Die Pest und ich

Von 
Theresa Amoateng (10)
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Mein Name ist Laurenz, Laurenz Roland. Ich bin 20 Jahre alt und wohne in Auerbach. Ich bin einer der wenigen Leute, die heute (1367) noch von der Pest erzählen können. Also es war vor 20 Jahren am 15.01.1347, kurz bevor die Pest ausgebrochen ist. Ich war ein sehr schlaues Kind, und wenn man mir etwas gezeigt und den Namen dazu gesagt hat, wusste ich, wie es hieß (ich konnte es aber trotzdem noch nicht aussprechen). Jeden Abend setzte sich meine Mutter mit mir vor den Kamin und erzählte mir, was sie heute so gemacht hatte. Dann kam mein Vater und erzählte mir, was er heute gemacht hatte. Am Schluss kam noch Oma und erzählte mir, was sie heute gemacht hat. Dabei schlief ich dann immer ein.

Einmal erzählte Papa mir, dass eine neue Krankheit ausgebrochen ist, die Pest heißt. Ich bekam ein Bisschen Angst, weil der Name sich so gruselig angehört hat und fing an etwas zu weinen. Da beruhigte Papa mich und meinte, dass die Pest so schnell schon nicht zu uns kommen würde. Das glaubte ich auch.

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Aber drei Wochen später kam mein Vater ins Haus hereingestürzt und rief laut: „Es hat sich jemand im Dorf mit der Pest angesteckt! Wir müssen jetzt sehr aufpassen, denn wir wissen nicht, an wem oder was er sich angesteckt hat! Und auch Tiere können die Überträger sein! “ Vor Schreck hielten alle den Atem an. Da bekam ich wirklich große Angst, denn von Papa wusste ich, dass der Heiler des Königs, Merlin, nicht wusste, was man gegen die Pest tun konnte. Und das war wirklich schlimm, denn er hatte schon gegen sehr viele Krankheiten ein kleines Heilmittel gefunden.

Aber es bemerkte mich keiner, denn alle waren zu sehr da darin vertieft, Angst zu haben und Pläne zu schmieden, wie sie aus Europa rauskommen könnten. Nur Oma bemerkte mich, nahm mich auf den Arm, setzte sich mit mir vor den Kamin und sagte immer wieder leise und beruhigend: „Alles wird gut, alles wird gut! “, wodurch ich immer schläfriger und schläfriger wurde und schließlich einschlief. Ich habe wohl ziemlich lang geschlafen, denn als ich aufwachte gab es schon Mittagessen (also war das schon der nächste Tag!).

Die nächsten Tage vergingen noch etwas mehr unter Druck gesetzt: Der Mann, der im Dorf als erstes die Pest hatte, war gestorben, dafür hatten sich aber zwei weitere Leute neu angesteckt. Inzwischen konnte ich schon fast richtig reden und mit Hilfe der Wand auch laufen.

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„Mama“, fragte ich, „kann es sein, dass wenn du, Papa, oder Oma die Pest kriegt, ihr dann auch sterbt? “ „Ja, mein Schatz, aber wir werden sie schon nicht kriegen!“, antwortete Mama mir. Das glaubte ich ihr auch! Aber das war ein Fehler, denn dann ist man umso trauriger, wenn sie es dann kriegen.

Es kümmerte sich ab dem Tag, an dem es drei neue Tote und zehn neue Infizierte gab, fast keiner mehr um mich. Keiner außer Oma, die mich um alles in der Welt liebte und keinen mehr liebhatte als mich (sagte sie zumindest immer). Sie machte für mich Frühstück, Mittagessen, Abendessen, beruhigte mich, wenn ich weinte und legte sich so lange mit mir ins Bett, bis ich eingeschlafen war. Tage und Nächte vergingen.

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An einem Tag starb ein Freund von Papa, an einem anderen eine Freundin von Mama. Darüber waren sie sehr traurig, und Mama weinte auch ein Bisschen.

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 Was mir Angst machte, war nicht nur die Tatsache, dass Mama, Papa, Oma und vielleicht sogar ich sterben könnten, sondern die, dass wir im Dorf ungefähr nur 90 Leute plus die Königsfamilie leben und schon fast 35 Leute gestorben sind.

Dann, ganz plötzlich, wurde keiner mehr krank. Die Leute dachten, „juhu, die Pest ist vorbei“ und feierten mehrere Feste, doch dann kam es: Die Leute steckten sich blitzartig an. Nach einer Woche waren es 40 Leute. Das war aber nur der Vorgeschmack darauf, was dann passieren sollte. In einer Woche waren es auf einmal 60 Leute, also nur noch 30 Leute, die noch nicht angesteckt waren.

Ich hatte ziemlich große Angst, dass wir alle sterben werden, und dann passierte es: Mama kam ganz verweint nach Hause. Da fragte ich sie: „Mama, was ist denn passiert?“ Da antwortete sie: „Oma hat sich mit der Pest angesteckt!“

Das war der schlimmste Moment meines Lebens, denn noch keiner in unserem Dorf hatte die Pest überlebt. Ein Schauer lief mir kalt über den Rücken und erst stand ich nur erschrocken da, aber dann fing ich auch an zu weinen. Meine ganze Familie, sogar Papa, weinte.

Nachdem wir uns alle wieder beruhigt hatten, sagte Papa: „Es hilft wohl wirklich nichts mehr. Wir müssen Europa verlassen.“ Mama und ich waren damit einverstanden, denn was hatten wir noch zu verlieren. Also packten wir unsere Sachen und fragten noch beim König um Erlaubnis, das Dorf zu verlassen. Der willigte sofort ein (ich glaube, er war sogar etwas erleichtert, denn umso weniger Leute im Dorf leben, umso geringer ist die Möglichkeit, krank zu werden).

Also warteten wir am Straßenrand auf eine Kutsche und stiegen dann ein. Das war eine lange Fahrt! Manchmal hielten wir an, um in einem Gasthaus etwas zu essen und zu trinken. Auch am Abend schliefen wir dort oder auch manchmal in der Kutsche, um Geld zu sparen.

Nach ein paar Monaten waren wir endlich in Russland angekommen (es war übrigens schon Winter) und suchten uns ein Haus, wo wir die nächsten Monate verbringen könnten. Als wir eines gefunden hatten, legten wir uns erst einmal hin. Wir lebten uns langsam ein und schrieben jeden zweiten Tag einen Brief an Oma.

Dann hatte ich Geburtstag und wurde zwei Jahre alt. Da klopfte es auf einmal an der Tür. Mama machte auf und stieß einen Schrei aus. Papa und ich rannten schnell zu Mama hin. Und wer war da? Niemand anderes als Oma!

„Oma,“ schrie ich, „wie bist Du hierhergekommen?“ – „Komm, setz Dich erstmal,“ meinte Papa. Oma setzte sich hin und nahm mich auf den Schoß. Dann fing sie an zu erzählen.

„Also ich habe ja jeden zweiten Tag Eure Briefe bekommen und nur durch die Liebe, die ihr mir dadurch geschenkt habt, bin ich wieder gesund geworden. Also packte ich auch meine Sachen und kam hierher.“

„Aber, Oma, wie viele Leute sind jetzt tot?“ fragte ich sie. „Ach, das ganze Dorf ist auch weggegangen.“ – „Also können wir sogar wieder nach Hause,“ entgegnete Papa. Aber das wollte ich nicht, denn gerade hatte ich mich hier so gut eingelebt, dass ich erstmal nicht mehr zurückwollte. Das sagte ich auch, und Mama, Papa und Oma waren damit einverstanden.

So lebten wir glücklich und zufrieden die nächsten 13 Jahre. Dann fragte ich Mama und Papa, ob wir nicht doch zurück nach Deutschland könnten (inzwischen war ich schon 15 Jahre alt). Da meinten sie: „Ja, das hatten wir schon besprochen, wussten aber noch nicht, wie wir es dir beibringen können.“ – „Super,“ rief ich erfreut und umarmte die Beiden.

Aber dann, als wir schon unsere Sachen gepackt hatten, fiel Oma auf einmal um. Wir brachten sie schnell zu einem Heiler, aber es half nichts mehr. Oma war tot.

Da waren wir alle sehr traurig und weinten. Erst nachdem wir Oma begraben hatten, ging es los zurück nach Deutschland.

Als wir angekommen waren, meldeten wir uns erstmal wieder beim König an und gingen nach Hause. Inzwischen waren alle, die wir kannten, woanders hingezogen oder sogar von der Pest gestorben. Sonst hatte sich eigentlich nichts verändert, denn was konnten die Leute während der Zeit der Pest ändern? Sie mussten ja auf sich aufpassen.

Langsam kam wieder Freude in das Leben und auch in das Dorf, denn neue Leute zogen in das Dorf. Jeden Tag dachte ich an Oma, was sie immer für mich getan und wie sehr sie mich geliebt hatte.

Nach ein paar Tagen rief der König mich und die anderen jungen Leute ab 15 Jahren zu sich in die Burg. Das war eine große Ehre für uns alle, denn normalerweise werden wir nicht einfach so zum König gerufen. Keiner außer dem Sohn des Königs, der 16 ist.

Wir zehn Jungen stellten uns alle nebeneinander auf und verbeugten uns. Dann fing der König mit seiner Ansprache an. „Liebe Untertanen, ich habe Euch hierher gerufen, weil Ihr jetzt alt genug seid, um die Prüfungen zum Ritter zu machen. Dafür werdet Ihr drei Prüfungen unterzogen. Wer danach noch lebt, wird zum Ritter geschlagen.“

Alle sogen deutlich hörbar die Luft ein und schauten sich an. Danach ging alles ziemlich schnell. Wir sollten nach Hause gehen und unseren Eltern und Geschwistern (wenn wir welche hatten) Tschüss sagen und dann in den Wald gehen, um uns von jemandem die Aufgabe sagen zu lassen, die wir machen sollten.

Wir sollten eine Woche lang in dem Wald überleben und uns Waffen basteln, Tiere töten und Wasser zum Trinken finden. Dann ging es los. Ich ging als erstes los und suchte mir einen geeigneten Schlafplatz, also eine Höhle oder so etwas. Als ich eine gefunden hatte und mir auch sicher war, dass da kein Tier drin lebt, ging ich los, um mir etwas zum Trinken zu suchen und mit meinem selbstgebastelten Messer ein Tier zu erlegen und es zu essen. Dann ging ich schlafen.

So ging es die nächsten Tage weiter. Hin und wieder hörte man laute Schreie. Das bedeutete wohl, dass jemand gerade starb. Auf mich aber traf keiner. Nach sieben Tagen und fünf Schreien durften wir wieder aus dem Wald rausgehen.

Ich zählte und fand heraus, dass wir noch fünf Jungen waren. Die nächste Prüfung bestand daraus, durch einen See zu schwimmen. Drei Jungen sagten, dass sie untergehen würden. Zwei davon gaben sofort auf und einer sagte, dass er es zumindest versuchen wolle, ging aber tatsächlich unter.

So blieben nur noch zwei übrig – der Königssohn und ich. Die letzte Prüfung war, dass wir so gut wie möglich einen schönen Stuhl bauen müssen. Als wir fertig waren, kam der König und schaute sich unsere Stühle an. Dann verkündete der König: „Diese beiden Stühle sind sehr, sehr gut! Also erkläre ich damit Kronprinz Gabriel und Laurenz Roland zu den neuen Rittern.“

Darüber freute ich mich und meine Familie sehr. Nach zwei Tagen wurden wir zu Rittern geschlagen und freundeten uns miteinander an. Zusammen gewannen wir jede Schlacht und überwanden auch jedes Abenteuer.

Ein Abenteuer bestand daraus, dass Gabriel und ich Hilferufe hörten. Also folgten wir der Stimme und zogen schon unsere Schwerter, denn wir wussten ja nicht, was uns erwarten wird. Als wir aus dem Gebüsch rannten, sahen wir nur eine Frau, die nur Unterwäsche anhatte. Als wir sie fragten, warum sie denn in Unterwäsche herumlief, antwortete sie: „Ich bin im See hier in der Nähe baden gegangen, und dann hat mir jemand all meine Kleider geklaut!“ Da hob Gabriel sie auf sein Pferd und wir ritten nach Hause.

Wie der Zufall es wollte, heirateten die Beiden nach einem Jahr und bekamen drei Kinder – zwei Jungen und ein Mädchen. Ich nahm Gabriels Schwester zur Frau, und wir bekamen auch drei hübsche Kinder, zwei Mädchen und einen Jungen. Das war jetzt aber eine echt große Ablenkung von der Pest und den anderen Krankheiten.

Naja, jetzt sitze ich hier und schreibe meine traurige, aber auch spannende Geschichte aus den Zeiten der Pest. Da das aber jetzt alles vorbei ist, und ich – wie ich schon gesagt habe – hier sitze ist das jetzt aber auch endlich

DAS ENDE.

  • "Erzähl mir was" - Kinder-Edition