Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio) Architekt Le Corbusier als Vorbild

Von 
Jagoda Marinic
Lesedauer: 
Jagoda Marinic. © imago stock&people

Liebes Corona-Tagebuch,

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AUDIO: Corona-Tagebuch: Architekt Le Corbusier als Vorbild

liebe Leserinnen und Leser,

der Architekt Le Corbusier ging, als die Spanischen Grippe ausbrach, seinen eigenen Weg und zog sich mit Cognanc und Zigaretten in seine Pariser Wohnung zurück. Zigaretten und Alkohol, so empfahl man damals, seien gut gegen die Grippe.

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Überhaupt waren Medizin und Virologie damals oft ratlos, trump’sche Ratschläge wie Quecksilberinjektionen wurden als Gegenmittel empfohlen. Ich bin ziemlich dankbar, hundert Jahre später so eine Pandemie zu erleben. Die Wuttiraden, die sich plötzlich über die Wissenschaft ergießen, erschließen sich mir nicht. Laschet wettert gegen Merkel und die Virologen, von denen er sich seine Politik nicht diktieren lassen wolle. Drosten wird verhöhnt als Merkelflüsterer und erhält Morddrohungen.

Mit der Lockerung der Maßnahmen lockert sich das Mundwerk vieler. Drosten sah das kommen: Es wird keinen Ruhm geben für die Prävention. Nachdem Deutschland bislang glimpflich durch die Corona-Krise kam, wird so getan, als ob die Reaktion auf das Virus übertrieben waren. Könnte es nicht auch sein, dass es ein Ergebnis dieser Maßnahmen ist? Schäuble musste es mal sagen: Er will nicht alles „dem Schutz von Leben“ opfern. Nach wenigen Wochen also reden einige schon darüber, ob der Lebensschutz absoluten Vorrang haben darf. Boris Palmer darf hier nicht fehlen. Er möchte sich ja keine Empörungswelle entgehen lassen. Er muss die Debatte auf den brutalen Satz reduzieren, demnach wir Menschen retten, die in einem halben Jahr sowieso tot wären. Weiten wir diesen Sozialdarwinismus künftig auch auf Krebspatienten und andere Kranke aus?

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Als würden Virologen weltweit ständig den Alarmzustand ausrufen! Es das erste Mal. Vor hundert Jahren schlossen viele Länder Schulen, Theater und Gotteshäuser, um Menschenleben zu retten. Die Medizin und Forschung war nur ein Bruchteil so fähig und kenntnisreich wie die heutige. Wann hat diese Wissenschaftsfeindlichkeit und Unzivilisiertheit Einzug gehalten? Doch nicht in den wenigen Wochen Shutdown? Wenn jetzt Politik gegen statt mit der Wissenschaft arbeiten soll, wenn nicht Leben retten Handlungsmaxime ist, sollten wir Bürger es Le Corbusier nachtun und uns in Schutz bringen. Alkohol und Zigaretten helfen sicher gegen den Frust. Bleiben Sie gesund!

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Jagoda Marinic

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Freie Autorin Jagoda Marinic ist Schriftstellerin und Publizistin, lebt in Heidelberg und schreibt an dieser Stelle täglich außer samstags dieses Corona-Tagebuch bis auf weiteres. Sie schreibt die Corona-Kolumne ehrenamtlich, weil sie in der Krise einen Beitrag leisten will.

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