohne Kamera. Sie ist eine leere Hülle, die sie nach Bedarf füllt, eine Kunstfigur, die ihr Gegenüber als Projektionsfläche missbraucht. Ob nun den Journalisten, der sie interviewt, ihren Liebhaber, der für sie kocht, oder den trockenen Alkoholiker Hank, den sie ohne Mühe wieder zum Trinken verführt.

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Ein Monster, das einem dennoch langsam ans Herz wächst, Mitleid weckt. Vor lauter Außenwirkung hat Fabienne ihr Inneres vergessen, ihre Seele verloren. Eine Paraderolle für „La Deneuve“, die sich mühelos wie ein Chamäleon verwandelt – und ihre zurückhaltend agierende, geerdete Filmtochter Binoche zur Verzweiflung bringt.

Intensives Schauspielerkino mit feinem Humor erzählt, eine berührende Mutter-Tochter-Geschichte über große und kleine Lebenslügen, eingebettet in sorgfältig exekutiertem Handwerk.

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