"Das geht wie im Schlaf"

Klaudia Cammalleri ist eine von 321 Frühaufstehern, die jede Nacht den "MM" dorthin bringen, wo er am Morgen erwartet und gelesen wird. Unterwegs mit einer Zustellerin in Käfertal.

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Die Uhr schlägt 2.30 Uhr mitten in der Nacht, als Klaudia Cammalleri in Käfertal ihren ausrangierten Kinderwagen aus dem Auto zieht. Bei angenehmen 22 Grad erinnert es ein bisschen an eine Sommernacht im Urlaub. Für Cammalleri ist es aber ein ganz normaler Arbeitstag, der aufhört, bevor die Sonne richtig aufgegangen ist. 321 "Mannheimer Morgen"-Austräger sind auf 447 Zustellbezirke aufgeteilt - und sie ist schon seit 25 Jahren eine davon. Zu ihrem Bereich zählen die Bezirke 08 und 10 in Käfertal. Das heißt 102 Zeitungen und 12,3 Kilometer innerhalb weniger Stunden. 4,2 geht sie davon zu Fuß - vor sich schiebend, ihren Kinderwagen bis obenhin voll mit Exemplaren des "Mannheimer Morgen".

"Keiner steht hinter mir und beobachtet, was ich mache. Das liebe ich an der Arbeit": Zustellerin Klaudia Cammalleri auf Tour in Käfertal.

© Blüthner
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Den Bezirk am Käfertaler Wald meistert sie mit dem Auto. Um spätestens 6 Uhr muss die Tageszeitung in den Briefkästen der Abonnenten stecken. Zeitdruck hat Cammalleri aber nie: "Ich bin ein Nachtmensch und deshalb eigentlich immer schon um halb drei unterwegs. Nach spätestens drei Stunden ist alles erledigt und dann startet mein Tag."

Auf das Frühstück freue sie sich immer besonders. Bei ihrem Weg durch die Straßen kommt sie jedes Mal an einer Bäckerei vorbei, bei der der Duft von frisch gebackenen Brötchen durch die ganze Straße zieht. "Es riecht immer so toll hier und außerdem ist alles schön ruhig. Keiner steht hinter mir und beobachtet, was ich mache. Das liebe ich an der Arbeit", sagt Cammalleri mit einem Lächeln. Danach kommen die "normalen" Hausfrauentätigkeiten. Putzen, kochen, die Enkelkinder beschäftigen und ab und zu auf der Couch die Füße hochlegen und auch einen Blick in die Zeitung werfen, die sie jeden Tag 102 Mal in den Händen hält.

Flink und munter

Wie sie auf die Idee kam, weiß, Cammalleri noch ganz genau: "Es war simpel: Die Kinder waren noch sehr klein, und da war die Arbeit in der Nacht am einfachsten mit dem Alltag unter einen Hut zu bringen."

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Die Müdigkeit sieht man der 55-Jährigen nicht an. Während sie den "Mannheimer Morgen" in die Zeitungsrohre schiebt oder unter die Tore gleiten lässt, verliert sie keine Zeit. Flink und munter lässt die Mannheimerin den Kinderwagen immer ein Stück weiter die Straße entlang rollen, während sie die aktuelle Ausgabe zwischen ihren Händen faltet und in die vielen Briefkästen steckt. Dabei weiß sie immer ganz genau, welches Haus wie viele Zeitungen bekommt und welches sie auslässt. "In meinem Stammbezirk geht das wie im Schlaf, wenn ich ein Gebiet übernehme, habe ich eine Liste mit allen Häusern. Da bin ich dann aber auch nicht so schnell."

Respekt vor Hunden

So schön sommerlich wie in dieser Nacht ist es aber nicht immer. Im Winter und bei starkem Regen sei es richtig harte Arbeit und ein bisschen Respekt habe sie auch vor betrunkenen Gruppen oder Hunden, die unerwartet gegen die Zäune springen. "Richtig passiert ist mir aber Gott sei Dank noch nichts", sagt Cammalleri. Weil sie über eine Stufe gestolpert ist, hatte sie sich einmal einen Bruch am Handgelenk zugezogen - und fiel deshalb sechs Wochen am Stück aus. Trotzdem würde sie ihre Arbeit mit niemandem tauschen.

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Nachdem der letzte "Mannheimer Morgen" in einem Käfertaler Briefkasten verschwindet, sagt sie schmunzelnd: "Viele stehen jetzt bald auf, um sich für die Arbeit fertig zu machen - ich habe jetzt frei." Zumindest bis zur nächsten Nacht, da klingelt für sie der Wecker wieder zu einer ganz ungewöhnlichen Uhrzeit.