Das Ende - oder ein neuer Anfang

Von 
Julia Kraft (14)
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„Mama?“ ängstlich dringt die Stimme der 14 jährigen Josie durch den Mundschutz. Seit mehreren Wochen kämpft ihre Mutter schon mit diesem neuen Corona-Virus. Josies Vater ist vor drei Jahren bei einem Autounfall gestorben. Jetzt kann Großmutter Liese nicht einmal ihre eigene Tochter besuchen. Langsam bekommt Josie Panik: „Mama? Mama sag doch was“, bettelt sie. Plötzlich fangen die Monitore an zu piepen und rot zu leuchten. Josie schreit auf und weicht zurück. Ein Arzt und zwei Pfleger kommen herein. Einer der Pfleger fasst Josie an den Schultern und zieht sie an sich. Das ist Leon. Er ist 24. In den vergangenen Wochen hat er täglich nach ihr gesehen, und ihr oft Süßigkeiten zugesteckt, wenn sie ihre Mutter im Krankenhaus besuchte. Josie zittert und fängt an zu weinen.

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Leon führt sie nach draußen und bemüht sich die aufgebrachte Josie zu beruhigen: „Sie schafft das Josie“ flüstert er ihr ins Ohr. „Und wenn nicht? Was wird dann aus mir?“ entgegnet Josie. „Wir können wieder für sie beten, wie in den letzten Wochen, wenn du willst“, bietet Leon an. Sie setzen sich auf zwei Stühle, und falten die Hände. Leon spricht ein Gebet. Gemeinsam beenden sie das Gebet mit den Worten: „Herr, bitte erhöre unser Gebet und unsere Bitten. Amen.“ Jetzt fühlt Josie sich ein wenig besser. Der Pfleger, der bei ihrer Mutter geblieben ist, kommt aus dem Intensivzimmer und schüttelt vorsichtig leicht den Kopf. Josie versteht und schluchzt auf. Die Tränen laufen ihr in Strömen über die Wangen. Sie windet sich aus Leons Armen und läuft weg. Sie rennt den Flur entlang auf das Treppenhaus zu. Sie reißt die Tür auf und stürmt die Treppe hinunter.

Im Krankenhauspark setzt sie sich auf eine Bank an einer Hecke. Auf einmal setzt sich jemand neben sie und hält ihr ein Taschentuch hin „Du siehst so aus als könntest du es brauchen.“ Schnell wischt sich Josie die Tränen ab und sieht auf. Ein Junge etwa in ihrem alter sitzt neben ihr und lächelt sie vorsichtig an. Sie nimmt das Taschentuch, das er ihr hin hält, zögerlich an. „Ich bin Timo“, stellt sich der Junge vor. „Josie“ sagt Josie. Timo lächelt sie an und fragt: „Was ist denn passiert?“ „Können wir uns bitte über etwas anderes unterhalten?“ bittet Josie schon wieder den Tränen nahe und mit zuckenden Schultern. „Was machst du überhaupt hier“ fragt Josie zurück. „Mein Bruder hat sich das Bein gebrochen und da ich sonst niemanden habe bin ich täglich im Krankenhaus“ antwortet Timo schüchtern. „Ich verstehe was du meinst. Seit mehreren Wochen liegt, nein lag, meine Mutter wegen COVID-19 hier“ gibt Josie zu.

„Warum lag?“ fragt Timo. Josie atmet tief durch „Sie ist vor wenigen Minuten verstorben“ flüstert sie todtraurig. Timo nimmt sie in den Arm: „Wie wäre es, wenn wir uns bei einem Eis weiterunterhalten? Ich glaube wir sind uns ziemlich ähnlich.“ Josie zögert kurz und nickt. Sie hat noch immer Tränen in den Augen. Die Beiden gehen los. Josie steckt die Hände in die Taschen ihrer Weste und bleibt stehen. Vorsichtig zieht sie einen Zettel hervor schaut Timo kurz an. Dieser nickt. Daraufhin öffnet Josie den Zettel. Es ist ... Leons Nummer. Sie zieht ihr Handy hervor und tippt eine Nachricht. Danach steckt sie ihr Handy weg und geht mit Timo weiter. Als sie an der Eisdiele ankommen sucht Josie ihren Geldbeutel. „Mist!“ flucht sie „Ich habe meinen Geldbeutel vergessen. Warte hier ich hole ihn schnell.“ „Warte“ stoppt Timo sie: „Ich habe dich doch eingeladen.“ Er lächelt „Welche Sorten willst du?“ fragt er sie interessiert. Sie überlegt und fragt: „Sind Cookies und Mango okay?“  „Klar!“ antwortet er. „Setz dich doch. Ich hole es. In der genannten Reihenfolge, oder umgekehrt?“ fragt Timo. „Cookies oben und Mango unten wäre mir am liebsten.“ antwortet Josie.

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Sie beobachtet wie Timo zu der Eisdiele läuft. Josie überlegt was sie jetzt tun soll. Da klingelt ihr Handy. Leon ruft an zeigt das Display. Sie nimmt ab: „Hallo Leon“. „Josie wo bist du? Und wie geht es dir?“ fragt Leon besorgt. „Alles Gut.“ antwortet Josie „Bin mit einem Freund Eis essen. Wieso?“  „Josie ich weiß, dass das jetzt echt kompliziert ist, aber Abhauen hilft da nicht weiter. Bitte komm! Wir finden eine Lösung“ verspricht Leon. „Erst esse ich mein Eis!“ antwortet Josie stur und legt auf. Genau in dem Moment kommt Timo mit dem Eis zurück. Sie lächelt und nimmt es ihm ab. „Wer war das?“ fragt Timo „Dein Aufpasser?“ „So ähnlich“, antwortet Josie lächelnd. „Leon ist hier Pfleger. Er hat sich in den letzten Wochen ganz gut um mich gekümmert.“

Timo lächelt mitfühlend und zeigt auf eine Bank, auf die sich die beiden setzen. „Was hast du jetzt vor?“ fragt er. „Ich gehe noch mal rein und verabschiede mich von ihr.“ antwortet Josie leise und betrübt. „Danach werde ich zu meiner Oma gehen. Ich will es ihr sagen!“ ergänzt sie. „Soll ich mitkommen?“ fragt Timo. „Das wäre Super“ antwortet Josie vorsichtig. Die beiden essen die Reste ihres Eis und gehen zurück zum Krankenhaus. Als sie die Intensivstation betreten läuft ihnen ein aufgebrachter Leon entgegen. „Was hast du dir dabei gedacht? Einfach so abzuhauen!“ schimpft er. „Ich bin daran schuld.“ mischt sich Timo ein. „Ich habe sie dazu überredet mit mir ein Eis essen zu gehen.“ „Na gut. Du willst dich bestimmt von deiner Mutter verabschieden?“ fordert Leon Josie auf. Sie betritt das Zimmer, in dem ihre Mutter die letzten Wochen lag. Leise spricht sie mit ihr. Nach etwa einer viertel Stunde beugt sie sich über Sie umarmt sie ein letztes Mal traurig und gibt ihr einen letzten Kuss auf die Wange. Dann dreht sie sich um und lächelt Leon und Timo tapfer unter ihren Tränen an. Josie kommt zur Tür, dreht sich ein letztes Mal um und sagt „Machs gut Mama! Was hast du immer zu mir gesagt? Bis wir uns wiedersehen, halte Gott dich fest in seiner Hand! Wir sehen uns Mama!“

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Timo und Leon legen ihr je eine Hand auf die Schulter und sagen: „Mein Beileid Josie“. „Ich muss zu meiner Oma!“ erinnert sich Josie. „Josie!“ beeilt sich Leon zu sagen. „Sehen wir uns wieder?“ fragt er. „Bestimmt Leon. Du hast ja meine Nummer. Kommst du Timo?“ fragt Josie. „Schon unterwegs.“ antwortet dieser. Die beiden verlassen das Krankenhaus und eilen zur Bushaltestelle. Eine halbe Stunde später kommen sie bei Oma Liese an und überbringen ihr die traurige Nachricht. „Wie geht es dir mein Engel?“ fragt Liese sofort. Josie schluchzt auf. „Wir schaffen das, mein Schatz!“ wird Josie von der Großmutter getröstet. „Sag mal wer ist der Junge da?“ fragt Liese „Das ist ein Freund von mir, er heißt Timo!“ sagt Josie und winkt Timo zu sich. „Mein Beileid“ sagt Timo. „Und du willst meiner Enkelin also durch diese Zeit helfen?“ fragt Liese. „Wenn es ihr hilft dann würde es mich freuen, ihr helfen zu dürfen!“ antwortet Timo.

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„Maus, es gibt da ein Problem! Ich kann das Sorgerecht nicht für dich übernehmen, da ich schon zu alt bin! Entweder wir finden jemand, oder du wirst in ein Kinderheim gehen müssen!“ eröffnet Oma Liese Josie. Josie kann es nicht fassen! Gibt es an diesem Tag auch irgendetwas positives? Wohl eher nicht! Sie schluchzt auf. „Oma wir sehen uns, ja? Ich glaube ich gehe jetzt besser mal nach Hause, und fange an zu packen.“ Sagt Josie. „Ist gut mein Schatz! Hab dich lieb! Pass auf dich auf! Okay?“ fragt sie abschließend. „Klar.“ antwortet Josie. Timo und Josie gehen aus dem Haus und laufen über die Straße.

Josie schließt die Wohnungstür auf und wird von ihrer Katze Mimi begrüßt. Josie lächelt. Sie streicht Mimi über das Fell und zieht ihre Schuhe aus. Timo tut es ihr gleich und beide gehen zwei Stockwerke höher. Dort holt Josie eine einklappbare Leiter und fährt sie aus. Sie lehnt sie an die Wand, an der in zwei Meterhöhe eine Tür ist. Diese Tür führt zum Heizungsraum, der ganz oben unter dem Dach liegt. Hier lagern die Koffer! Josie holt zwei Koffer hervor, und reicht sie Timo. Danach kommt Josie wieder runter und schleppt einen der beiden Koffer in ihr Zimmer.

Timo trägt den anderen! In ihrem Zimmer öffnen sie die Koffer, und Josie fängt an zu packen. „Josie sag mal dieser Leon. Der ist doch volljährig, oder?“ fragt Timo „Äh ja!?“ antwortet Josie verwirrt. „Hat er eine Freundin oder Kinder?“ fragt Timo unbeirrt weiter. „Nicht, dass ich wüsste!“ sagt Josie immer verwirrter. Dann löst Timo das ganze auf! „Er könnte dich doch aufnehmen. Ihr wirkt ziemlich vertraut und scheint euch auch zu mögen.“ Josie zögert. Sie überlegt. „Eigentlich gar keine schlechte Idee, vorausgesetzt Leon hat nichts dagegen!“ antwortet sie schließlich. „Frag ihn doch.“ Entgegnet Timo. Sie lächelt und ruft Leon an. Nachdem sie ihm den Sachverhalt erklärt hat, sagt er: „Äh, wenn das mit dem Jugendamt und so weiter hinhaut klar gerne. Wo wohnst du?“ fragt er. Josie gibt ihm ihre Adresse und er fragt: „Ich hole dich in zwei Stunden ab, ist das okay?“ „Klar.“ antwortet Josie.

Wenige Monate später ist Leon der Erziehungsberechtigte von Josie. Die beiden verstehen sich gut und sind glücklich. Timo und Josie sind inzwischen beste Freunde.

  • "Erzähl mir was" - Kinder-Edition