Hoffnung ist alles

Von 
Maike Fritz
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Es war Sonntag. Meine Mutter und ich waren in die Stadt gefahren. Es wurde bereits dunkel, als wir nach Hause fuhren. Die Sonne war schon untergegangen, als wir auf den Feldweg abbogen, und ich betrachte die orange-rosa Lichter am Himmel, als plötzlich ein lauter Knall ertönte.

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Ich sah gerade noch den Autoreifen wegrollen. Dann passierte alles blitzschnell. Das Auto schwankte, es fuhr in den Graben und überschlug sich. Ein schrecklicher Schmerz breitete sich in meinem Bein aus und alles wurde dunkel... Das war alles, an was ich mich erinnerte, als ich im Krankenhaus wieder aufwachte. Mein Bein war in einen weiß-grauen Verband gehüllt. Es tat höllisch weh! In einem anderen Bett, neben meinem, lag, eine mir vertraute Person.

Als ich sie erblickte beruhigte ich mich. Doch dann kamen die Ärzte. Sie stellten sehr viele Fragen. ,,Wie ist es geschehen?“, oder ,,Tut es sonst noch wo anders weh?“, und ,, Brauchst du etwas?“, und solche Sachen. Langsam begriff ich es.Wir hatten einen Autounfall. ,,Wo ist Mama? Hoffentlich geht es ihr gut...“, mir schwirrten tausend Fragen durch den Kopf. Jetzt erkannte ich die Person im Bett neben mir, es war Mama! Sie schlief Tag und Nacht sehr tief. Die Ärzte meinten sie läge „im Koma“ Ich war mehrere Tage hier.

In die Schule durfte ich nicht. Ich hatte zwar nur ein gebrochenes Bein, aber die Ärzte wollten, dass ich von einer Privatlehrerin lernte. Zu Besuch kam nur unsere alte Nachbarin Frau Wollwitz. Ich hoffte sehr, dass Papa, der sich von Mama getrennt hatte, als ich noch sehr klein war, kommen würde um mich abzuholen. Doch er kam nicht. Frau Wollwitz meinte zu meinem Bedauern, dass ich bei ihr wohnen würde, solange Mama schlief. Ich mochte Frau Wollwitz zwar, aber sie war so... mütterlich. Genau. Sie verhielt sich als wäre sie meine Mutter. Oder, was zu ihrem Alter besser passen würde, wie meine Oma. Sie war nämlich schon sehr alt.

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Als ich entlassen wurde, zog ich also zu ihr. Eine Krankenschwester hatte mir gesagt, dass Leute, die im Koma liegen, alles hören, was wir sagen. Also besuchte ich Mama jeden Tag. Ich erzählte Mama alles, was in der Schule mit meinen Freunden und mit der alten Frau Wollwitz passiert war. Ich habe sie auch geschüttelt, damit sie aufwacht, aber es half nichts. Ich hoffte sehr, dass Mama wieder aufwachen würde. So sehr, dass ich jeden Tag bei ihr war. Ich würde wohl, wenn Mama nicht bald aufwachte, komplett verzweifeln, da mich die jetzige Lage nicht sehr aufmunterte. Frau Wollwitz fand das nicht so toll, (also dass ich immer bei Mama war, das andere sagte ich ihr natürlich nicht, ich glaubte sie gab sich echt Mühe mit mir) denn meine Noten wurden dadurch immer schlechter. Bald stand ich auch ohne Freunde da. Aber ich hoffte, nein, ich wußte, dass Mama wieder aufwachen würde. An diesem Tag sagte Frau Wollwitz streng: „Konzentriere dich mehr auf deine Noten. Und iß Brokkoli, dann wirst du stark.“ „Ich hasse Brokkoli!“, sagte ich immer, aber es half nichts. Also lernte ich und aß Brokkoli.

So langsam hatte ich das Gefühl, Frau Wollwitz glaubte nicht mehr, dass Mama aufwachen würde. Und ehrlich gesagt, ich habe die Hoffnung auch schon aufgegeben. Marc, ein kleiner Blondschopf, der eine Klasse unter mir war, nervte mich immer mit dummen Fragen: „Glaubst du immer noch, dass deine Mutter am Leben ist?“ „Sie ist nicht tot!“, sagte ich, aber ich glaubte es selbst nicht mehr. So vergingen Tage, Wochen, Monate und Mama schlief immer noch. Ich hoffte schon lange nicht mehr, dass sie aufwachen würde, sie war tot. Langsam begriff ich, dass ich alles umsonst gemacht hatte. Hätte ich doch nicht so dumm gehofft! Mit der Zeit gewöhnte ich mich selbst daran, dass ich bei Frau Wollwitz wohnen musste. Mein Gedanke war dabei nur:,,Ich kann doch sowieso nirgends anders hin. Sonst könnte ich nur zu Papa, doch der kam ja nicht!“ Ich war sehr wütend auf ihn.

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Heute war der Blondschopf wieder da und ich erklärte ihm: „Hoffnung ist sinnlos! Wir verschwenden unsere Zeit auf unrealistische Hoffnungen! Ich hoffe nicht mehr, ich verliere nicht mehr!“ Und damit ging ich weg. Nun konzentrierte ich mich auf Schule und Freunde. Ich lief runter. Ich wunderte mich, wer denn so spät noch klingelte. Es war schon halb neuen. Ich öffnete die Tür... Ich glaubte meinen Augen kaum. Vor der Tür stand mein Vater. Ich hatte Papa seit dem Unfall nicht mehr gesehen. Ich sprang ihm in die Arme: „Papa!“, rief ich. Vor lauter Überraschung und Freude über das Wiedersehen, vergaß ich meine Wut auf Papa komplett.

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„Wir müssen schnell ins Krankenhaus“, sagte er mit seiner tiefen Stimme. Ich fragte gar nicht warum. Wir fuhren ins Krankenhaus. Eine Ärztin im weißen Kittel erwartete uns und führte uns auf ein Zimmer. Ich erkannte mein altes Krankenzimmer. „Vielleicht habe ich hier etwas vergessen?“, dachte ich mürrisch. Doch meine schlechte Laune verflog sofort, als ich sah, wer am Bett stand. Mama kam zu uns und drückte uns beide so fest, wie sie es vor der Trennung immer getan hatte. Auf dem Weg nach Hause erzählte sie uns, dass sie seit zwei Tagen wach war, aber noch nicht gehen durfte. Wir aßen alle bei Frau Wollwitz. Ich habe ein Gespräch belauscht. Mama und Papa heiraten wieder. Papa zieht zu uns. Alles wird toll! Und jetzt bin ich schlauer: zu hoffen ist etwas tolles! Ich hoffe, dass alles gut wird und es wird auch alles gut. Hoffen ist alles!