Klassik - Mit dem 4. Akademiekonzert geht das Nationaltheaterorchester einen neuen Weg und lässt sich gestreamte Solowerke bezahlen Auf Tuchfühlung mit der einsamen Harfenistin

Von
Stefan M. Dettlinger
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Bei der Arbeit an Hindemith: Eva Wombacher im Akademiekonzert. © dms

Es bleibt hier ein Wermutstropfen. Denn bei allem, was an dieser Konzertproduktion zu loben ist – von der Tatsache, dass überhaupt wieder Lebenszeichen der Musikalischen Akademie am Nationaltheater Mannheim kommen, bis hin zur Absicht, der Inflation von Musik durch kostenloses Streaming entgegenzuwirken, indem man Eintritt verlangt zum Ereignis, in dem hoch bezahlte Instrumentalisten spielen – also bei allem, was hieran gut ist und zu loben, bleibt dieses Aber: Warum hat man für die Produktion nicht die Kooperation mit dem Schauspiel gesucht?

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Das „Einsam“-Konzept mit Solostücken und sechs Gedichten ruft doch danach – zumal im Entwicklungsprozess zum Fünfintendantenmodell genau dies auch immer wieder betont wurde: Mehr Kooperationen zwischen den Sparten, hieß es. In dieser Hinsicht tut sich leider – wenig. Gesagt werden soll hier nicht, dass Albrecht Puhlmann das nicht gut macht mit dem Lesen der Gedichte. Im Gegenteil: Das ist schön und gut und sympathisch, wie er Bachmann, Rilke, Mörike oder Gustafsson liest. Aber mit den reifen Leistungen der Top-Solisten kann er natürlich nicht konkurrieren. Das ist etwas schade, weil die zweimal drei eingestreuten Gedichte etwas haltlos zwischen den Musikstücken hängen und dadurch zu wenig Gewicht bekommen.

Hindemith überrascht

Doch der Übergang von der „Stille der Welt vor Bach“, die Lars Gustafsson mit einem Werk-Dropping so einsam und eisig beschreibt, zur Es-Dur-Suite für Cello ist dann doch eine gute Erfahrung. Fritjof von Gagern geht den ersten Satz (Prélude) im Nonlegato eher tänzerisch und wenig singend an. Er artikuliert die acht Achtel wie viele in einer Drei-plus-drei-plus-zwei-Logik. Dadurch wirkt das noch tänzerischer, noch lebendiger und bekommt – wie auch die Bourrée II – große polyphone Tiefe.

Intime Einblicke erhält der Zuhörer durch die Kamera. Eva Wombachers großartige Interpretation von Hindemiths Harfensonate (1939) etwa zeigt nicht nur eine unter dem Strich überraschende Nähe Hindemiths zur Idiomatik des Impressionismus auf. Man fühlt sich auch der Frau an der Harfe nah, was mitunter zu intimen musikalischen Augenblicken führt, bei denen wir über die Komplexität so sehr staunen wie über die Ausdrucksmöglichkeiten.

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Das ist freilich auch bei Patrick Koch der Fall. Er lässt in Messiaens Klarinettensolo „Abgrund der Vögel“ die fast morbide Einsamkeit hochkultiviert und schroff auf hysterisches Gezwitscher prallen. Eindrucksvoll – wie auch Oboistin Daniela Tessmann, die mit den Sechs Metamorphosen einmal mehr zeigt, was für ein Titan des 20. Jahrhunderts Benjamin Britten ist. Besonders beeindruckend: der klar strukturierte und dialogisch zwischen Betrunkenheit und Weisheit irisierende „Bacchus“. Auch die drei Sätze aus der Cellosuite D-Dur von Bach auf der Bratsche gelingen Julien Heichelbech bestens.

Schluckt man den Wermutstropfen (siehe oben), tut sich hier ein zukunftsträchtiges Konzept auf, bei dem künftig hoffentlich noch mehr der rund 100 stillgelegten Musiker zum Einsatz kommen.

Ressortleitung Stefan M. Dettlinger leitet das Kulturressort des „Mannheimer Morgen“ seit 2006. Er schreibt dort in erster Linie über Musiktheater und Klassik, aber auch über andere kulturelle Thematiken. Im Zentrum seines Interesses stehen vor allem auch die politische und kulturpolitische Berichterstattung. Davor, seit 2000, war Dettlinger Musikredakteur in der Kulturredaktion des „Südkurier“ in Konstanz. Dettlinger ist von Haus aus Musiker. Er studierte an der Humboldt-Universität zu Berlin am musikwissenschaftlichen Institut bei Hermann Danuser und Wolfgang Auhagen sowie dank eines Jahresstipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris bei Michel Béroff Klavier. Den Beginn des Studiums absolvierte er mit dem Musiklehrer-Diplom an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er Klavier, Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition in den Hauptfächern sowie Gesang im Nebenfach studierte. Dettlinger stammt aus Stuttgart, wo er Abitur machte und die ersten 27 Jahre seines Lebens verbrachte. Im Herbst 2016 veröffentlichte er im Wellhöfer-Verlag seinen ersten Roman "Linds letzte Laune", der in der Medienwelt spielt.