60 Zeilen für eine Zelle

Von 
Georg Spindler
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Hin und wieder sieht man sie noch verloren in der Gegend stehen: Telefonzellen. Oder besser gesagt: Telefonsäulen. Denn die kargen Stelen bieten im Gegensatz zu ihren Vorgängermodellen ja keinerlei Schutz mehr vor den Unbilden des Wetters. Gab es im Jahr 1997 noch rund 167 000 Fernsprechkabinen, so liegt ihre Zahl jetzt bei knapp mehr als 15 000. Für Menschen unter 20 dürften diese anmuten wie Dinge von einem anderen Stern. Was sie irgendwie ja auch sind. Schließlich kann sich kaum noch jemand vorstellen, wie wichtig sie mal waren, als es noch keine Mobiltelefone gab.

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Generationen von Jugendlichen (aber natürlich nicht nur sie) zog es hin zu den damals dottergelben Münzfernsprechern. Boten sie doch die einzige Möglichkeit, mit der oder dem Liebsten ungestört zu telefonieren. Doch meistens dauerte es nicht lange, bis ungebetene Interessenten auftauchten und mitunter lautstark oder gar mit Tritten gegen die Tür um Einlass baten. Und je später in der Nacht man das hellbeleuchtete Häuschen heimsuchte, desto mulmiger wurde einem zumute angesichts des zwielichtigen Völkchens, dass sich um diese Zeit in den Innenstädten herumtrieb.

Nein, für Leute mit Platzangst, waren die Zellen kein angenehmer Aufenthaltsort. Eher für Scherzbolde, die den Hörer schon mal mit Schnellkleber präparierten. Sehr viel lustiger waren da die Weltrekordversuche, bei denen man versuchte, möglichst viele Menschen in so eine Kabine zu quetschen. Der Rekord liegt bei 18 Personen, aufgestellt 2017 in Steinfurt in Westfalen. Solchen Herausforderungen müssen sich die Handywischer von heute nicht mehr stellen. Und eine alte Weisheit, die einst als Aufschrift an vielen Zellen prangte, hat auch keine Bedeutung mehr: „Fasse dich kurz!“ Die gilt nur noch für Journalisten, die für eine Glosse genau 60 Zeilen Platz haben. Und keine mehr. Georg Spindler

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