In der Fundkiste

Von 
Sandra Schnapper
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Fluffi war traurig. Eigentlich war er sogar mehr als nur traurig, er war verzweifelt. Seit Freitag war er mutterseelenallein in der Fundkiste der Schule eingesperrt. Er vermisste Leonie, seine Menschenfreundin. Er vermisste, wie sie ihn abends mit den anderen Kuscheltieren auf dem Bett hinlegte, er vermisste seine Kuscheldecke, er vermisste sein Zuhause. Es war aber auch wirklich blöd gelaufen. Freitag war der letzte Schultag vor den großen Ferien gewesen und Leonie hatte ihn, wie immer, in die Schule mitgenommen. Doch Fluffi hatte ein bisschen zu viel im Ranzen rumgeturnt, war hochgeklettert und immer höher, bis er schließlich runterfiel und auf den Boden plumpste - unbemerkt von Leonie. Dann kam Kimba, der Schulhund, stupste ihn mit seiner feuchten Hundeschnauze an (das kitzelte!) und trug ihn schließlich schwanzwedelnd weg. Als sein Frauchen, Frau Wermel, Kimba rief, ließ er Fluffi in der hintersten Ecke der Schule liegen. Deshalb fand Leonie ihn auch nicht, als sie bemerkte, dass er nicht mehr da war und ihn zu suchen begann. Und als der Hausmeister, Herr Grimmel, ihn schließlich beim Rundgang durch die leere Schule fand, da waren schon längst keine Kinder mehr im Gebäude. Herr Grimmel stopfte ihn in die Fundkiste zu alten Jacken, gammeligen Socken und anderen vergessenen Dingen.

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Fluffi überlegte. Für einen Bären war er ganz schön klein. Klein, aber schlau! Und so beschloss er, nicht einfach traurig zu sein und zu warten, bis jemand ihm half. Nein, er würde sich selbst helfen! Aber erstmal brauchte er einen Plan. Er überlegte. Und erstellte im Kopf eine Liste:

1.    Er musste sich von dem pinkfarbenen Schal befreien, der sich um seine Bärenpfoten gewickelt hatte. Pink stand ihm überhaupt nicht! Er war eher der Typ für ein kräftiges Rot. Aber die Farbe war weniger sein Problem – schlimmer war, dass er sich kaum bewegen konnte.

2.    Er musste raus aus der Kiste.

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3.    Er musste raus der Schule.

4.    Er musste den Weg nach Hause finden.

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Der fünfte und letzte Punkt seiner Liste war: Sich gaaaaaaanz lange von Leonie knuddeln lassen.

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Der Kampf gegen den Schal war mühsam. Mit den Armen kam er nicht ran und um die Beine hatte sich das Ding so verschlungen, dass er sich immer mehr darin verhedderte, je mehr er strampelte.

„Kann ich dir irgendwie helfen?“ piepste es da plötzlich neben ihm. Vor Schreck fiel er von dem Jackenstapel, auf dem er saß. „Wa-wa-wa-waaaas?“ stammelte er. „Wo? Wer? Wie? Hä?“ - „Na hiiiiiiiier“ piepste es. „Guck mal oben“! Tatsächlich. Da schaute ein kleiner Mäusekopf durch den Spalt am Deckel der Fundkiste. „Ich bin Fritzi und du?“ „Äh … ich heiße Fluffi. Und ich bin hier gefangen.“ „Was heißt denn „gefangen“? Geh doch einfach raus, es hält dich doch niemand fest, oder?“ „Nein, nicht jemand. Aber etwas hält mich fest. Guck mal, meine Pfoten.“

„Waaaaaahhhhhh! Eine Schlange!“ schrie Fritzi und rannte schnell wie der Blitz davon. „He, komm zurück!“, rief Fluffi. Hast du schon mal eine pinkfarbene Schlange mit lila Sternen gesehen? Das ist ein Schal, du Mäusehirn! „Hä?“ tönte es von weit weg. „Komm zurück, es ist ein Schaaaaaaaal“! schrie Fluffi. Die Maus, aus sicherer Entfernung: „Das ist doch kein Schaf! Ich weiß, wie Schafe aussehen. So nicht!“ Fluffi wurde langsam sauer. „Ein SCHAL! S – C – H – A – L! Nicht „määääh“!“

„He, buchstabieren hab‘ ich nie gelernt. Ich wohne zwar in der Schule, aber ich geh nicht in die Schule! Also … ich meine ich gehe nicht in den Unterricht.“ Die Maus tauchte wieder am Rand der Fundkiste auf. „Ach so, ein Schal. Sag das doch gleich!“ piepste sie. Fluffi stöhnte. „Kannst du mir jetzt helfen?“ „Ja klar! Ich knabber dich frei.“ Gesagt, geknabbert. Bald hatte der Schal ein paar schicke Löcher und Fluffi freie Pfoten. „Danke, Fritzi“, brummte er.

Dann konnte er jetzt ja den zweiten Punkt seines Planes umsetzen. Er baute sich aus Jacken und Mäppchen einen wackeligen Turm, so dass er bis an den Rand der Fundkiste reichte, und krabbelte heraus. Fritzi sah ihm dabei mit großen Mäuseaugen zu. „Und was machst du jetzt?“, fragte sie. „Naja ich geh raus und … aua!“. Fluffi war einfach auf die Tür zugegangen und wollte rausgehen – dabei hatte er vergessen, dass die Tür natürlich während der Sommerferien zugeschlossen war. Jetzt hatte er sich den Bärenschädel angehauen. Au, das tat weh.

„Du musst warten, bis Herr Grimmel aufschließt!“ piepste Fritzi. Genau in dem Moment – als hätte er seinen Namen gehört – sahen die beiden durch die Glastür den Hausmeister über den Schulhof gehen und auf die Tür zukommen. „Schnell, verstecken!“, schrie die Maus. Sie drückten sich ganz an den Rand der Tür. Ein pfeifender Herr Grimmel schloss die Tür auf. Sie öffnete sich und Fluffi machte sich startbereit. „Eins … zwei … und los!“. Gerade als Herr Grimmel durch die Tür ging, sprintete Fluffi los. Dabei trat er dem Hausmeister auf den Fuß. Der schrie erschrocken auf, als er einen Kuscheltierbären an sich vorbeisausen sah. „Ich nehme Schokolade als Dankeschön!“ schrie Fritzi ihm hinterher.

Uff. Nummer zwei seines Planes hatte er auch geschafft. Nun musste er nur noch nach Hause kommen. Den Weg kannte er – er war ihn schon oft mit Leonie gegangen. Nun musste er aber auf die Hundehaufen Acht geben, die da am Boden lagen. Er machte einen Hundehaufen-Hürdenlauf daraus.

„Kraaaaaah“, tönte es von oben. „Hä?“, machte Fluffi und guckte hoch. Eine große Krähe kam auf ihn zugeflattert. „Was macht denn ein kleiner Kuschelbär so alleine hier auf dem Gehweg?“, krächzte sie. „Ich bin auf dem Weg nach Hause und mache einen Hundehaufen-Hürdenlauf dabei“, antwortete Fluffi. „Kann ich dir vielleicht helfen?“, fragte die Krähe. „Ja schon … gerne. Kannst du mich mit deinen Krallen packen und mich in den Wiesenweg 4 bringen?“, fragte der Bär. „Kraaaahhh … ja!“, antwortete der schwarze Vogel und packte ihn vorsichtig mit seinen Krallen. „Aber mach mir nicht auf den Kopf, ja!?“, bat der Kuschelbär. „He, wofür hältst du mich?“, antwortete die Krähe. „Da sind wir schon!“, sagte sie nach wenigen Minuten. „Wo darf ich den Herrn Brummbär abladen?“ „Äh … bitte vor die Haustür.“, erwiderte Fluffi. „Bitte sehr, alles aussteigen, der Flug endet hier …“ sagte die Krähe und ließ Fluffi vorsichtig an der Fußmatte ab. „Ich hätte gerne Nüsse als Dankeschön“, krächzte sie noch, dann flog sie davon.

Fluffi überlegte gerade, wie er es schaffen sollte, mit seinen Stoffbeinen an die Haustür zu klopfen, als diese sich öffnete und Leonie vor ihm stand. „Fluffi!“, schrie sie, nahm ihn hoch und drückte ihn überglücklich an sich. „Ich hab‘ dich überall gesucht, wo warst du denn?“ „Och … das ist eine lange Geschichte. Aber jetzt bin ich ja wieder da. Am schönsten ist es doch zu Hause. Bei denen, die man lieb hat. Ach ja, übrigens, ich brauche Schokolade und Nüsse für meine neuen Freunde. Und jetzt kommt Nummer fünf dran: KNUDDELN…!“

 

  • "Erzähl mir was" - Kinder-Edition