Langeweile ade

Von 
Helena Lohse (13)
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Die Sonne schien wohlig warm an diesem Frühlingstag. Joshua und Nadja spielten gerade Federball, als es passierte. Dabei hatte der Tag so normal begonnen… Ein wolkenloser Himmel, harmlos zwitschernde Vögel und die ersten blühenden Pflanzen machten nicht gerade den Eindruck, dass etwas Komisches passieren könnte… Doch das tat es. Nadja, Joshuas große Schwester, schlug gerade den Federball auf, als ein kunterbunter Schmetterling an ihr vorbei flatterte. „Schau mal!“, rief Joshua und rannte dem Falter aufgeregt hinterher. „So einen habe ich noch nie gesehen!“, meinte Nadja, ließ den Schläger fallen und verfolgte gemeinsam mit ihrem Bruder den Schmetterling durch den Garten ihrer Eltern. Der Schmetterling flatterte bis zu der großen Wiese, die hinter ihrem Haus lag. Eigentlich durften sie dort nicht hin, ihre Eltern glaubten, sie könnten sich verletzen oder dreckig machen. Doch schon oft hatten sie sich weggeschlichen! Ja, ihre Eltern waren nicht die entspanntesten…

Joshua sprang ohne zu zögern über den Zaun und sauste dem Schmetterling hinterher. Auch Nadja hatte die Neugierde gepackt und sie schwang sich auf die Wiese. Das Gras wuchs teilweise kniehoch und überall wuchsen süßlich duftende Blumen wie kleine Farbtupfer und hier und da brummte eine Biene.

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Der bunte Falter führte sie bis an das Ende der Wiese. Hier waren die Geschwister noch nie gewesen! Das Gras wurde höher, immer weniger Blumen wuchsen, dafür aber mehr Unkraut. Dann machte der Schmetterling eine unerwartete Kurve und plötzlich standen Joshua und Nadja atemlos vor einem uralten Baum mit dickem Stamm. Durch die Bäume, die vor ihm standen, war er den Geschwistern noch nie aufgefallen. Beeindruckt standen sie davor und hätten fast den Schmetterling vergessen, der es ihnen so angetan hatte. Fast. „Wo ist er hin?“, fragte Joshua verwirrt und lief um den dicken Stamm herum. „Wow!“, rief er dann und Nadja kam schnell zu ihm geeilt. „Was ist da?“, fragte sie aufgeregt und trat neben Joshua. An der Hinterseite des Baumes schien sich ein Hohlraum zu befinden. Die Geschwister traten ein und entdeckten eine Art Vorhang aus Zweigen, ähnlich wie bei einer Trauerweide. „Dort!“, flüsterte Joshua und deutete auf den bunten Schmetterling, der auf einem der Äste saß. Dabei lehnte er sich zu weit nach vorne und fiel durch den Vorhang. Nadja hörte ihn noch erdrückt schreien. „Joshua?“, rief sie ängstlich. Dann nahm sie all ihren Mut zusammen und trat durch den Blättervorhang. Oder eigentlich trat sie nirgendwo hin. Da war nämlich nichts. Nadja fiel einfach ins Leere. Sie schrie und strampelte, während der Boden immer näherkam. Aber wo kam der Boden her? Gerade war sie doch noch in einem hohlen Baumstamm gewesen! Aber jetzt hatte sie erstmal andere Sorgen. Wie ein Stein fiel sie nach unten, kniff die Augen zu und machte sich auf einen Aufprall bereit, als sie etwas Weiches im Gesicht fühlte. Sie flog auch nicht mehr. Langsam öffnete sie die Augen. „Du musst nicht mehr schreien, Nadja!“, meinte Joshua. Er saß neben ihr auf einem… Verwirrt sah Nadja sich um. Sie saßen auf dem Schmetterling, den sie zuvor verfolgt hatten. Nur dass dessen Flügel inzwischen so groß waren wie Trampoline und sein Körper genug Platz für fünf Personen bot. „Ich muss wohl träumen!“, murmelte Nadja. „Na hoffentlich nicht!“, krähte ihr Bruder und breitete die Arme aus. „Wuhu!“

„Festhalten, wir landen!“, sagte da eine tiefe Stimme und der Schmetterling setzte tatsächlich zur Landung an! Sanft landeten sie auf saftgrünem Gras. Kaum waren die Kinder abgestiegen, erhob sich der kunterbunte Falter und flog davon. „Der Schmetterling ist ein Mann?“, fragte Joshua verirrt. Nadja seufzte und sah dem riesigen Schmetterling hinterher. „Es gibt viele komische Männer, weißt du?“, erklärte sie. Josua musste darüber erstmal nachdenken und Nadja hatte Zeit, sich umzusehen. Blumen, so groß wie sie selbst, wuchsen soweit das Auge reichte und sie sah sogar gelb- blau gestreifte Bienen herumfliegen. „Das ist…“, begann Nadja, fand aber kein passendes Wort für diese verrückte Landschaft. „Einfach fantastisch!“, jauchzte Joshua und begann, eine Blume hinaufzuklettern. „Na, na, so übermütig?“, fragte da eine helle Stimme. Nadja fuhr herum und sah eine Frau. Sie hatte dunkelblaue Haut und lange, dünne und spitze Ohren. Ihre zierliche Gestalt wurde unterstützt von feenartigen Flügeln, die wie aus Eis zu sein schienen. Was Nadja am meisten verwirrte: Die Elfe hatte nichts an. Eine Schicht blauer Schuppen schien ihre Haut zu verdecken. Mit froschähnlichen Augen und einem breiten Lächeln im Gesicht kam die Elfe auf die Geschwister zu geflattert. „Herzlich willkommen!“, rief sie mit weit ausgebreiteten Armen, „Mein Name ist Flora und ich freue mich, euch kennenzulernen!“ Mit großen Augen sahen Nadja und Joshua die Elfe an. „Ähm… Wo sind wir hier?“, fragte Nadja misstrauisch, während Joshua von der Blume herunterkletterte. „Nun, wir befinden uns hier in einem ganz besonderen Land.“, erklärte Flora, die Elfe, während Joshua sie ganz fasziniert musterte und Nadja misstrauisch die Arme vor der Brust verschränkte. „Hierher zu kommen ist nicht gerade einfach, wir schicken unseren Boten immer nur dann, wenn die Schnüffler absolute Normalität und Langeweile riechen. Und hier seid ihr!“

Verwirrt schauten die Geschwister die Elfe an. „Bote? Schnüffler?“, fragte Joshua. „Oh, entschuldigt, das passiert mir immer wieder!“, zwitscherte die Elfe im Plauderton, „Kommt mit, ich zeige euch alles, während ich es euch erkläre.“ Flora nahm die Kinder an der Hand und begann zu erzählen: „In diesem Land empfangen wir Kinder, die in ihrem Alltag einfach nichts Lustiges erleben! Also senden wir Schnüffler- sie sind winzig, man bemerkt sie nicht- in eure Welt. Sie können Lageweile riechen und geben sofort Rudi Bescheid, der die Kinder dann zum nächstgelegenen Portal führt.“ „Ist Rudi etwa…“, überlegte Joshua laut, „Ja, Rudi ist der Schmetterling! Wieso wundern sich so viele darüber?“, antwortete Flora, „Ah, wir sind da!“ Sie standen vor einem Dorf. Die Häuser hatten eine rundliche Form und schienen aus Holz zu bestehen. Und sie wuchsen aus Ranken… Die Häuschen schwebten fünf bis zehn Meter an monströsen Blumenstängeln. Nadja erinnerte das an die Bohnenranken aus einem Märchen, das sie Joshua vor kurzem vorgelesen hatte. In den Häuschen schienen weitere Elfen zu leben. „Das Haus dort oben ist meins!“, zwitscherte Flora und führte die Kinder durch das Dorf. Freundlich lächelnde Elfen flogen an ihnen vorbei. „Dann lasst uns mal loslegen!“, meinte Flora.

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Ein paar Minuten später drückte die Elfe den Kindern Haltegriffe in die Hand. Sie waren jeweils an einer riesigen Biene angeschnallt, die ungefähr die Größe eines Fuchses hatte. „Los geht’s!“, rief Flora und flatterte los. Nadja und Joshua hielten sich fest und als die Bienen losbrummten, schwebten sie immer höher. Dann erreichten sie ein Feld, auf dem Zuckerwatte statt Gras und Bäume mit Marshmallows als Stamm und Gummibärchen als Baumkrone wuchsen (wegen Joshua mussten sie dort anhalten) und dann hopsten sie auf einem See von Seerosenblatt zu Seerosenblatt, jagten auf einer Wiese Vögeln mit komisch geformten Schnäbeln hinterher und kletterten einen riesengroßen Baum hinauf, der ganz viele Äste bot, an denen man sich super hochziehen konnte. In der Baumkrone machten sie Pause. „Und, wie findet ihr es?“, fragte Flora. „Es ist wunderschön hier!“, riefen die Kinder. Ein warmes Gefühl erfüllte ihre Brust und sie waren einfach nur glücklich. „Das macht mich glücklich, wirklich!“, meinte Flora, „Aber man soll bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist…“              

„WAS?“, rief Joshua und sah Flora mit weitaufgerissenen Augen an, „Wir müssen schon gehen?“

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„Können wir nicht noch bleiben?“, fragte Nadja, „Ich will noch eine Runde mit den Bienen fliegen! Und in den Märchenwald, von den du erzählt hast!“

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Flora schüttelte den Kopf. „Das geht nicht.“, erklärte Flora, „Aber…“

„Aber?“, horchten die Kinder auf.

„Ihr könnt jederzeit wiederkommen! Wann immer es euch zu langweilig wird, denkt ihr einfach an dieses Land und an alles, was ihr hier erlebt habt. Und dann wird Rudi bei euch vorbeischauen und euch wieder mitnehmen. Ist das ein Angebot?“

„Ja!“, rief Joshua und fiel der Elfe überglücklich um den Hals. Auch Nadja freute sich und umarmte ihre neue Freundin. „Wir sehen uns bald wieder!“, meinte Flora und dann spürten sie einen Luftzug neben sich. Neben ihnen flatterte Rudi und dröhnte: „Hallo! Einsteigen, bitte.“ Die drei neuen Freunde umarmten sich nochmal, dann krabbelten die Kinder auf Rudis Rücken und winkten Flora zum Abschied.

Als die Kinder wieder im Hohlraum des Baumes standen und Rudi- in normaler Größe- ihnen zum Abschied winkte, lächelten sich Nadja und Joshua glücklich an. „Ich glaube“, meinte Nadja, „Wir werden Flora bald wiedersehen.“ „Na hoffentlich!“, rief Joshua und gemeinsam dachten sie sich neue, verrückte Sehenswürdigkeiten aus, die sie besuchen wollten und liefen über die große Wiese zurück nach Hause.

  • "Erzähl mir was" - Kinder-Edition