Hintergrund - Mannheimer Leibniz-Institut für Deutsche Sprache veröffentlicht ein „Handbuch der Sprachminderheiten in Deutschland“ Beitrag zur kulturellen Vielfalt

Von 
Thomas Groß
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An einigen Schulen in Sachsen und Brandenburg, hier in Cottbus, steht „Sorbisch“ noch auf dem Lehrplan. Gut 20 000 Menschen in Ostdeutschland sprechen die Sprache. © P. Pleul/dpa

Mannheim. Was die menschliche Sprache betrifft, herrscht (noch) große Vielfalt: Rund 6000 Sprachen existieren weltweit, darunter viele kleine, die teils nur noch von wenigen Dutzend Menschen gesprochen werden. Zumal in größeren, durch Migration geprägten Staaten werden viele Sprachen gesprochen. Ihre Zahl geht für Deutschland in die Hunderte, sagt Albrecht Plewnia vom Mannheimer Leibniz-Institut für Deutsche Sprache (IDS). Doch die Situation der jeweiligen Minderheitensprachen ist laut dem Sprachwissenschaftler nicht gut dokumentiert.

Grundlagenwerk aus Mannheim

Der Sprachwissenschaftler Albrecht Plewnia (geboren 1970) leitet am Mannheimer IDS den Programmbereich „Sprache im öffentlichen Raum“.

Das „Handbuch der Sprachminderheiten in Deutschland“ ist im Tübinger Narr Verlag erschienen (474 Seiten, 108 Euro).

Es ist der vierte und letzte Band einer Reihe, die sich anfangs mit den deutschen Sprachminderheiten in anderen Ländern beschäftigt hatte.

Das 1964 in Mannheim gegründete Leibniz-Institut für Deutsche Sprache mit Hauptsitz im Quadrat R 5 ist die zentrale wissenschaftliche Einrichtung zur Dokumentation und Erforschung der deutschen Sprache in Gegenwart und neuerer Geschichte. tog

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Für einige davon möchte dies das von Plewnia und seiner IDS-Kollegin Rahel Beyer in Zusammenarbeit mit dem Bremer Institut für niederdeutsche Sprache erarbeitete „Handbuch der Sprachminderheiten in Deutschland“ ändern. In zehn Überblicksartikeln werden Angaben über Sprecherzahlen, über die Geschichte der jeweiligen Gruppe in Deutschland, über ihre Sprachkompetenzen und Einstellungen zu dieser Sprache sowie ihre rechtliche und politische Lage versammelt.

In erster Linie geht es dabei um sogenannte autochthone Minderheiten, das sind solche, die schon sehr lange hierzulande beheimatet sind, wie die Sorben, die Friesen, die dänischsprachige Minderheit in Nordschleswig sowie die Romanes sprechenden Sinti und Roma. In dieser Kategorie miterfasst sind zudem die platt- oder niederdeutsch Sprechenden, welche mit etwa 2,5 Millionen die mit Abstand größte Gruppe bilden – wohingegen die friesisch Sprechenden nur knapp 8000 sind. Das Niederdeutsche wird dabei als regional begrenzte eigene Sprache bewertet; es ist keine Mundart, sondern hat eine vom Hochdeutschen abweichende Grammatik.

Mehrsprachige Gesellschaft

„Sprache hat einen gruppenbildenden Charakter“, sagt Albrecht Plewnia, der am IDS den „Programmbereich „Sprache im öffentlichen Raum“ leitet, im Gespräch mit dieser Redaktion. Deutschland sei eine mehrsprachige Gesellschaft, in der Deutsch natürlich die Leitsprache sei. Dass anders zu sprechen etwa eine Separation und mangelnde Integrationsfähigkeit bedingen würde, sieht er nicht. Mehrsprachigkeit und Staatsloyalität seien durchaus kein Widerspruch. Tatsächlich werden einige der autochthonen Minderheiten in ihrer sprachlich-kulturellen Eigenart vom Staat gefördert, gemäß der Europäischen Charta der Regional- und Minderheitensprachen aus dem Jahr 1992.

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Dänische Schulen werden vom deutschen und dänischen Staat gemeinsam finanziert; der Bundesbeauftragte für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten vergibt einzelne Projektfördermittel.

Für die allermeisten Minderheitensprachen gilt dies freilich nicht. Das Handbuch des IDS behandelt neben den genannten Gruppen noch zugewanderte (allochthone), darunter die knapp 2,9 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit türkischen Wurzeln. Allerdings sprechen sie nicht alle türkisch in ihrer Gruppe, sondern etwa auch kurdisch – und gut die Hälfte davon hat auch nicht (oder nicht nur) die deutsche Staatsbürgerschaft.

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Erwähnung finden zudem die Polnisch- und Russischstämmigen. Die etwa 2,1 Millionen Polnischstämmigen sind überwiegend Arbeitsmigranten; von den circa 3,5 Millionen Russischstämmigen sind zwei Drittel Spätaussiedler sowie deren Nachkommen, sie haben also letztlich deutsche Wurzeln. Alle diese Gruppen sind über das Land verteilt und erfahren für ihre verbale Besonderheit ebenso wenig kulturelle Unterstützung wie sprachliche Minderheiten aus den Mittelmeerländen. Letztere werden auch deswegen nicht im Handbuch behandelt, weil für sie laut Plewnia keine gute Datengrundlage verfügbar ist. Und Rumänen oder Bulgaren legten eine Behandlung deshalb nicht nahe, weil sie oft kurzfristig, etwa als Saisonarbeiter, hier weilten und untereinander keine Gemeinschaften bildeten, sagt Plewnia.

Politische Relevanz

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Für viele wohl überraschend behandelt ein Aufsatz des Handbuchs die Gebärdensprache. Sie sei durchaus eine eigene Sprache, mit eigenem Regelsystem, kein „Fingeralphabet“, sagt Plewnia. Und sie sei anders geartet als etwa Blindenschrift. Es gebe darunter verschiedene Schulen. Praktiziert werde Gebärdensprache von weniger als 80 000 Menschen, von Gehörlosen sowie Gebärdendolmetschern.

Auch das ist ein Aspekt sprachlicher Vielfalt in Deutschland – und ein Ausdruck kulturellen Reichtums. Zu diesem tragen alle Sprachen bei, mögen sie nun ein höheres oder niedrigeres soziales Prestige besitzen. Sprachliche Einfalt schätzt zumal die Linguistik nicht. Und zuweilen unterstreicht sie es auch mit einem Grundlagenwerk von kulturpolitischer Relevanz.

Redaktion Kulturredakteur, zuständig für Literatur, Kunst und Film.